Auf Buchfühlung mit dem Pott

Auf Buchfühlung mit dem Pott
Auf Buchfühlung mit dem Pott

Wie lässt sich verifizieren, ob das, was man pot(t)enziellen Ruhrgebietstouristen in einem eigenen Reiseführer mit auf den Weg gegeben hat, sie auch ans Ziel führt und nicht auf eine Ruhrpott-Road-of-no-Return? Ganz einfach: Man arbeitet die gedruckten Destinationen Etappe für Etappe ab. Nochmals und fremdgeführt. Und in jedem Fall für lau, denn um 101 Dinge, die man im Ruhrgebiet ohne Geld erleben kann, geht es in meinem Reiseführer ja schließlich auch.

Einfach mal die Presse(mappe) halten
Also auf zur dreitätigen Pressereise in die Metropole Ruhr, denn so ist sichergestellt, dass die Berichterstattung auch mit journalistischer Sorgfalt und ganz speziell Ziffer 7 des Pressekodex (Trennung von Werbung und Redaktion) folgend, ausgeführt wird. Denn (meine) Reklame braucht das Ruhrgebiet nicht. Einen tieferen Blick auf seinen so eigenen Charme verdient es schon. Sein Charakter, irgendwo angesiedelt zwischen stummen Industrieruinen, denen nur redselige und lokal verliebte Guides Farbenpracht und das Prädikat „Landschaftspark“ entlocken können; überbordende Mischmasch-Mulitkulti-Urbanität, die dich mitreißt, auch weil kaum Platz zum Ausweichen vorhanden ist; ehrliche Begeisterung für den Pott, die jeden Besucher und jede Besucherin gleichermaßen Feuer fürs Revier fangen lässt und die Raum für berechtigte Kritk zulässt; tatsächlich saftig grüne Flächen, auch abseits des Signal-Iduna-Parks und der Veltins-Arena. Keine Frage also, dass ich der Einladung der Ruhr Tourismus GmbH gerne folge.

Tag 1, Etappe 1: Zeche Zollverein in Essen
Wenn man Zeche Zollverein sagt, sollte man in jedem Fall auch UNESCO Weltkulturerbe meinen. Denn dieses Attribut ist nicht nur vorangestellt ein Alleinstellungsmerkmal des riesigen Areals, sondern wirkt einfach auf jedem erdenklichen Weg – entlang des Denkmalpfads zu Kohle, Kumpeln und Koker, von Schacht XII auf das Dach der Mischanlage, auf der Route und durch das Portal der Industriekultur.

Auf Buchfühlung mit dem Pott

Auf Buchfühlung mit dem Pott

Stairway to Kohlewäsche auf Zeche Zollverein

Stairway to Kohlewäsche auf Zeche Zollverein

Empfangen wird unsere Pressereise-Gruppe von Prof. Dr. Hans-Peter Noll. Eloquent dirigiert uns der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Zollverein in eine Art Agora, also einen Ort des Disputs oberhalb der Kohlenwäsche. Doch zu disputieren gibt es eigentlich nichts, vor allem mit Hinblick auf die Leuchtturmfunktion, die das ehemals größte und leistungsfähigste Bergwerk der Welt innehat. Auch und gerade  jetzt, wo doch die letzten Schlote seit nunmehr über 25 Jahren erloschen sind.

Riesenrad auf Ruhri

Riesenrad auf Ruhri

Eine Message, die weit in die Welt strahlt: Zeche Zollverein ist UNESCO Weltkulturerbe. Und diese Auszeichnung teilt sich dieses imposante Denkmal der Industriekultur unter anderem mit den Pyramiden. Die aber, so Professor Noll als anerkannter Geografie-Gelehrter, hätten niemals einen Nutzungswandel durchgemacht: Als Grabstätten wurden sie damals gebaut und als solche würden sie auch heute noch besucht. Zeche Zollverein ist da anders, nämlich eher dem Wandel zugewandt. Beispielsweise habe man hier früher Kohle gefördert, heute sei es eher das Brain, das man an die Erdoberfläche des Ruhrgebiets locke. Erfolgreiche Startups, die Kultur- und Kreativwirtschaft und auch ein (kohle)waschechter Uni-Campus der Folkwang Universität der Künste sprächen doch für sich und die Attraktivität der Zeche.

