Der Battle-Mönch: Dalai Lama steigt der Welt weise aufs Dach

Der Battle-Mönch: Dalai Lama steigt der Welt weise aufs Dach
Der Battle-Mönch: Dalai Lama steigt der Welt weise aufs Dach

Der Dalai Lama feierte jüngst seinen 80. Geburtstag – zumindest in seiner jetzigen Gestalt. Da er aber als Wiedergeburt des 1933 verstorbenen XIII. Dalai Lama Thubten Gyatsho gilt und der bereits 1876 geboren wurde, ist der XIV. Dalai Lama mit Mönchnamen Tenzin Gyatso tatsächlich etwas betagter.

Umso passender, dass der verdiente Fersehjournalist Dr. Franz Alt wieder einmal ein Interview mit dem geistigen Oberhaupt der Tibeter führte und fast pünktlich zum Jubeltag des gefeierten Religionsführers ein Buch daraus machte: „DER APPELL DES DALAI LAMA AN DIE WELT – Ethik ist wichtiger als Religion.“

Cover_Der Appell des Dalai Lama an die Welt©2015_Benevento Verlag

Cover_Der Appell des Dalai Lama an die Welt©2015_Benevento Verlag

Noch passender, dass nicht nur der Dalai Lama, sondern auch Franz Alt erleuchtet ist, betreibt er doch eine Internetpräsenz, die sich Sonnenseite nennt und die ökologische Kommunikation mit dem viel gereisten und für Vorträge weltweit gebuchten Journalisten anbietet.

Strahlende Statements in allen Weltsprachen
So hell die beiden Menschen von innen heraus nach außen strahlen, so sehr geht einem bei der Lektüre dieses 56 Seiten umfassenden Buchs hier und da ein (Tee)-Licht auf. Das gilt für Teile des Inhalts ebenso wie für den Verlag. Denn „DER APPELL DES DALAI LAMA AN DIE WELT – Ethik ist wichtiger als Religion.“ ist der erste Titel von Benevento, der als Verlag zur Red Bull Media House GmbH gehört. Kein Wunder also, dass gleich dessen erstes Buch die Verkäufe beflügelte und es flugs zur Spitze der Spiegel-Bestseller-Liste flatterte.

Global Languages ©Cilpdealer_1797280

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War bei den engelsgleichen Appellen seiner Hellig- und Heiligkeit auch nicht anders zu erwarten. Noch ein PR-Knüller und politisches Statement am Rande: Das Buch erschien sukzessive auf Deutsch, Englisch, Arabisch, Spanisch, Russisch und Französisch. Genau am 6. Juli und damit zum Geburtstag des XIV. Dalai Lama war es auch in seiner chinesischen Fassung erhältlich. Wahrscheinlich aber ist man in Peking momentan mit anderer Lektüre beschäftigt. Hier nämlich gilt es gerade, eine geeignete Anleitung für eine Pumpe zu finden, um den über und über mit Kapital gefüllten Aktienmarkt gesund trocken zu legen. Aber vom Dach der Welt aus sehen Überschwemmungen wohl eher wie niedliche Pfützen aus.

Ein Religionsführer mit revoltierender Rhetorik
Mutig ist der Dalai Lama auf jeden Fall. So stellt er als religiöses Über- und Oberhaupt die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Religion per se in Frage – zugunsten einer säkularen Ethik: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. In den Schulen ist Ethik-Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichtiger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden.“

Das sagte der Dalai Lama kurz nach dem Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Gott (und Buddha) sei Dank hat er nie Je suis Charlie gesagt. Denn genau dann hätte er das Gemeinsame durch das Trennende geteilt, haben sich doch auch viele mit Charlie solidarisiert, deren Anblick und Einstellung die Hebdo-Opfer posthum zum Kotzen aufs blanke Papier veranlasst hätte.

Stamp printed by Rwanda, shows Dalai Lama, circa 2009_1599773©clipdealer.de

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Auch sagt der Dalai Lama, dass Ethik wichtiger als Religion ist und wir Menschen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt kommen. Sehr wohl jedoch sei uns allen Ethik angeboren: „Um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, wird Religion oft missbraucht oder instrumentalisiert – auch von religiösen Führern. Deshalb sage ich, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen brauchen. Ich spreche von einer säkularen Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich und brauchbar ist.

Abstract word cloud for Dalai Lama with related tags and terms_17024531©clipdealer.de

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Tatsächlich also spricht sich der frühere politische und seit 2011 nur noch religiöse Führer der Tibeter für eine Hinwendung der Ethik hin zu etwas Brauchbarem aus. Das tut er in einer Zeit und Welt, in der Empathie und Engagement für Menschen in Not über religiöse Dogmen, Grenzen und Angst- und Wutbürger-Jägerzäune hinweggehen und Gemeinden, Fraktionen und Koalitionen gebetsmühlenartig daran erinnern sollten, eine Union der Utilitaristen zu werden – auf dass sie dem Nützlichkeitsprinzip folgen und das Wohlergehen aller, die von ihren Handlungen betroffenen sind, zur Maxime ihrer Entscheidungen machen.

