Der Don von Dagobert und seine Rosa bunten Welten

Der Don von Dagobert und seine Rosa bunten Welten
Der Don von Dagobert und seine Rosa bunten Welten

Keine Ahnung, ob Don Rosa jemals Schlangen gezeichnet hat. Fest steht, dass sein Zeichnen Schlangen erzeugt, die sich ├Ąhnlich der Kurven und Kreise seiner Dagobert- und Donald-Zeichnungen durch die Ludwiggalerie in Oberhausen ziehen. Die f├╝r den mehrfach ausgezeichneten Zeichner so typischen Kreuz- und Parallelschraffuren legen sich wie ein mentaler Filter auf die Don-Rosa-Devotionalien-Draufg├Ąnger, die sich vorm Anstehen erst einmal anst├Ąnkern. Irgendwann ist die Rangfolge auch innerhalb der Reihe gefunden: Die mit den dicksten B├╝chern ganz vorne und hinten, die Treppe hinunter bis sich die Schlange selbst in den Schwanz zu bei├čen scheint, sitzen die Cleveren mit ihren Klappst├╝hlen.

Die nett genervte russisch-deutsche Dame bringt Sitzkissen vorbei und mein Sohn und ich stehen ganz gut positioniert. Pl├Âtzlich Licht, dann Don Rosa, der unverhofft p├╝nktlich am Tisch sitzt und im Kaltstart zu signieren beginnt. Ein Mann vor uns rechnet vor: „Also, der erste hat gerade f├╝nf Minuten gesessen. Vor uns sind 54 Leute!“ Diese k├╝hle und Comic untypische Kalkulation ermuntert niemanden, ist aber immerhin ein guter Zeitzeichnermesser. Schlie├člich muss ich mich ja noch daran erinnern, wie das hier alles kam bzw. f├╝r meinen Sohn und mich zu STANDE kam, denn Bewegung ist erst einmal keine in Sicht.

Don Rosa in Rom
Bevor meine Frau und mein Sohn in der Zeitung und eher beil├Ąufig lasen, dass Don Rosa nach Oberhausen kommt (inklusive der eher noch interessanteren Ausstellung „Entenhausen >>>> Oberhausen. Donald, Micky and friends“), hatten mein Sohn und ich ihn schon l├Ąngst entdeckt. In einem Topolino aus dem Jahre 2005 n├Ąmlich sind ihm gleich drei Seiten gewidmet, weil er zu diesem Zeitpunkt die Redaktion des italienischen LTB-Pendants besuchte. Kaum also, dass ich erfuhr, was wir am 19. Oktober kollektiv vorhaben w├╝rden, w├╝hlte ich mit gro├čer Pr├Ązision in meinem mentalen Speicher und fand schlie├člich meine pers├Ânliche Autogramm-Vorlage. Das w├╝rde den Italo-Amerikaner mit deutsch-irischer Mama doch sicher begeistern und wer wei├č ihn vielleicht sogar dazu animieren, mir ein Cover f├╝r mein n├Ąchstes Buchprojekt zu spendieren – von Periodischem Patrioten zu Periodischem Patrioten eben.

Topolino signiert von Don Rosa

Topolino signiert von Don Rosa

Wer wei├č, vielleicht k├Ânnte ich ja ein Buch dar├╝ber schreiben, wie sich das Italienische in Don Rosa oder auch Al Taliaferro (also Alfred Eisenschneider) auf das Zeichnen von Enten und anderem Comic-Getier ausgewirkt hat. Und ├╝berhaupt: Wer hat sich diese Spaghetti-Meatball-Szene in Susi und Strolch ausgedacht? Und liegt es nicht auf der Hand, dass Carl Barks (Karl Bellt) als bekanntester Disneyzeichner niemals h├Ątte Tom, vielleicht aber Jerry erfinden k├Ânnen? Na ja, wie bereits Rowlf der Klavier spielende Hund in der Muppet Show treffend erkannte: (Jaques) Offenbach ? I often bark myself !

Susi und Strolch und das Meatball-Dilemma

Susi und Strolch und das Meatball-Dilemma

Insgesamt interessante Aspekte, die aber untergehen angesichts meiner schmerzenden Knie, langsam lahmenden Beine und meinen suchenden Augen, die nach meiner Frau sp├Ąhen, damit sie mich beim Schlangen stehen mal kurz abl├Âsen und ich eine rauchen gehen kann.