Will heißen: Neben all dem Musealen und Konservatorischem sind es auch die disruptiven Player, die mit dem Kohle-Kumpel-Image kokettieren oder zumindest auf eine geile Location setzen. Nicht zu vergessen: Der Pott ist am Ende auch Religion, denn Professor Noll zufolge sollten alle Kinder des Ruhrgebiets stolz von sich sagen können „Ich bin Weltkulturerbe!“.

Ruhri-Rutsche

Ruhri-Rutsche

Und weil sowieso auch „Keine Zukunft ohne Herkunft“ gilt, machen wir uns nun auf die Reise in die Geschichte der Kohle-Kultur, weil ansonsten unsere Mittagsessen-Zukunft in der „kokerei – café & restaurant“  gefährdet sein könnte.

So legal geht Kohlewäsche

So legal geht Kohlewäsche

Unser Guide kann auf wenigstens einen direkten und ihm noch bekannten Verwandten verweisen, der „eingefahren“ ist. Denn die Kumpel-Credibility steht, fällt, sinkt und steigt mit dem eigenen Stammbaum. Die Take-Aways, die ich aus der Masse spannender Informationen behalten konnte: Pro eine Million Tonnen Stahl gab es auf Zeche Zollverein im Schnitt einen toten Bergmann. Und: Es war teurer, eine Tonne Koks nach Duisburg zu transportieren als sie aus Kolumbien zu importieren. Na, da rauch mir doch einen nen Schlot! Und wenn man den von innen sieht, schaut man wirklich ins gleisende Licht am Ende der Tour.

Schlot, zeig mir das Licht!

Schlot, zeig mir das Licht!

Tag 1, Etappe 2: Zeche Zollverein – Red Dot Design Museum
Da Design nie mein Ding war und das Mittagessen den intellektuellen Verdauungstrakt mit beansprucht, konzentriere ich mich nach kurzer Einführung auf das wortlose Bestaunen einiger Exponate und dann auf ein Nickerchen im hauseigenen Kleinraumkino. Und auf die virulente Frage, warum einige Bereiche eher einem Showroom bekannter Hersteller und ihrer Produkte gleichen. Die Antwort: Wer viel und vor allem viel Gutes zum Red Dot Design Award einreicht und damit eben auch eine Menge Kohle in Form von Einreichungsgebühren auf den schnicken Jurytisch, hat sich auch einen Extra-Abschnitt verdient. Mit der Antwort kann ich leben und wenn die ausgestellten Badewannen eine gemütliche Liegefläche hätten, würde auch ich ihnen heute meinen parteiischen Preis verleihen.

Baden-Baden in Essen

Baden-Baden in Essen

Was man dem Edel-Museum in jedem Fall zugute halten muss: Sie sorgen für zumindest visuelle Erfrischung – für die geschwitzte Haut und die trockene Kehle.

Duschen fürs Design im Red Dot Museum

Duschen fürs Design im Red Dot Museum

Kein museales Bier vor vier im Red Dot Design Museum

Kein museales Bier vor vier im Red Dot Design Museum

Tag 1, Etappe 3: Zeche Zollverein – Ruhr Museum
Zum Ausklang dieses museal-monumentalen Tages werden wir am Eingang des Ruhr Museums empfangen – und das gleich mit einem Treppenwitz der konservatorischen Art: Die Farbe der Treppenbeleuchtung sei Orange, weil das ausführende Architekturbüro aus den(Oranjefarbenen) Niederlanden stammt. Achtung, Insider-Joke! Tatsächlich ist das Licht natürlich der Farbe flüssigen Stahls nachempfunden. In der Dauerausstellung unten hört, sieht und fühlt man die Revierkultur – multimedial, mit Klischees konfrontiert und damit aufräumend, interkulturell und industriell und irgendwie in jedem Winkel interessant.