Weltfrieden wagen bei einer Tasse Tee
Das 21. Jahrhundert, davon sind sowohl der Dalai Lama wie auch Franz Alt überzeugt, braucht eine neue Ethik, die als allen Menschen angeborene und innewohnende, elementare menschliche Spiritualität wesentlicher für den Weltfrieden ist als Religionen. Man könne das mit dem Unterschied zwischen Wasser und Tee erklären: Tee besteht aus unterschiedlichen Bestandteilen und man kann ihn verschieden zubereiten. Im Tibet gibt man gar eine Prise Salz dazu . Doch jeder Tee braucht Wasser. Und wir Menschen können zwar ohne Tee, nicht aber ohne Wasser leben. Um diese nebulöse Botschaft klar zu kriegen, setze man einfach Tee mit Religion und Wasser mit Ethik gleich und schon wird deutlich, wie versetzt doch mancher Glaube ist. Mit Süßem und Saurem.

 

Tibetan women serving traditional style milk tea, Shangri-La China_18540149_clipdealer.de

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Abseits des Abstrakten wird der Dalai Lama noch deutlicher, wenn er beispielsweise sagt, dass unser aller spirituelles Wohl nicht von der Religion, sondern der uns angeborenen menschlichen Natur abhängig ist – von unserer natürlichen Veranlagung zu Güte, Mitgefühl und Fürsorge für andere. Und diese elementare und menschliche ethische Urquelle existiere unabhängig davon, ob man einer Religion angehöre oder nicht. Ich selbst kann nicht sagen, ob eine politische Überzeugung auch zur Kategorie Ethik gehört, wenngleich ja Politiker irgendwie auch nur Menschen sind und damit neben Demoskopie immer auch den Dalai Lama in sich haben, also Ethik in ihrer säkularen Erscheinungsform.

Andererseits und um an dieser Stelle Jan Delay und dessen Song Oh Jonny! zu zitieren, hat der Gandhi (in dessen Heimat der Dalai Lama seit 56 Jahren exiliert lebt und über den er sagt: „Mahatma Gandhi war ein zutiefst religiöser, aber auch ein säkularer Geist… […] ein großer Freund von Jesus und seinem Pazifismus der Bergpredigt. Er ist mein Vorbild, weil er religiöse Toleranz geradezu verkörperte.“) in den Gemütern der Politiker immer dann Pause, wenn geopolitische und nationale Interessen und Kategorien touchiert und Grenzen bedroht werden. Und wer sagt denn überhaupt, dass die elementare und menschlich, ethische Urquelle dem Mittelmeer entspringen muss? Und war Charon, der Fährmann der Unterwelt, nicht ein Grieche und der Obulus, dem die Toten ihm in die Hand drücken mussten, nicht ein Geldstück der gemeinsamen Währung all jener, die in die Unterwelt mussten?

Leere Fähren ankern ©Marcello Buzzanca

Leere Fähren ankern ©Marcello Buzzanca

Kooperation und nicht Selektion
Es ist meine Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung auf Kooperation und nicht auf Wettbewerb beruht. Das ist wissenschaftlich belegt.“ Diese Überzeugung des Dalai Lama hätte Charles Darwin wohl entgegengesetzt, dass es weniger das Kooperieren als das Codieren und Kopieren sind, was Menschen sich hat entwickeln lassen.

Trotzdem finde ich den WIR-Gedanken warmherzig, auch wenn das eine oder andere Statement seiner Heiligkeit („Wir müssen jetzt lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist. Wir alle sind physisch, mental und emotional Brüder und Schwestern. Aber wir legen den Fokus noch viel zu sehr auf unsere Differenzen anstatt auf das, was uns verbindet. Dabei sind wir doch alle auf dieselbe Weise geboren und sterben auf dieselbe Weise.“) ein bisschen zu sehr nach frommen Wünschen schmeckt. Andere Äußerungen wiederum bringen es wirklich auf den Punkt und nicht nur seine Heiligkeit selbst zum Lachen: „Es ergibt wenig Sinn, mit Stolz auf Nation und Religion auf dem Friedhof zu landen!“

Und dann drischt der Dalai Lama sanft und vom Dach der Welt aus drauf: „Auch der Klimawandel ist nur global zu lösen. Ich hoffe und bete, dass diese Erkenntnis auf dem nächsten Klimagipfel in Paris Ende 2015 endlich zu konkreten Ergebnissen führt. Egoismus, Nationalismus und Gewalt sind der grundsätzlich falsche Weg.“

