BMWi-Studie: Gründungspotential der MmaW, MMH und MaeA

BMWi-Studie: Gründungspotential der MmaW, MMH und MaeA
BMWi-Studie: Gründungspotential der MmaW, MMH und MaeA

Das Beste zu Beginn: Die Studie „Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln: Entwicklungen, Erfolgsfaktoren, Hemmnisse“,  mit der das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) ganz ego-energisch das Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim beauftragt hat, zeichnet im Grunde ein freundliches Bild, was das Unternehmertum von Menschen mit Migrationsgeschichte, ausländischen Wurzeln und/oder nicht-deutschem Pass angeht. Und wenn man all diese Verwirrbegriffsgruppen zusammennimmt, sogar ein positives. Viel schöner aber ist die bunte Bordüre, die das PDF der Studie am oberen Rand ziert: Viele farbige Fähnchen, die von C(hina) bis I(ran) klar signalisieren, dass Deutschland ohne Ausländer und deren legale Geschäfte viel trister und weniger transzendent dastünde.

Fahnentastisch ©BMWi-Studie: Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln: Entwicklungen, Erfolgsfaktoren, Hemmnisse

Fahnentastisch ©BMWi-Studie: Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln: Entwicklungen, Erfolgsfaktoren, Hemmnisse

Zunahme vom Migranten-Business in der Bundesrepublik
Auch wenn es sich bei der Studie noch um nur eine erste Zusammenfassung der vorläufigen Ergebnisse handelt, stellen sowohl die darin enthaltenen Zahlen wie auch Grafiken und vor allem die drolligen Abkürzungen eine Flut von Integrationsinformationen dar. Was die Ziffern und Zitate zu den Gründungspotenzialen der MH, MmaW, HD und Menschen aus eA, betrifft, liest sich der Report ermutigend bis ernüchternd:

  • zwischen 2005 und 2015 stieg die Zahl der Selbstständigen mit Migrationshintergrund
    um 171.000 auf 737.000 (plus 30%). Damit ist mittlerweile jede 5. bis 6. bis sechste unternehmerisch engagierte Person ausländischer Herkunft
  • 44% der gewerblichen Gründungen werden durch Ausländer gemeldet
  • die Selbstständigenquote (d.h. der Anteil der Selbständigen an den Erwerbstätigen) unter Migrantinnen und Migranten sank 2015 auf 9,5%
  • Migrantinnen und Migranten ohne deutschen Pass zeigen mit 11,3% die stärkste Selbstständigkeitsneigung
  • die Gründungsquote unter Ausländerinnen und Ausländern lag im Jahr 2015 bei 1,3 gewerblichen Gründungen pro 100 Personen
  • Polen bilden mit 95.000 Selbstständigen (inklusive der Popolskis)  die größte Gruppe,  gefolgt von Selbstständigen aus der Türkei (89.000)
  • Mit 342.000 Menschen kommt fast die Hälfte aller migrantischen Selbstständigen aus einem der 28 EU-Länder
  • 28% der Selbstständigen verfügen über einen Hochschul- oder vergleichbaren Berufsabschluss; bei den abhängig Beschäftigten sind es nur 17%
  • 27% der migrantischen Selbstständigen haben keinen formal qualifizierenden Abschluss; 45% einen Lehr-, Techniker- oder Meisterabschluss
  • der Anteil der Hochqualifizierten unter den Selbständigen ausländischer Herkunft stagniert, während er bei den Migranten im Beschäftigtenverhältnis zunimmt
  • ziemlich genau die Hälfte aller Selbstständigen mit Migrationshintergrund hat ihren berufsqualifizierenden Abschluss im Ausland erworben
  • es entsteht eine deutliche Modernisierung des Leistungsspektrums migrantischer Gründungen durch die Zunahme wissensintensiver Dienstleistungen
  • die Stärken migrantischer Gründungen sind Resilienz, internationale Netzwerke (Stichwort „neuer Typus der „transnationalen“ Selbstständigen“), Innovationen und die Nutzung von vorwiegend im internationalen Kontext generierten Wissensbeständen

Selbstständige mit Migrationshintergrund nach Herkunftsgruppen 2015 ©ifm, Uni Mannheim

Jenseits all der Zahlen, die mit einigen ornamentierten Datengraphen verziert zeigen, dass es hier und da und landab-, auf-, ein- und auswärts geht, sind es vor allem jene kryptischen Akronyme, die mein Interesse wecken: MH beispielsweise steht im Kontext der Studie für Migrationshintergrund, MmaW habe ich erfunden, findet sich im Text in Langform aber als Menschen mit ausländischen Wurzeln wieder. HD? Glasklar, steht für Herkunftsdeutsche. Und eA für ehemalige Anwerbeländer.

