Als Franz Müntefering sich gleich zweimal meinen Kugelschreiber lieh.

Als Franz Müntefering sich gleich zweimal meinen Kugelschreiber lieh.
Als Franz Müntefering sich gleich zweimal meinen Kugelschreiber lieh.

Nicht jeder politische Exkurs muss einen weit führen oder verwirren. Manchmal nämlich liegt das Namhafte sehr nahe, trotz der einen oder anderen programmatischen Distanz. Diese aber kann unversehens verkürzt werden, vor allem dann, wenn ein volksnaher ehemaliger Volksvertreter wie Franz Müntefering die Bühne respektive den mit Schotterkies ausgelegten Parkplatz einer Dorfschänke betritt.

Franz Müntefering besucht den SPD Ortsverein Bruchhausen. Mal wieder. Schließlich kommt Münte von hier wech. Seine Ankunft verläuft ebenso unprätentiös wie er auch seine Karriere als Politiker gestaltete. Er ist plötzlich einfach da und gehört sofort dazu. Der Empfang ist herzlich und familiär, so als würde ein alter Freund begrüßt und nicht ein ehemaliger deutscher Vize-Kanzler. Müntefering ist hier und heute beides.

Hat er mir tatsächlich gerade zugenickt? Hat er mich etwa erkannt? Mich, der ich ihn ja bereits 2004 ganz in der Nähe live erlebt habe, zusammen mit Gerhard Schröder. Damals feierte man 70 Jahre Sorpesee und Müntefering führte seinen Freund Schröder durch seine Heimat im Sauerland. Irgendwie aber hieß Müntefering auch mich in dem mir damals fremden Sauerland willkommen, einfach weil er für mich ein bekanntes und vor allem sympathisches Gesicht war, das ich zumindest aus dem Fernseher kannte.

Franz Müntefering beim SPD-Ortsverein Bruchhausen_18.08.2020

Franz Müntefering beim SPD-Ortsverein Bruchhausen_18.08.2020

Ich erinnere mich noch, dass Gerhard Schröder damals eine Bratwurst zur Bedingung für seine Rede machte. Da er danach viel erzählte, hatte man ihm wohl eine besorgt.

Mein Stift schreibt Geschichte (oder Notizen)

Franz Müntefering hingegen will keine Wurst. Er nippt an einem kleinen Glas, steht noch abseits seines Rednerpults aka Klapptisch-Gartengarnitur und telefoniert. Plötzlich kommt er auf mich zu: „Gib mir mal bitte deinen Stift!“ Perplex schiebe ich ihm meinen Kugelschreiber zu. Ich will ihm noch helfen, die Kappe abzubekommen, erinnere mich dann aber an das Thema seines heutigen Vortrags: Seniorenpolitik im ländlichen Raum und „dass es auch zwischen dem 60. und 90. Lebensjahr noch eine schöne und aktive Zeit gibt.“ Unwahrscheinlich, dass mein Hilfsangebot unter diesen Umständen auf Verständnis stieße.

Müntefering setzt an, um sich während des Telefonats etwas auf dem Wahlflyer des SPD-Ortsvereins zu notieren. Schüchtern schiebe ich ihm ein Blatt Papier meines Blocks hin –  mit dem Logo des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Den Block hatte man mir vor zwei Jahren beim Tag der offenen Tür im Umweltministerium nebst anderen Devotionalien in die Hand gedrückt. Nicht  dass ich vor der Begegnung mit Franz Müntefering davon ausgegangen wäre, dass ich ihm ein Blatt Papier geben würde. Nein, ich hatte mir den Block für mein Blog mitgenommen. Und auf „politischem“ Papier schreiben sich Notizen über den Auftritt eines Politikers irgendwie auch fasst von selbst.

Er bedankt sich, nimmt sich das Blatt, schreibt etwas drauf und schiebt mir den Stift freundlich zurück. Ob er das Logo bemerkt hat? Schließlich sitzt dem Ministerium mit Svenja Schulze doch eine Sozi vor. Vielleicht irritiert ihn ein solches Logo auch einfach nicht mehr, weil er wahrscheinlich schon öfter Notizen auf Papier mit Bundesadler verfasst oder Gesetze unterschrieben hat.

Die ersten Begrüßungsreden des Ortsverein-Vorstands beginnen. Franz Müntefering dreht sich erneut zu mir, gestikuliert mit freundlichem Lächeln nach meinem Stift und nuschelt dabei irgendetwas. Ich ignoriere die Kappe und reiche ihm meinen Stift rüber. Papier hat er ja jetzt.

So schreibt sich SPD also

Während er mir kurze Zeit später meinen Kugelschreiber zurückgigt, überlege ich, wo ich den Stift am besten anfasse, ohne Müntes Fingerabdrücke dabei zu verwischen. Ich ärgere mich, dass ich vergessen habe, den SPD-Kugelschreiber mitzunehmen, den mir Dirk Wiese 2013 als Bundestagskandidat für den Hochsauerlandkreis in die Hand gedrückt hatte, mit dem Versprechen, dass wenn die SPD Regierungsverantwortung übernehmen würde, ich dann auch als EU-Ausländer mein Wahlkreuz auf Landesebene machen könnte. Gerne auch für die Sozialdemokraten. Hat er gemeint, aber nicht gesagt. Dirk Wiese, der aus Brilon und damit nicht weit weg von Arnsberg stammt, ist jetzt Russland-Koordinator der Bundesregierung und war früher Müntes wissenschaftlicher Mitarbeiter. Manche Zufälle stürzen sich einem manchmal einfach vor die Füße. Man muss sie nur aufheben und etwas daus machen.