Der Clou an der Queue
So langsam, wie sich die Schlange in Richtung Don Rosas Autogramm-Altar bewegt, so schnell wird sie unten immer l├Ąnger. Ein herablassender Blick in die Tiefen der Galerie von hier oben, nur ein falsches L├Ącheln und schon k├Ânnte die Situation eskalieren. „Der da oben hat mich ausgelacht!“ Bald fl├Âgen dicke Donald-B├Ąnder und Dagoberts Biografie. Also besser den verst├Ąndnisvollen Blick aufsetzen und nach oben glotzen. Innerlich bereite ich mir vor und ├╝be schon mal, wie ich das signierte Buch schnell und richtig in die Linse meines Smartphones halte. Ich briefe meinen Sohn und meine Frau, dass sie dann unbedingt hinter mir stehen m├╝ssen, damit ich ihnen schnell das Smartphone geben und mich in Pose setzen kann.

Don Rosa, Marcello Buzzanca und Topolio in Oberhausen, 2016

Don Rosa, Marcello Buzzanca und Topolio in Oberhausen, 2016

Mein Sohn ist vollkommen entspannt, liest in seinem dicken Dagobert-W├Ąlzer und wei├č schon, was Rosa ihm malen soll: Eine Ente. Ich erkl├Ąre ihm, dass ich nicht denke, dass er irgendjemandem etwas zeichnet. Ist ja nicht wie bei Ralf Ruthe. Mein Sohn zuckt mit den Achseln und liest weiter. Gute zwei Stunden sp├Ąter sind wir praktisch nur noch einen Buchwurf von ihm entfernt. Nur drei Sachen zum Signieren, mehr nicht.

Diese Message dringt auch bis zu uns. Don Rosa hat irgendetwas Rotes neben sich stehen und bietet es jedem an, dem er etwas signiert. Sieht aus wie saure Schlangen, denke ich und muss mich beherrschen, nicht laut zu lachen, w├Ąhrend ich mich nach hinten wende und in die Gesichert der tapferen Entenhausen- Ersch├Âpftheitshelden schaue. Sp├Ąter werden sich die roten Dinger als auch gelbe und orangene Chili entpuppen, die der Meister selbst kultiviert – neben wohl vielen anderen Marotten.

Don Rosas Chilis

Don Rosas Chilis

Auf Kommi und so
Nur noch wenige Schritte, bis mein Topolino seine Unterschrift zieren wird. Vor Kopf ein langer Tisch mit allen m├Âglichen Drucken und Unikaten, die man f├╝r gutes oder viel Geld kaufen und signieren lassen kann, inklusive Foto zum sofort Mitnehmen und pers├Ânlicher Widmung f├╝r 10 Euro. Und ja, Don hat pl├Âtzlich wieder Lust zu zeichnen. Man kann auf Kommission was bestellen – f├╝r ein kleines Verm├Âgen.

Au├čerdem kann man sich namentlich in seiner n├Ąchsten Juni erscheinenden Biografie „I still get chills“ ehrenvoll erw├Ąhnen lassen, zum doppelten Ladenpreis, daf├╝r aber von Don Rosa eigenh├Ąndig signiert. Da f├Ąllt mir wieder ein, welche Idee ich zu Beginn unserer heutigen Oberhausen-Odyssee hatte: Meinen Sohn gegen Auftrag den Stift schwingen lassen, etwa so wie der Schnellzeichner Oskar alias Hans Bierbrauer, der in den 1970er Jahren ebenso rasch Karikaturen zeichnete, wie Hans Rosenthal spitze hochsprang. Und das alles in einer einzigen Sendung!

Donald im Schnellzeichenverfahren

Donald im Schnellzeichenverfahren

Schlie├člich waren mehrere M├╝tter und S├Âhne ganz begeistert davon, als sie beobachteten, wie mein Sohn seinen Donald akribisch, detailtreu und frei Hand ins G├Ąstebuch der Ludwiggalerie zauberte. Und wenn ich ihn wohl schon nur mit M├╝hen dazu bringen werde, sich die Teilnahme am Comic-Wettbewerb zur Entenhausen-Oberhausen-Ausstellung wenigstens mal durch den Kopf gehen zu lassen, k├Ânnte er doch wenigstens mal ├╝ber meine Business Proposal nachdenken: Kindergeburtstags-Schnellzeichner. Jedes Kind bekommt seinen Entenhausen-Helden gemalt. 5 Euro cash und alle sind gl├╝cklich.