Es geht um Glaubenskriege (Schalke 04 oder BVB) und religiöse Bekenttnisse, um Gegenwärtiges und Vergangenes, um Malocher-Mythen und um Ruhrpott-Originale , die wirklich welche sind (Fritz Eckenga, Elke Heidenreich,) und solche, die nur vorgaben, welche zu sein (Götz George als Schimanski). Um Viertel vor sechs jedenfalls komplimentiert uns eine veritable Pott-Ikone zumindest mit seiner Stimme hinaus. Fritz Eckenga lässt uns wissen: „Morgen is‘ auch noch’n Tach!“. Gutes Stichwort, um den Weg nach oben in Angriff zu nehmen. Innerlich intonieren meine Beine die ersten Worte meines eigenen Treppen-Steigerlieds, auch ohne den Text zu kennen. Enthalten sein sollten in jedem Fall Begriffe wie „müde“, „brennen“ und „Aufzug?“.

Oranje-Trepppe im Ruhrmuseum

Oranje-Trepppe im Ruhrmuseum

Oranje-Treppe im Ruhrmuseum

Oranje-Treppe im Ruhrmuseum

Tag 2, Etappe 1: Tiger and Turtle – Magic Mountain  in Duisburg
Wir bekommen einen neuen Reiseleiter. Der gestrige kündigte ihn als wandelndes Ruhrgebietslexikon an. Er sollte Recht behalten. Aber ja, wir sind ja hier, um den Pott in all seinen Facetten zu sehen, zu  verstehen und in einigen Details dann eben auch zu vergessen. Da wo jetzt die einer Achterbahn nachempfundene begehbare Großskulptur Tiger and Turtle – Magic Mountain steht – nämlich auf der Heinrich Hildebrand-Halde im Duisburger Süden – befand sich früher in unmittelbarer Nähe eine Zinkhütte. Dass das Kunstwerk die Umbruchsituation in der Region durch Geschwindigkeit (wohl im Looping-Abschnitt, den man logischerweise nicht betreten darf) und Stillstand (wenn man sich unsicher ist, ob man die begehbaren Abschnitte wirklich besteigen soll) nachbildet, hilft bei so einem fiesen, feuchten und kalten Wetter leider wenig. Und durch die tristen Regenwolken hindurch bleiben auch die famosen Ausblicke etwas ihres Charmes schuldig bzw. in den Regenwolken hängen. Nicht zu vergessen: Die zweite Strophe meines ganz persönlichen Treppen-Steigerlieds, in dem in jedem Fall ein Abschnitt mit „249 begehbare Stufen“ vorkommen sollte.

Tiger and Turtle – Magic Mountain

Tiger and Turtle – Magic Mountain

Tag 2, Etappe 2: Duisburg Innenhafen und Museum Küppersmühle
Es regnet immer noch. Schade, denn dadurch verlieren Duisburger Wahrzeichen wie die Salvatorkirche und der Mercatorbrunnen etwas ihrer Wirkung. Doch die trocken vorgetragenen Wussten-Sie-eigentlich-Weisheiten unseres Reisebegleiters spenden etwas Schutz vor der Verwässerung der Aufnahmefähigkeit. Der Globenhersteller, Karto- und Kosmograf Gerard de Kremer, eigentlich ein Flame, war der Schöpfer der großen Weltkarte, die Mitte des 16. Jahrhunderts erschien, ihm zu Weltruhm verhalf und der Luft- und Seefahrt noch heute die winkeltreue Abbildung der Erdoberfläche ermöglicht. Eingedeutscht wurde aus Gerard de Kremer schließlich Gerhard Krämer. Dann stülpten die gelehrten Lateiner ihm ihr Gewand über und aus Gerhard Krämer (Kaufmann), wurde Gerardus Mercator (auch Kaufmann). Beigesetzt wurde Mercator aka Krämer aka de Kremer in der Salvatorkirche. Sowohl die Kirche wie auch der Brunnen liegen unweit des Rathauses bzw. stolpert man unweigerlich über den Mercatorbrunnen, wenn man ins Rathaus will. Zumindest für diesen Weg braucht man dann keine Krämer-Karte.

