CMB – Christus mit Bart

CMB – Christus mit Bart
CMB – Christus mit Bart

Die Vorweihnachtszeit beginnt ja eigentlich immer dann, wenn man das letzte T├╝rchen des aktuellen Adventskalenders zugeknallt, die Geschenke examiniert und die Silversterknaller fein s├Ąuberlich positioniert hat – auch, um das Schlechte weit weg katapultieren und das Gute und Neue willkommen hei├čen zu k├Ânnen. Denn umso fr├╝her man beginnt, sich mit dem n├Ąchsten Weihnachtsfest und vor allem mit den Geschenken zu besch├Ąftigen, desto gr├Â├čer ist die Chance, beim n├Ąchsten hei├čen Tanz um den Christbaum nicht wieder leer auszugehen und dumm dazustehen. So ganz ohne ├ťberraschung und mit bestellten Geschenken. Mit erging es in diesem Sinne und in diesem Jahr eher Engin. Also Osman Engin. Den habe ich n├Ąmlich gleich mehrfach geschenkt bekommen. Zu Nikolaus und zu Weihnachten. Grund genug, den Konsalik aus Konstantinopel auch mal zu lesen und nicht immer nur zu h├Âren. Die Lekt├╝re von Get├╝rkte Weihnachten und Lieber Onkel ├ľmer haben mir eine neue literarische Mission gegeben: Auch ich werde fortan mehr von meiner Familie und weniger von meinen individuellen Hirngespinstspirationen berichten.

Eine erste Etappe dieser Mission stellt die Tatsache dar, dass mein Sohn als einer der Heiligen Drei K├Ânige verkleidet Anfang Januar durch die Stra├čen ziehen und f├╝r Kinder in Peru sammeln wird. Bei der Generalprobe wurde ihm die Rolle des Caspar zugedacht – also die des Mohren. Stopp, halt! Stimmt doch gar nicht! Die K├Ânige waren wohl eigentlich gar keine gekr├Ânten H├Ąupter, sondern schlicht und ergreifend Astrologen. Und ihr Horrorskop sah vor, dass sie sich auf einen weiten Weg machen mussten. In jedem Fall war mein Sohn sehr unzufrieden, was seine Rolle in der Dreik├Ânigskarawane angeht. Er m├Âchte einfach nicht angepinselt werden. Gl├╝ck gehabt, atme ich innerlich erleichtert auf! Ist nichts gegen Schwarze oder so. Wenn Caspar gr├╝n gewesen w├Ąre, h├Ątte mein Sohn sich auch geweigert. Andererseits scheint nirgends eindeutig belegt, dass Caspar der Black King war und auch nicht, dass Balthasar der Schwarze unter den Lichtbringern gewesen sein muss. Vielmehr trug er einen dunklen Vollbart.

Das Gegenteil vom Morgenland
Mein Sohn hat die Bartreife noch nicht erreicht. Insofern werden sie ihm wohl einen umh├Ąngen. Ob der dann wei├č, schwarz oder Regenbogenfarben sein wird, ist den Kindern in Peru wohl ziemlich egal. Nicht aber den Menschen, die den Magiern die T├╝r ├Âffnen und Bakschisch in ihre Sammeldose werfen sollen. Die, sch├Ątze ich, achten auf Details, also auf eine K├Ânigs konforme Kost├╝mierung und darauf, dass die Kids auch wissen, was sie da machen. Grund genug f├╝r mich, im Stile von Osman Engin einzugreifen: „Also, mein Sohn, wof├╝r steht denn CMB?“ Sein Schweigen offenbart mir, dass seine 3-K├Ânigs-Connaissance noch nicht weit gereift ist. Ich hole aus, schweife ab und schwenke letztlich ein: „Also eigentlich steht es ja f├╝r Christus mansionem benedicat, d.h. Christus m├Âge dieses Haus sch├╝tzen. Du kannst es dir aber auch als Christus mit Bart merken.“

Kaum, dass diese frevlerischen Worte mein rasiertes Mundwerk verlassen haben, bereue ich es auch. Schon sehe ich, wie mein Sohn mit meiner Weisheit hausieren geht – und die Kinder in Peru deshalb weiterhin hungern werden. „Also, nein, ok, merke es dir vielleicht mit Caspar, Melchior und Balthasar. Das waren ja die Heiligen Drei K├Ânige, auch als Weisen aus dem Morgenland bekannt!“ „Waisen?“ „Nein, Weisen, mit IE. Intelligent halt!“ „Morgenland?“ „Ja, Morgenland. Das Gegenteil von Abendland!“ „H├Ą?“ „Hmm, ja, das Morgenland ist der Osten und das Abendland ist das Gegenteil davon!“ „Das Gegenteil von Osten?“ „Ja, der Westen. Liegt ja auf der anderen Seite! Nie Ohne Seife Waschen. Nord Ost S├╝d West. Nord ist das Gegenteil von S├╝d und Ost das Gegenteil von West. Very simple, Sine!“