Aber auch den Politikern schreibt er seine Vorstellung davon, wie man der Servicewüste Deutschland Wasser zuführen kann (und sei es auch nur in Form von Wermutstropfen), ins Poesiealbum: „Die wichtigste Frage für eine bessere Welt heißt: Wie können wir einander dienen? Dafür müssen wir unser Bewusstsein schärfen. Das gilt auch für Politiker. Wir benötigten positive Geisteszustände. Ich übe das täglich vier Stunden. Meditation ist wichtiger als ritualisierte Gebete. Kinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als alle Religion.“

Migration im Fadenkreuz der Religion ©Dietmar Burkhardt_pixelio.de

Migration im Fadenkreuz der Religion ©Dietmar Burkhardt_pixelio.de

Stellt sich mir die Frage, wie Politiker ihrem Job nachgehen sollen, wenn sie täglich 4 Stunden schlafen (im Bett), 4 Stunden surfen und chatten (im Bundestag oder in Fraktionssitzungen), 4 Stunden ihren Hintern auf Talkrunden-Stühlen parken und dann noch 4 Stunden meditieren. Macht 16 Stunden. Bleiben 8 Stunden. Und die brauchen die Politiker doch für ihre Nebenjobs.

Der älteste Flüchtling der Welt ist ein Grüner
In Europa würde ich die Grünen wählen, weil die Umweltproblematik unsere Überlebensfrage ist.“ Das sagt der Dalai Lama, den Franz Alt als wohl prominentesten und zugleich auch einer der ältesten Flüchtlinge der Welt bezeichnet und mit dem er das Engagement für den Umweltschutz teilt.

Tatsächlich geht der oberste geistige Führer der Tibeter damit konform mit einem anderen, im eigenen Revier wütenden Würdenträger. Denn auch die entzückende Enzyklika LAUDATO SI’ von Papst Franziskus drückt die „Sorge für das gemeinsame Haus“ stark grün getüncht aus und widmet sich ausschließlich dem Thema Umweltschutz. „Besonderen Dank verdienen die, welche mit Nachdruck darum ringen, die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung im Leben der Ärmsten der Welt zu lösen. “

Der Dalai Lama steht dem Öko-Engagement des katholischen Kirchenvorstehers in Nichts nach: „Das Prinzip globaler Verantwortung ist ein Schlüsselelement meines Konzepts einer säkularen Ethik. Sie [Herr Alt, a.d.R.] haben Recht, es geht ums Überleben unserer Spezies. Diese Suche nach einem wahrhaft nachhaltigen und universellen Weg ist für mich Grundlage für die Entwicklung einer säkularen Ethik.“ Zudem sagt er, dass das spirituelle Wohl der Menschen, worum es den theistischen wie den nicht-theistischen Religionen primär geht, abhängig sei von einer intakten Umwelt, wie auch von Güte, Versöhnlichkeit und Aufrichtigkeit.

Happy-children-holding-hands-around-the-globe-©clipdealer.de_Media-ID_A_9475011.jpg

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Und für alle jene, die sich lieber zoffen als vertragen, hat der Dalai Lama als Praktizierender einer intelligenten Feindesliebe auch noch einen Tipp: „Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe. […] Von seinen Feinden kann man am meisten lernen. In einem gewissen Sinne sind sie unsere besten Lehrer.“ Wird also Zeit, das Heiko Maas wie auch die Grünen sich diese Worte des ältesten Flüchtlings der Welt endlich zu Herzen bzw. als Bettlektüre mit in den Bundestag nehmen und damit beginnen, die Union und deren Widerstand gegen ein Einwanderungsgesetz als Lehrstück zu nutzen und nicht als Leere und Vakuum in den Köpfen der Christsozialen zu verurteilen.

Fazit: Alles in allem lohnt sich die Lektüre von „DER APPELL DES DALAI LAMA AN DIE WELT – Ethik ist wichtiger als Religion.“ gerade dann, wenn man (ge)wichtige Spiritualität komprimiert und in Interviewform leicht lesbar verschlingen oder verschenken und dabei sein Gewissen streicheln will. Denn der Gewinn der Buchverkäufe der Hardcoverausgabe geht als Spende an die Deutsche Tibethilfe und zudem ist das E-Book (EPUB/MOBI-Formate) kostenlos erhältlich:

Der Appell des Dalai Lama an die Welt -Ethik ist wichtiger als Religion
Autoren: Lama, Dalai; Alt, Franz (Hrsg.)
Benevento Verlag, Juni 2015, 56 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-7109-0000-6
Deutschland / Österreich: 4,99 EUR
Schweiz: 4,99 CHF*

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.