Mercatorbrunnen Duisburg: Kaufmann und Kartograph

Mercatorbrunnen Duisburg: Kaufmann und Kartograph

Im Rathaus ist es warm und gemütlich. Es gibt einen altertümlichen Pater Noster.  Nacheinander steigen wir alle ein. Ich fahre hoch, steige aus und fahre wieder runter. Nein, sage ich den anderen, ich hatte keine Angst, plötzlich auf dem Kopf zu stehen, wenn ich  einfach drin drin geblieben und weitergefahren wäre. Doch das Schild war doch eindeutig: Bitte im Dachgeschoss aussteigen! Ich halte mich an Regeln, auch wenn ich dadurch das Beste verpasse.

Pater Noster, der Du bist im Rathaus

Pater Noster, der Du bist im Rathaus

Es geht weiter Richtung Duisburger Innenhafen. Die verhüllte, weil in Bauarbeiten befindliche Schwanentorbrücke im Innenhafen ist hier eher ein Blickfang als das Gebäude des Landesarchivs NRW. Aber ja, das wirklich Schöne liegt ja darin – 100 Regalkilometer mit teils aus dem 7. Jahrhundert stammendem Content.

Sehens- und begehenswert ist in jedem Fall der Garten der Erinnerung. Hier nämlich reihen sich Grünflächen an Reste abgerissener Industriegebäude und man kann (und soll) praktisch dabei zusehen, wie sich Pflanzen ihre Welt zurückerobern. Stück für Stück. Und solange nicht auch die letzte Ruine wieder im Grün verschwindet, kann man sich an das erinnern, was Duisburg früher bestimmte und hier zumindest fragmentarisch noch zu sehen ist. Beispielsweise das Skelett eines Treppenhauses, das ich ganz bestimmt nicht begehen kann.

Nach dem Mittagessen und einer kurzen Erholungspause für meine mit Daten und Fakten vollgestopften Ohren geht es weiter ins MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst. Anselm Kiefer, Gerhard Richter, deutsches Informel  (das waren wohl die Künstler*innen, die nach dem 2. Weltkrieg keine Lust mehr auf die Diktatur fester Kompositionsregeln hatten und stattdessen auf Freiheit der Formen und Formensprache setzten). Die Sonderausstellung ist Klaus Rinke gewidmet. Die vierte Kraft. Gezeigt werden mega-dimensionale Werke, ein 10-teiliger Zyklus, den Rinke exklusiv für die Hagia Sophia in Istanbul geschaffen hat.

Auf Augenhöhe mit Klaus Rinke © Klaus Rinke/MKM Duisburg

Auf Augenhöhe mit Klaus Rinke © Klaus Rinke/MKM Duisburg

Daher also die türkischen Titel und deutschen Untertitel! So lerne ich trotz meines künstlerischen Unverständnisses für Klaus Rinkes Opus wenigstens etwas über türkische Ordnungszahlen: Dördüncü bedeutet scheinbar „vierte“, während dört „vier“ bedeutet. Daraus lässt sich schließen, dass von der Kardinalszahl dört zur Ordnungszahl dördüncü eine Sonorisierung des stimmlosen Plosivs t zum stimmhaften Plosiv d stattgefunden hat.