Pegidastan perenniert
Jetzt, da ich mich so intensiv mit den Magiern aus dem Morgenland besch├Ąftigte, bemerke ich erst, wie dumm die Menschen sind, die Pegida folgen. Schlie├člich sind sie ja gegen die Islamisierung des Abendlandes und damit einige Jahrhunderte zu sp├Ąt. Denn die Weisen aus dem Morgenland machten doch erst m├Âglich, dass es ein Abendland gibt. Denn wenn sie nicht aus dem Morgenland gekommen w├Ąren, m├╝sste man doch auch kein Abendland explizit erw├Ąhnen. Schlimmer noch: Es war ein Deutscher – und namentlich Martin Luther – der dem Begriff Morgenland┬á bei seiner ├ťbersetzung der Bibel Tor, T├╝r und Salonf├Ąhigkeit ├Âffnete, weil er das Griechische┬áß╝ł╬Ż╬▒¤ä╬┐╬╗╬« (Anatole) vom Evangelisten┬áMatth├Ąus ├╝bernahm und damit den Aufgang der Sonne als Startpunkt des 3-K├Ânigs-Treffens der Magier unter (k)einen guten Stern stellte.┬á

K├Ânnte man den Lauf der Zeit zur├╝ckdrehen, w├╝rden sich manche wohl w├╝nschen, die drei Sternendeuter w├Ąren aus dem Lummerland mit Lukas und seiner Lokomotive gen Betlehem getuckert. Dann w├╝rde die vereinte Krippendelegation wohl heute noch darauf warten, dass der Heiland endlich seine Pr├Ąsente bekommt und sie ihre Komparsenrollen wieder aufgeben k├Ânnen. Andererseits haben Gold, Myrrhe und Weihrauch ja kein Verfallsdatum.

Apropos Datum und Verfall des Abendlandes: Eines seiner gr├Â├čten Symbole und zuf├Ąlligerweise auch Heim der Gebeine der Weisen aus dem Morgenland, der K├Âlner Dom, wird am Vorabend des Dreik├Ânigstages die Lichter auf Aus stellen und damit die Pesorgten Europ├Ąer im Dunkeln marschieren lassen. Ich bin mir nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist. Schlie├člich verhei├čen faschistische Fackelz├╝ge selten Gutes. Und was sollen die armen Pegida-Parasiten denn machen, wenn man ihnen im Zeichen von ÔÇ×Licht aus f├╝r RassistenÔÇŁ das Lumen vom K├Âlner Dom verweigert? Schlie├člich sind es ja allesamt keine Leuchten und verrennen sich im Dunkeln noch wahrscheinlicher in ihren gestrig-geistigen Nachtschattengew├Ąchs-Labyrinthen!

Papyrus, bitte!
Tja, Pegida h├Ątte einfach fr├╝her aufstehen m├╝ssen. So h├Ątten sie den Heiligen Drei K├Ânigen n├Ąmlich schlicht und ergreifend die Einreise gen Abendland verweigert. Aber ja, so ausgeschlafen k├Ânnen die H├╝ter des Abendlandes nat├╝rlich nicht sein, herrscht bei ihnen per definitionem doch eine konstante geistige D├Ąmmerung. „Guten Tag, Passkontrolle der Pegida, hier. Bitte Ihre┬áPayrus-P├Ąsse! Wohin soll’s denn gehen? Aha, Richtung Westen! Haben Sie was zu verzollen? Soso, Gold, Weihrauch und Myrrhe! Und was wollen Sie damit? Aha, ein Baby beschenken! Und was sind Sie von Beruf? Magier? Sternendeuter? Astrologen? Also Schausteller! Tut uns Leid, aber so ein Gesindel k├Ânnen wir leider nicht reinlassen!“

Und so kam es dann, dass die Weisen aus dem Morgenland ein Einreiseverbot erhielten und damit den Glauben des Abendlandes nicht┬áma├čgeblich mitgestalten konnten. Gut, dass ich an dieser Stelle auf den Konsalik aus Konstantinopel verweisen kann: Pass gut auf dich auf, bleib gesund, iss genug Knoblauch und danke f├╝nf mal am Tag Allah daf├╝r, dass Christus einen Bart hatte.

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Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.