So schreibt sich SPD

So schreibt sich also SPD

Endlich setzt Müntefering  zu seiner Rede an. Auch wenn es sich nach Plaudern anhört, schwingt in jedem seiner Sätze eine wohl dosierte Weisheit mit. Nicht Altersweisheit, sondern gelebte Erfahrung. So merkt er beispielsweise an, dass dem  Sinn der deutschen Sprache nach die Älteren älter als die Alten sein müssten. Tatsächlich aber sind sie nur älter als die Jüngeren.

Er sei jetzt 80, sagt er. In Durchschnitt würden Männer in Deutschland 87 Jahre alt. Mit seiner Frau sei er daher darüber eingekommen, dass sie gemeinsam die 90 anpeilen würden.  Finde ich gut.

Überhaupt würden Frauen im Schnitt drei bis vier Jahre älter als Männer, nur würden sie nie verraten, wie sie das tun.

Politisch im engeren Sinne wird es dann auch noch, beispielsweise mit Hinblick auf soziale Gerechtigkeit. Dafür stehe die SPD. Für Gerechtigkeit auf hohem Niveau. Das „hohe Niveau“ sagt die Sozialdemokratie zwar nicht, meint es aber. Aha, also eine implizierte Inklination nach oben.

Politiker werden, sein und bleiben

Wie Müntefering in die Politik kam? Durch seinen Vater, der ihm davon abriet. Durch Neugierde, um zu erfahren, ob es neben Deutscher Zentrumspartei und CDU auch Alternativen gäbe. Und da fand er 1949 den Flyer der SPD bei sich zu Hause.

Wie Müntefering in die Politik kam? Mit dem Auto und dem Führerschein, den er erst mit Eintritt in die SPD machte, also mit 28 Jahren. Vor allem machte er den Führerschein FÜR und damit auch DANK der SPD, weil er sonst nicht zu den Sitzungen gekommen wäre. Ansonsten seien ihm Autos egal.  Ein PKW-Pragmatismus, der mir gefällt.

Wie Münte in der Politik blieb? Indem er immer da war, wenn die Partei sich traf. Dann nämlich konnte keiner unbemerkt über ihn reden.

Er wirft noch ein paar (be)merkenswerte Worte ein, etwas wie Befähigungsgerechtigkeit. Meint: Alle Kinder müssen gleiche Bildungschancen haben, um auch später Chancengleichheit realisieren zu können.

Außerdem vermisst er eine globale Gerichtsbarkeit für Umweltverbrechen. Vor so einem Tribunal würde er Jair Bolsonaro gerne sehen, lässt er anklingen.

Ob Müntefering nun grüner geworden oder eher erhaben über politische Couleur ist, solange nichts Braunes und Magentafarbenes untergemischt ist und es schlicht und ergreifend gut und gerecht ist? Schließlich, so sagt er, sei Liberalität wichtig und man (also die Genosinnen und Genossen) dürften sie keiner anderen Partei überlassen.

Die drei L

Zum Ende hin spricht er über seine drei L. Ich überlege und komme zu dem Schluss, dass es sich bei den L nicht um Legislaturperioden handeln kann. Denn davon hatte Franz Müntefering definitiv mehr als drei.

Nein es geht um Laufen, Lernen und Lachen. Darum, dass die Bewegung der Beine den Kopf ernährt und nicht darum, wie sich die SPD ausrichtet. Wobei, wenn die Köpfe  – also Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans – einen Schwenk nach links vorgeben, werden die Beine, also die Basis, folgen?

Franz Müntefering beim SPD-Ortsverein Bruchhausen_18.08.2020

Franz Müntefering beim SPD-Ortsverein Bruchhausen_18.08.2020

Es geht um Lernen. Ja, da tue ich heute Abend, beispielsweise dass der Kopf Teil des Körpers ist und nicht irgendeine abgehobene Instanz, die selbigen auch gegen den Willen der Gliedmaßen und Organe durchsetzt. Es geht um Lachen, nicht über Witze, sondern über tiefgründigen Humor.

Irgendwie geht es auch um Wahlen der kommunalen Art und Weise hier in NRW am 13. September. Aber dazu äußert sich Franz Müntefering nicht. Kein Einschwören, kein Wahlgetöse. Einfach nur Geschichten , Gedanken und Gelebtes, die sicher auch die Seniorenpolitik im ländlichen Raum bewegen können. Vielleicht sogar den einen oder anderen zur Wahlurne, zumindest jedoch zum Nachdenken über Vergangenes und Künftiges und das politische,  gesellschaftliche und menschliche Miteinander von beidem und allen.

Franz Münteferings Schlusswort, dass er trotz des aufziehenden Gewitters gewohnt entspannt spricht: „Morgens immer aufstehen. Immer.“ Das schließlich bringt Kopf, Beine, Lachen und Lernen irgendwie auf Linie und voran.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.