Dört und Dördüncü © Klaus Rinke/MKM Duisburg

Dört und Dördüncü © Klaus Rinke/MKM Duisburg

Und es zeigt eindeutig, dass ich der Kategorie Mensch angehöre, die ihr Leben auf Kosten der Kunst leben. Weil sie Interpretationsparalysen überwinden wollen und daher aus Kunstwerken jene Energie entnehmen, die sie wieder in Bewegung und Verbidung mit dem Kunstwerk setzt. Im meinem Fall ist diese Energieübersetzung eben die Sprache.

Tag 2, Etappe 3: Duisburg Landschaftspark Nord
Noch ’ne Industriekulisse, aber eine, die auf ihre eigene Art beeindruckt. Die Zahlen zur Zeche, die das wandelnde Ruhrgebietslexikon im Stakkato von sich gibt, rauschen in der Höhenluft größtenteils an mir vorbei. Hochofen 5, der bisher einzig frei begehbare, lockt mit seiner Aussicht.

Hochofen 5 lebt!

Hochofen 5 lebt!

Das Treppen-Steigerlied nimmt Anlauf zur nächsten Strophe. Oben stehend, vermischt  sich die imposante Kulisse leider mit den Farben des regengrauen Himmels. In die Lichtinstallation „Colours of Steel“ von Jonathan Park getaucht, würden die stummen Stahlriesen sicher noch imposanter und vor allem lebendiger aussehen, doch die Sommerzeit hat ihre eigenen Dunkelheitsregeln. Und um halb sieben ist es eben noch hell.

Dat muss man wollen.

Dat muss man wollen.

Bahn frei im Landschaftspark Duisburg-Nord

Bahn frei im Landschaftspark Duisburg-Nord

Landschaftspark Duisburg Nord

Landschaftspark Duisburg Nord

Egal, zum Ausklang des Tages mal abschalten im Restaurant des Hauptschalthauses. Brötchen aus dem Bergmannshelm (ungetragen?) . Bald schon hält Aufbruchsstimmung Einzug. Unser Guide fördert noch mal einen antiquierten Bergmannshausfrauenreport-Witz aus den Tiefen seines spießigen Kohlekellers. Wenn er früher als geplant nach Hause komme, rufe er immer seine Frau vorher an, damit sie „den Italiener“ nach Hause schickt, sagt er. Ich schaue ihn entgeistert an und sage, dass ein Italiener hier sitzt. Er zuckt mit den Schultern. Ich denke an Charmebolzen, die man auf eine Bohrmaschine spannt und damit betonierte Gastarbeiter-Klischees aufbohrt.

Gleich zwei "Italiener" im Pott

Gleich zwei „Italiener“ im Pott


Tag 3, Etappe 1: Gasometer Oberhausen und Tetraeder in Bottrop

Letzter Tag unserer Ruhrgebiets-Rallye. Wir steuern das Gasometer in Oberhausen an. Auf der Fahrt dahin schnappe ich die eine oder andere interessante Randnotiz zum Pott auf: Bundesrecht bricht Landesrecht (oder war’s Kriegsrecht?) und Bergrecht bricht beides. Anders gesagt: Wenn’s der Zechenbetreiber wollte, standen Kaiser, Fürsten, Geschütze und die Gewerkschaft still.

Die Ortseingangs- und ausgangsschilder wurden im Ruhrgebiet erfunden. Davor verzichtete man bewusst auf Richtungsschilder in angrenzenden Städten. Außerdem benutzte man ebenso bewusst unterschiedliche Schienenspuren im Pott. Das alles diente der Fach- und Arbeitskräftesicherung, denn ohne genaue Orientierung erschwerte man den Arbeitern die Flucht in benachbarte Gefilde. So ging Green- und Bluecard also im Pott vor über 100 Jahren.

Die Polizentralität (also Städte, die Stadtgrenze an Stadtgrenze übergangslos zusammenkleben) ist typisch für das Ruhrgebiet.

