Akademliche AuslÀnder

Akademliche AuslÀnder
Akademliche AuslÀnder

Von Bildungswegen sagt man, dass man sie beschreitet und dass sie einen am Ende irgendwohin fĂŒhren. Das gilt im selben Maße auch fĂŒr Menschen mit Migrationshintergrund. Sie mĂŒssen ebenso teils blĂŒhende teils karge Bildungslandschaften durchschreiten, um ihren Wissensdurst stillen zu können. An irgendeiner Quelle, Oase oder im schlimmsten Fall in einer stinkenden PfĂŒtze. Der Weg in die WissenswĂŒste ist dabei nicht zwangslĂ€ufig das unausweichliche Ziel und dennoch wird man das GefĂŒhl nicht los, dass das Navi der Kinder mit Migrationshintergrund eine Route besonders prĂ€feriert. Und deren Ziel liegt fern der Bildung.

DafĂŒr verantwortlich sind ihre Eltern und Lehrer, das deutsche Bildungssystem im Allgemeinen und die nicht auf Deutsch gefĂŒhrten PausengesprĂ€che im Speziellen. Die Erkenntnis von der Bildungsbenachteiligung von MemiMis (Menschen mit Migrationshintergrund) ist aber insgesamt weder neu noch fĂŒhrt sie zu neuartigen Initiativen seitens der Bildungspolemik- und politik. Andererseits gibt es Studien, die das Trojanische Pferd mit Namen Interkulturelle Öffnung der Institutionen anders aufsatteln wollen.

Das Forschungsprojekt „Bildung, Milieu & Migration“, dessen Ergebnisse die Abteilung fĂŒr Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t DĂŒsseldorf mit UnterstĂŒtzung der Stiftung Mercator und Vodafone Stiftung Deutschland nun unter dem Titel „Große Vielfalt, Weniger Chancen“ veröffentlicht hat, zeigt, dass die Migranten sich in Milieus aufteilen lassen. Und das je nach Milieu andere Bildungsmotive, mehr oder weniger ausgeprĂ€gtes Interesse an Elternbildungsangeboten, unterschiedliche Wertorientierungen oder auch Bildungseinstellungen und Bildungsziele existieren. Am Ende aber wollen alle Eltern nur eins: Dass es ihre Kinder spĂ€ter mal anders und besser haben sollen als sie selbst.

Interkulturelle Öffnung von Schule aus Elternperspektive ©Heinrich Heine UniversitĂ€t

Interkulturelle Öffnung von Schule aus Elternperspektive ©Heinrich Heine UniversitĂ€t

Migration zum Mitmachen
TatsĂ€chlich war ich persönlich eher von den Migranten-Milieus als von den Ergebnissen an sich fasziniert. Denn dass wir Menschen mit Migrationshintergrund engagierte Eltern, Nachhilfelehrer, Klassenfahrtenbegleiter, Taxikuriere zur Schule und zum Verein wie auch hoffnungsglos mit besten und bilingualen VorsĂ€tzen ĂŒberladen sind, sehe und lebe ich jeden Tag.

Meine einzige „Sorge“ ist, dass ich mich spĂ€testens in der 7. Klasse in Sachen Assistenz bei Mathe-Hausaufgaben verabschieden darf. Und bei Physik, Chemie und Biologie fange ich erst gar nicht an zu intervenieren. Das macht meine Frau. Nicht, weil sie Deutsche ist, sondern weil sie es besser kann. Mein BildungszustĂ€ndigkeitsbereich wird sich weiterhin auf die „LaberfĂ€cher“ (Deutsch, Geschichte und so) und auf die Fremdsprachen konzentrieren, wie natĂŒrlich auch auf BĂ€lletrsitik (Fußballtraining Theorie und Praxis) und Wrestling im Pool und auf dem Sofa. Das ist mir Bildungsauftrag genug und kommt mir als Kampfkanake auch ganz gelegen.

Bildungsbewusstsein 1976 © Marcello Buzzanca

Bildungsbewusstsein 1976 © Marcello Buzzanca

Aber natĂŒrlich bin auch ich mit schlottrigen Knien zum ElterngesprĂ€ch, als es um die weiterfĂŒhrende Schule und die Empfehlung der Lehrerinnen ging. Die uneingeschrĂ€nkte Empfehlung fĂŒrs Gymnasium war insofern eine große Erleichterung und BestĂ€tigung. Die haben natĂŒrlich auch andere Kinder erhalten – mit und ohne Migrationshintergrund. Andere wiederum haben sich fĂŒr ihre Kinder eher fĂŒr die Real- oder Sekundarschule entschieden. Vielleicht aus Angst, sie könnten auf dem Gymnasium nicht mithalten oder auch weil sie eine seltsame Hemmung haben, ihren Kindern mehr zuzutrauen als man ihnen zugetraut hat.

Meine Eltern waren da anders: Sie vertrauten auf die Empfehlung meiner Lehrerinnen, auch wenn sie die in den ganzen vier Grundschuljahren nur einmal- nĂ€mlich bei der Einschulung – gesehen hatten und immer darauf vertrauten, dass ich meine Hausaufgaben schon schaffen wĂŒrde. Und wenn nicht, gab es ja die Nachhilfe, also Kumpels, die es besser konnten und die freundlicherweise ihre Hefte zur VerfĂŒgung stellten. Und vor der Schule oder in den Pausen konnte ich mich sowieso besser auf Hausaufgaben konzentrieren, als auf 65mÂČ, die wir uns zu fĂŒnft teilten und die wenig Platz fĂŒr Schreib- und Schul-AllĂŒren ließen.

