Bipolare EinfÀltigkeit und schizophrene Freunde

Bipolare EinfÀltigkeit und schizophrene Freunde
Bipolare EinfÀltigkeit und schizophrene Freunde

IdentitĂ€t spaltet, weil sie eng verbunden mit IndividualitĂ€t ist und dazu fĂŒhrt, dass man sich abgrenzt, weil man einzigartig ist. Jeder von uns. IdentitĂ€t entsteht andererseits aber auch nur im Kollektiv, weil da das Individuelle auch mal untergehen, in der Masse ein- und abtauchen und sich verbinden kann. Insofern ist IdentitĂ€t etwas höchst Schizophrenes. Das hat das Attentat auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo deutlich gezeigt. Plötzlich nĂ€mlich sind alle entweder Charlie Hebdo oder sie sind es nicht. Und egal, fĂŒr welchen Charlie-Zustand sie sich entscheiden: Sie sind damit nie alleine. Ob auf Pegida-FackelzĂŒgen oder bei Mahnwachen: Am Ende muss man sich entscheiden, ob man Je suis Charlie oder eben Je (ne) suis pas Charlie sagt und ist. Und vor allem: Man muss nicht mal wissen, was das ĂŒberhaupt bedeutet. FĂŒr einen selbst. Denn wenn alle um einen herum ihre IdentitĂ€t uniformieren und kaschieren und sich solidarisch erklĂ€ren mit … tja, womit eigentlich? … kann man die eigene Unwissenheit im Kollektiv-Klo versenken.

Man kann aber sehr wohl versuchen, seiner IdentitĂ€t die Schokoladenseite abzugewinnen. Am besten mit Humor, denn der ist mindestens so einzigartig wie die Frage nach seiner Existenz nur eine Antwort zulĂ€sst: Ja oder Nein. Hast du Humor? Ja, aber der ist anders als deiner. Oder auch: Nein, ich habe keinen Humor. Ich bin Timm Thaler und habe mein Lachen verkauft. Da das Geld aber nicht gereicht hat, habe ich mir eine Post-Attentat-Charlie-Hebdo-Ausgabe gekauft und die auf ebay fĂŒr einen Wucherpreis vertickert. In jedem Fall muss man Humor – sei er einzigartig absent oder phĂ€nomenal prĂ€sent – teilen. Sonst ist er ja nicht mehr identitĂ€tsstiftend (siehe IdentitĂ€t und IndividualitĂ€t). Und alleine lachen ist irgendwie auch krank.

Spielverderber Nutella

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Humohrig Vernommenes
Andererseits, sind denn grausame Attentate lustig? Nein, natĂŒrlich nicht! Sind aber instrumentalisierte SolidaritĂ€tsbekundungen lustig? Nein, auch nicht, sondern viel zu langweilig und alltĂ€glich! Sollte man Instrumentalisierung verdammen? Ebenso wenig! Schließlich muss man sich doch entscheiden, ob man Charlie Hebdo ist oder eben nicht. Der Druck der unterschiedlichen Lager ist doch viel zu groß. Da kann man nicht einfach im Niemandsland des Nichtbekundens stehen bleiben und sagen: Sorry, aber ich lasse mich nicht instrumentalisieren! Dabei ist es doch so einfach und mitunter angenehm, sich zum Werkzeug anderer machen zu lassen – vor allem dann, wenn man sich nicht mehr dagegen wehren kann.

Kim Jong-un sinnloses Signieren ©Titanic

Kim Jong-un sinnloses Signieren ©Titanic

Und schließlich ist die Frage nach Was bin ich? Charlie Hebdo oder Je suis pas Charlie Hebdo auch eine der Integration. Aber Vorsicht sei geboten! Wenn man nĂ€mlich als Migrant mit Moschee-Hintergrund sagt, man sei Charlie Hebdo, wird die Skepsis der anderen die Frucht dieser Bekenntnis sein: „Wie kannst du Charlie Hebdo sein?“ Und das werden beide Lager fragen. Dabei ist die Antwort doch so einfach und nahe liegend (siehe oben): Humor. Immer noch. Immer wieder. Immer kompromisslos. Denn nur so erreicht er alle. Versteckt man ihn hinter Befindlichkeiten, kann auch gleich zum Lachen in den Lachschutz-Keller gehen.

Tagesspiegel online vom 15.01.2015

Tagesspiegel online vom 15.01.2015

Dann doch lieber lesen – beispielsweise den Tagesspiegel. Denn darin findet sich natĂŒrlich ein Artikel, der die Attentate von Paris thematisiert. Aber viel interessanter ist, dass in einem Online-Artikel, in dem SĂ€tze stehen wie „Es geht, wie immer, um den Dialog, vor allem mit jungen Menschen, die beispielsweise auch in Berlin behaupten, „die Medien“ hĂ€tten im vergangenen Jahr nicht ausreichend ĂŒber die GrĂ€uel der Bombardierungen im Gazastreifen berichtet“ fĂŒr einen Urlaub in Israel geworben wird. Und das beweist wiederum, dass sogar Gott Ă€hnliche Geschöpfe wie Google und dessen Erzengel- Anzeigen wirklich Sinn fĂŒr Humor haben.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.