Ankunft im Gasometer, das früher ein Speicher für das Abfallprodukt „Gas“ der umliegenden Kokereien und Hochöfen war und heute als Industriedenkmal und höchste Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas eben Kunst lagert. In einer beeindruckenden und leider auch frösteligen Art, denn Heizen ist teuer. Außerdem auch unpassend, schließlich nennt sich die aktuelle Ausstellung ja „Der Berg ruft“. Und auf den Dächern der Welt ist es eben nun mal bitter kalt.

Der Pressesprecher empfängt uns. Ich will gleich punkten und erzähle ihm, dass ich schon mal hier war mit meiner Familie. Damals hing ein riesiger Mondnachbau mitten im Gasometer. Diesmal ist es ein auf die Spitze gedrehter Berggipfel. „Mount Everest“ sage ich wissend. „Nein, Matterhorn“, korrigiert mich der sympathische Pressevorsteher. Da habe ich montanindustriell maximal ins Klo gegriffen. Angezählt stehe ich vor der atemberaubenden Nachbildung des Matterhorns, das sich in einer darunter befindlichen Spielgelfläche plötzlich richtig herum betrachten lässt. Hinzu kommen spektakuläre Fotografien aller möglichen Berggipfel dieser Welt und von Menschen, die sie kennen, besteigen und benutzen. Und die ich darum beneide.

Das Mattehorn steht Kopf im Gasometer Oberhausen

Das Mattehorn steht Kopf im Gasometer Oberhausen

Unsere Gruppe macht sich ihrerseits zum Aufstieg zur 118 Meter hoch gelegenen Aussichtsplattform. Mit dem Aufzug. Da das Wetter leider immer noch nicht mitspielt, fällt auch der Blick bis fast nach Düsseldorf trist und grau aus. Egal, ich nutze meine Chance, um den anfänglichen Mount Everest-Matterhorn-Fauxpas auszubügeln und zitiere Frank Goosen, der auf dem Gasometer stehend sagt: „Schön ist das nicht!“ Der Gasometer-Kommunikator ergänzt es mit: „Dat muss man wollen!“. Wir sind wieder auf einer Wellenlänge.

Der Bus ruft und nach dem Mittagessen bayrischer Bierzeltart mitten auf der CentrO-Promenade werden die Stimmen lauter, dass man doch vielleicht stattdessen mal in eine Trinkhalle hätten einkehren können – mit Pommes Spezial und mit Currywurst ohne Süßkartoffeln, sondern mit echten fettigen belgischen Pott-Pommes.

Die gibt es bei unserer letzten Station leider auch nicht, denn das Tetraeder in Bottrop ist kulinarisch karg. Mitten im Nichts und hoch oben auf einer Halde stehend, ist die pyramidenförmige Stahlkonstruktion aber in jedem Fall Sinnesfutter. Und außerdem muss ich noch die letzte Strophe meines Treppen-Steigerlieds komponieren.

Tetraeder in Bottrop

Tetraeder in Bottrop

Schade eigentlich, dass uns die 387 Stufen zum Tetraeder selbst erspart wurden und wir direkt mit dem Kleinbus unter dem Wahrzeichen Bottrops anlanden. Insofern kann ich mir den Aufstieg über die frei schwebende Treppe, die steile Leiter und die Wendeltreppe bis zur obersten Plattform einfach nicht verkneifen. Außerdem wird mir dann wenigstens kurzzeitig warm. Der Blick herunter ist mitunter weniger spektakulär als der Blick von unten herauf.  Und am Ende steht und fällt jedes Panorama mit dem Wetter. Das schließlich ist uns auch am letzten Tag nicht sonnig gestimmt und so verabschieden wir uns aus dem Pott mit einem regnerischen und vielen strahlenden Augen.

Fazit: Das Ruhrgebiet ist auch ohne oder gerade aufgrund der Kohle jede Reise wert – nicht nur für einen Kurz-Ruhrlaub und in jedem Fall aus allen Perspektiven sehenswert.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.