Multikulturelle Performermilieu ©Vodafone_Stiftung 2015

Multikulturelle Performermilieu ©Vodafone_Stiftung 2015

Traditionelles Arbeitermilieu, multikulturelles Performermilieu und bescheidene Bildungsaspirationen
Aber zurĂŒck zur Studie und zum Hier und Jetzt der interkulturellen Verstopfung der Institutionen. Die Ergebnisse der Untersuchung der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t DĂŒsseldorf zeigen vor allem, dass es Differenzen gibt – zwischen dem, was die Eltern einbringen und dem, was die interkulturelle Öffnung an Bildungseinrichtungen angeht. Heißt: Sie wollen, können aber nicht so richtig. Eltern mit Migrationshintergrund haben nicht nur orientalische Wandteppiche und kitschige mediterrane Schlafzimmereinrichtungen, sondern konkrete Bildungsmotive. Bildung ist fĂŒr sie vor allem die Chance, dass ihre Kinder einen sicheren Beruf erlernen, sich damit auch ohne körperliche Belastung finanziell absichern können und nebenbei auch der Charakter geformt wird – zu guten Umgangsformen, Respekt vor den Älteren und denen, die was zu sagen haben (Chefs).

Elternbildungsangebote © Heinrich Heine UniversitÀt 2015

Elternbildungsangebote © Heinrich Heine UniversitÀt 2015

Das traditionelles Arbeitermilieu, so die Studie, sei bei den Bildungsaspirationen fĂŒr ihre Kinder eher bescheidener, entferne sich damit also quasi stufenweise aus der Bildungsferne und habe eher „moderate Ambitionen hinsichtlich der beruflichen Möglichkeiten“. Das multikulturelle Performermilieu hingegen – also die Eltern-Hipster unter den Migranten als junge, flexible und leistungsorientierte Generation mit bi- bzw. multikulturellem Selbstbewusstsein – gibt ihr Streben nach Autonomie und intensivem Leben ihren Kindern mit auf den Bildungsweg.

Sie sehen Bildung als „Ticket in ein besseres Leben“, fĂŒr mehr Optionen bei umfassenden Bildungsangeboten. Damit sollen ihre Kinder „bestmöglich auf eine vielfĂ€ltige und global mobile Welt vorbereitet werden“ und einen Bildungsweg einschlagen können, der ihre Interessen und Begabungen am besten widerspiegelt. Scheiß‘ was auf die Empfehlung geburntouter Lehrerinnen und Lehrer. Here comes the multikuluturelle Kanak Kampf-Komitee und rodet den Bildungsdschungel mit seinen Sarazenen-SĂ€beln. Und dann ist die deutsche Bildungslandschaft auf allen Ebenen hoch angesiedelt und damit fĂŒr alle gut erreichbar. Leider aber auch fĂŒr die vielen Migranten, denn die mögen die Migranten gar nicht neben ihren Kindern auf der Schulbank.

Bildungserfahrungen und -einstellungen ©Heinrich Heine UniversitÀt 2015

Bildungserfahrungen und -einstellungen ©Heinrich Heine UniversitÀt 2015

Schiefe Chancengerechtigkeit und warum du bleibst, was du bist
UnabhĂ€ngig von der Studie und als eigentliche Inspiration dieses Blogposts, arbeitet der Journalist Marco Maurer an der Frage, wie es mit der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland so aussieht – fĂŒr AuslĂ€nder- und Arbeiterkinder oder schlimmer noch, Kinder, deren Milieu und Herkunft eine Personalunion dieser beiden A bildet und die damit so fern von Bildung zu sein scheinen wie die ich von einem Ingenieursstudium.

In seinem Buch „Du bleibst was du bist“ Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet befragt und portrĂ€tiert er sowohl die einen wie auch die anderen A und auch die Doppel-A wie Cem Özdemir oder Pinar Atalay. Er befragt zudem weitere prominente Bildungsaufsteiger wie Bahn-Chef RĂŒdiger Grub und Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Und das tut Maurer nicht aus dem schicken Journalistentempel heraus, sondern aus genau ihrer Perspektive. Denn auch er ist ein Arbeiterkind, der den Aufstieg ĂŒber den zweiten Bildungsweg geschafft hat.

FĂŒr sein Buch und seine Recherchen ist er bis ins Mutterland guter Bildung und Chancengleichheit – also Finnland – gereist. Ich weiß zwar nicht, was ihm ein kĂŒnftiges BĂŒndnis von einerseits bĂ€uerlich-liberaler Zentrumspartei und andererseits Einwanderungs- und Europagegnern, die als auslĂ€nderfeindliche wahre Finnen firmieren, an Bildungsvorbild sein kann, aber das steht auf einem anderen Blatt. Das aber wird nicht in Schreibschrift bekritzelt werden, denn diese Schnörkelei streichen die pragmatischen NordlĂ€nder ab nĂ€chstem Jahr aus den Curricula der Schulen.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.