So weit, so Glossar. Nun aber mitten hinein in die mitunter ebenso Mustafariösen Glossen am Rande einiger Graphen und Textabschnitte. So heißt es beispielsweise: „Das hohe Niveau an Gründungen durch ausländische Personen ist durch eine hohe Zahl an Liquidationen bedroht.“ Das schreit nach Aufklärung! Geht es etwa um Revierkämpfe im Pizza-Pasta-Makkiato-Milieu? Oder gar um Eisdielen-Erpresser?

Und was bedeutet es bitte, dass sich eine „deutliche Modernisierung des Leistungsspektrums migrantischer Gründungen durch die Zunahme wissensintensiver Dienstleistungen zeigt“? Etwa, dass immer mehr freischaffende ausländische Hacker und Geheimnummernspäher ihre Dienste in Deutschland anbieten? Oder gar, dass migrantische Kartenleger, Hellseher, Weissager und Schwarzseher ihren Service jetzt auch per App und Chat anbieten, Zahlung per Paypal und Payback-Punkte inklusive?

Verteilung von Selbstständigen nach Wirtschaftsbereichen ©BMWi

Verteilung von Selbstständigen nach Wirtschaftsbereichen ©BMWi

Auf geht’s Ausländer!
Die Studie „Gründungspotenziale von Menschen mit ausländischen Wurzeln: Entwicklungen, Erfolgsfaktoren, Hemmnisse“ geht entsprechend ihres Dreiklangs neben den Erfolgsmeldungen- und -faktoren eben auch auf die Hürden ein, die sich Gründern und Selbstständigen mit MH oder aW beider Geschlechter stellen, beispielsweise auf strukturelle Ungleichheiten und Finanzierungslücken, die sich wohl auch mit Antanz-Taschendiebstahl-Subventionierung nicht schließen lassen.

Es geht aber auch darum, jene ungenutzten Potenzialen zu aktivieren, die im Vordergrund stehen, vor allem von jenen Fähigkeiten, „die sich nicht aus kulturellen Zuschreibungen, sondern aus dem selbstselektierenden Prozess erklären, den Personen mit Migrationserfahrung durchlaufen.“ Keine Ahnung, was das bedeuten soll. Womöglich spielt es darauf an, dass man als ausländischer oder inländischer Fremder immer einem intensiven Auswahlprozess ausgesetzt ist: „Du da, Schwarzkopf! Sorry, heute ist Clubabend und deine Schuhe sind auch hässlich. Probier`s nächste Woche nochmal!“

Das wiederum schafft Resilienzen, d.h. Widerstandsfähigkeit gegenüber solcher Herabsetzungen, sodass man irgendwann selbst zum Türsteher wird und die anderen Kanaken willkürlich abweist. Es fördert aber auch internationale Netzwerke im Sinne transnationaler Selbstständiger. Bedeutet: Sobald man als Ausländer unfair behandelt wird, holt man Brüder und Cousins aus dem nahen Ausland, zettelt eine Massenschlägerei an und heuert freischaffende Einbrecher aus dem Heimatland an, die dann in die Wohnung derjenigen einsteigen, die einen beleidigt haben. Dabei macht man sich die vorwiegend im internationalen Kontext generierten Wissensbeständen (also Know-how aus Einbrüchen, Überfällen und Menschenhandel über Grenzen hinweg) zunutze.

Entwicklung der Anteile von Selbstständigen und abhängig Beschäftigten mit Hochschulabschluss ©BMWi

Doch Resilienz als Durchsetzungskraft und Folge einer Flucht kann sich auch im Schaffen neuer und auf internationaler Ebene erweiterbarer Berufsbilder bzw. in der Adaption bereits bestehender Hipster-Jobs zeigen. Nehmen wir nur den Feel-Good-Manager, der sich doch sicher auch sinnvoll und motivierend auf einem Flüchtlingsboot- oder -treck einsetzen ließe. Mit den entsprechenden Diversity-Management-  und Fremdsprachenkenntnissen, steht dem Berufsbild des maritimen Migrationsbeauftragten für gute Laune doch kaum mehr etwas im Wege. Das mag im selben Maße für die Idee gelten, Schwimmkurse für Flüchtlinge anzubieten, nur schlidderte diese Jobinnovationsinitiative leider vom rutschigen Parkett des Presseballs mitten in die Satire-Jauchegrube. Was wiederum beweist, dass auch die Initiatoren neuer Berufsfelder einer gewissen Resilienz bedürfen.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.