Topolinos Triumph
Endlich bin ich an der Reihe. Stolz und erwartungsvoll strecke ich Don Rosa mein Sch├Ątzchen ├╝ber den Tisch. Er schaut es sich an, lacht etwas, sagt, dass die Frau auf dem Bild lustig aussehe, wie sie da in die Kamera schaut. Ja, da sei er, sage ich ihm. 2005, irgendwo in Italien. Don Rosa ist sich nicht sicher, ob er diese Ausgabe ├╝berhaupt hat. Ich biete ihm an, ihm meine zu geben. Er lehnt dankend ab und sagt, dass er sie schon irgendwo auftreiben wird.

All meine anderen Ansatzpunkte „What a coincidence, Mister Rosa, isn’t it? What do you think about turning the favor and contribute to my next book with let’s say a cover? Ya know, we Italos have to stick together wherever we meet, don’t you agree? fallen ebenso schnell wie der Meister seinen Stift an- und wieder absetzt. Danach wird es hektisch, denn er klappt das Buch zu und ich stammle und stottere, w├Ąhrend ich hektisch nach der Seite suche, die ja mit aufs Foto soll, und den Atem der Fans hinter mir sp├╝re, die jetzt endlich auch was signiert haben m├Âchten.

Don Rosa, Marcello Buzzanca und Topolino_Oberhausen, 2016

Don Rosa, Marcello Buzzanca und Topolino_Oberhausen, 2016

Egal und anyway: Das Foto ist kurz danach im Kasten, mein Sohn hat seine Ausgabe von Onkel Dagobert ÔÇô Sein Leben, seine Milliarden autogrammiert bekommen und zudem noch ein Hochglanz und handsigniertes Foto mit dem Meister selbst. Meine Frau quetscht Rosa noch ├╝ber seine Chilis aus und ich atme durch, weil er tats├Ąchlich meine Topolino-Ausgabe mit seiner Unterschrift versehen hat. Hatte schon Angst, dass er mich vom Stuhl jagen w├╝rde, wenn ich die falsche Seite aufschl├╝ge: Spiderman? For real jetzt oder watt?

Topolino und Don Rosa mittendrin

Topolino und Don Rosa mittendrin

Der gro├če Sampono
Noch eine kleine Runde durch die Ausstellung und dann endlich ab nach Hause. Leider nein, denn der Buchshop der Galerie ist quasi eine Fortsetzung der Ausstellung mit monet├Ąren Mitteln und der Rest meiner Familie hat beschlossen, da noch mal „kurz zu st├Âbern“. Neben handels├╝blichen Barks- und Rosa-B├╝chern finden sich auch echte (inhaltliche) Rarit├Ąten. Eine titelt dar├╝ber, dass Don Rosa selbst in Finnland ein Held sei, weil er im Donald-Duck-Comic Die Jagd nach der Goldm├╝hle (The Quest for Kalevala) das gleichnamige finnische Nationalepos mit Strich und Farbe nachempfunden hat. Selbst redend, dass es Dagobert ist, der in Rosas Geschichte den Sampo, ein magisches Ger├Ąt, das Gold, Getreide und Salz in wohl genau der Reihenfolge herstellt, sucht.

05 Leitkultur, 2015 ┬ę Thomas Pla├čmann

Ob er ihn in der Story findet, wei├č ich nicht. Ich jedenfalls sto├če auf einen ganz anderen Schatz: Wir schaffen das! Politische Karikaturen von Waldemar Mandzel, Thomas Pla├čmann und Heiko Sakurai.

04 Der Catenaccio zum EM Jahr, 2016 ┬ę Heiko Sakurai

Ist kostenlos, nur leider schon geschlossen, diese gro├čartige Ausstellung im Kleinen Schloss. Und hat sogar was mit Italien, Integration und wom├Âglich sogar noch was mit Inken zu tun.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.