Ab(sch)lach(t)en mit Abdelkarim in Soest

Ab(sch)lach(t)en mit Abdelkarim in Soest
Ab(sch)lach(t)en mit Abdelkarim in Soest

Am 09.01.2016 war Abdelkarim, der marokkanische Migrationsbeauftragte in Sachen Kabarett-Comedy, zu Gast im Alten Schlachthof Soest. Dumm, dass mir erst einen Tag spĂ€ter die Frage danach einfiel, ob er als Moslem denn ĂŒberhaupt in einem ehemaligen deutschen Schlachthof auftreten dĂŒrfte, wenn er doch nicht sicher sein könnte, dass man dort auch Halal geschlachtet habe. Gut, dass mir die Frage erst spĂ€ter einfiel, sonst hĂ€tte ich sie ihm wahrscheinlich, mit einem konzilianten LĂ€cheln begleitet, gestellt, wĂ€hrend ich seine CD gekauft und von ihm hĂ€tte signieren lassen: „Abdelkarim, sag mal, darfst Du als Moslem denn ĂŒberhaupt in einem ehemailgen Schalchthof auftreten, obwohl Du ja nicht weiß, ob hier frĂŒher auch wirklich Halal geschlachtet wurde? *zwinker* „Nee, aber guter Hinweis. Werde ich auf jeden Fall von meinem Management prĂŒfen lassen, bevor ich nĂ€chsten Monat im Schlachthof im Bayerischen Fernsehen und in Bremen auftrete!“ *zwinker zurĂŒck*

Abdelkarim live ©Peter_Woller

Abdelkarim live ©Peter_Woller

Kann halt nicht jeder Kanake Kabarett-Comedy machen, lieber Marcello. Besser also dem Schweigefuchs folgen: Ohren spitzen, Klappe halten, Kladde aufschlagen. Neben mir stimmen sich zwei italienische PÀrchen auf Abdelkarim ein, erzÀhlen sich irgendetwas von einem schwarzen Boxer. Passt irgendwie zum Motto des Abends: Zwischen Ghetto und Germanen und mitten aus der Bielefelder Bronx.

Das gewisse Salafistische aus Sri Lanka
Dann betritt Abdelkarim die BĂŒhne. Eine Dame in der ersten Reihe wird zum Warm-up gefragt, warum sie denn ihre Handtasche unterm Arm habe. „Wegen des Kanakens neben Dir? Keine Angst, wenn was ist, sag Bescheid, dann kann man ihn aufhalten. Und immer eine ArmlĂ€nge Abstand halten!“ Dann widmet sich Abdelkarim dem Mann neben der Frau: „Woher bist Du? Aus Sri Lanka? Ok, Ihr seit die Guten!“ Und der Mann mit dem Bielefelder Bart wird noch besser. Ja, es gĂ€be das gewisse Salafistische (wohl in jedem) und ob denn jemand hier im Saal einen Salafisten im Freundeskreis habe. An dieser Stelle bleiben die Wortmeldungen aus. Macht aber nichts, denn Abdelkarim hat sowieso viel zu erzĂ€hlen. Beispielsweise, dass er erst in der 8. Klasse das Seepferdchen bekommen habe – unter der Hand, versteht sich. Dabei hĂ€tte er sich doch seinen Klassenkameraden zufolge perfekt im und mit Wasser auskennen mĂŒssen. Schließlich seien seine Eltern und er doch nach Deutschland geschwommen.

Abdelkraim_ausverkauft_090116_Schlachthof_Soest ©Marcello Buzzanca

Abdelkraim_ausverkauft_090116_Schlachthof_Soest ©Marcello Buzzanca

Besser also abtauchen, bevor man unfreiwillig untergeht, zum Beispiel in der Hauptschule, die Abdelkarim seinen Angaben zufolge besuchte. „Die Hauptschule ist der einzige Ort, an dem AmoklĂ€ufer zu Opfern werden!“ Und ĂŒberhaupt hat ihn diese Schulform auch anderweitig geprĂ€gt. Als Marokkaner war er das Maskottchen, das in der Pause alle streicheln durften. „Außerdem war der Vorteil, dass die Lehrer mit mir kein TĂŒrkisch sprechen konnten. Ich kam also an den AuslĂ€ndertisch – neben die beiden Deutschen Vitali und Waldimir!“ Wohl auch, um dieses Trauma und das der FĂŒhrercordhose, die Abdelkarim tragen musste und von der alle hĂ€sslichen Cordhosen abstammen, zu ĂŒberwinden, beginnt er mit Schach. Seinem Vater sei das zuerst suspekt vorgekommen, da die Dame sich doch ĂŒberall hin bewegen dĂŒrfte. Erst als er ihm erklĂ€rte, dass man die Dame auch schlagen könne, entdeckte Abdelkarims Vater Spaß am Schach.

Starker Mann mit großem Bart macht alle fertig
Abdelkarim ackert weiter, bohrt tief in seiner Kindheit und Jugend und trifft tief und selten seicht den Ischias der Integrationswilligen- und wĂŒtigen. „Perfekte Integration ist, wenn der Marokkaner der Polizei hilft, den schwarzen Afrikaner zu schnappen!“ Denn immer dann, wenn auch einer von denen im Zug sei, wĂŒrde er nicht von der Zivilpolizei kontrolliert. Daraus leitet Abdelkarim die Annahme ab, dass die Kripo nach einer Farbskala vorgehe, was verdachtsunabhĂ€ngige Personenkontrollen angeht. Sogar den Mythos, dass seine Heimatstatdt Bielefeld gar nicht existiere, kann Abdelkarim erklĂ€ren – migrantisch, versteht sich. „Das GerĂŒcht, dass es Bielefeld nicht gibt, wurde von einem Bielefelder selbst in die Welt gesetzt, damit die RumĂ€nen nicht kommen.“ In Duisburg, seiner jetzigen Heimatstadt, habe das nicht geklappt.

 Abdelkarim_Tourplakat_©abdelkarim.tv

Abdelkarim_Tourplakat_©abdelkarim.tv

Funktioniert hingegen habe die Integrationstaktik von Jogi Löw. Der habe doch alles in die Fußballnationalmannschaft integriert, was bei 3 nicht in der Spielothek gewesen sei. Sehr erfolgreich, wie man und alle anderen Mannschaften ja gesehen und gespĂŒrt haben. Zum Abschluss erklĂ€rt Abdelkarim noch seine Liebe zu Bud Spencer: „Ein starker Mann mit Bart, der alle fertig macht!“ Und dann zeigt er eindrucksvoll, dass eigentlich ER der einzige ist, dem die Deutsch-Rap-Krone zusteht: „Ich geh in den Wald mit meiner Beretta, ich bin der BĂ€r-Retter!“ Schade, dass Wilhem Bushido nicht zuhört, andererseits ist Abdelkarim die fehlende Anerkennung seiner Kunst sehr familiĂ€r. Selbst sein Vater sagt, dass er in Marokko nicht damit angeben könnte, dass der Job seines Sohns sei, Deutsche zum Lachen zu bringen. Sehr bedauerlich, denn das macht der marokkanische Migrationsbeauftragte sehr gut – im Ghetto, hier in Soest und sicher auch in anderen Schlachthöfen, wo sein Humor, der nicht immer Halal ist, Jung, Alt und AuslĂ€nder begeistert.

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Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.