Der Zaun von Dietmar Telser: Einfriedung auf Europäisch

Der Zaun von Dietmar Telser: Einfriedung auf Europäisch
Der Zaun von Dietmar Telser: Einfriedung auf Europäisch

Dass man bei Zäunen auf Grenzen stoßen soll – und zwar auf sichtbare – wird keiner bestreiten wollen. Auch, dass Europa auf Zäune setzt, um seine einst offenen Grenzen zu schließen, werden viele mittlerweile bejahen. Bezeugen indes können es wenige und die, die es könnten, haben andere Sorgen. Wichtigere. Flüchtende und Schutz suchende Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia oder aus anderen Kriegs- und Krisenregionen dieser (jenseits von Europa)-Erde, die solche Zäune überwunden oder deren Fluchtweg und Hoffnungsroute sie abgeschnitten haben und bis auf weiteres blockieren werden, kennen diese Mauern und Stacheldrähte aus eigener leidvoller Erfahrung. Nur werden sie kaum Gelegenheit bekommen, darüber zu berichten, sondern eher daran verzweifeln, wie und ob sie diese Barrieren jemals überwinden werden. Legal, illegal, irgendwie eben.

In dem jüngst bei Styria Premium erschienenen Buch Der Zaun – Wo Europa an seine Grenzen stößt, erzählen Dietmar Telser (in Worten) und Benjamin Stöß (in Fotos), wie es jenen Menschen an den Zäunen Europas ergeht, wenn sie stecken bleiben, sich schleppen lassen, sterben oder schlicht und ergreifend ausharren, seien die Umstände auch noch so widrig. Drei Monate lang reisten beide Journalisten im Sommer 2014 entlang und inmitten dessen, was aktuell mehr denn je als Festung Europa bezeichnet werden kann. Zwischen Sofia, Istanbul, den Inseln Chios und Lesbos in der Griechischen Ägäis, Augusta auf Sizilien, Sfax in Tunesien und der spanischen Enklave Melilla in Marokko, trafen und sprachen sie mit Menschen – mit Schutzsuchenden, Helfern, Politikern, Polizisten:

„Wir haben bei unseren Recherchen viele unterschiedliche Ansichten gehört, aber wir haben niemanden getroffen, den die Situation an den Grenzen gleichgültig gelassen hätte. Grenzschützer, Politiker, Polizisten und Helfer waren selten der gleichen Ansicht, zogen aber dennoch manchmal die gleichen Schlüsse. Dazu gehörte etwa, dass das „Dublin-System“, das Schutzsuchende dazu anhalten sollte, in dem Land einen Asylantrag zu stellen, in das sie als Erstes einreisen, nicht funktionierte. Und es gab einen zweiten Punkt, bei dem sich die Einschätzungen kaum unterschieden: Zäune und Grenzkontrollen allein würden diese Krise nicht lösen können.“

Persiflierte Flüchtlingspolitik
Bei all diesen Gesprächen rund um bzw. in unmittelbarer Nähe manifester oder wenig sichtbarer Barrieren, fallen in Der Zaun – Wo Europa an seine Grenzen stößt, immer wieder auch Namen wie Café Dolce Vita, Hotel Ritz oder Five Star für Bauruinen und andere prekäre Orte. Diese Toponymik zeigt den Zynismus, der an und um diese Zäune herum herrscht. Es sind Bezeichnungen, mit denen Flüchtlinge ihre menschenunwürdigen Unterkünfte benennen. Humorvoll, wenn man das in solch einem Kontext überhaupt sagen darf. Hoffnungsvoll, weil es zeigt, dass Ironie und das gemeinsame Lachen auch die schlimmsten Schranken überwinden können. Wobei es einige Paragraphen-Persiflage gibt, die man selbst mit einer großen Portion Humor kaum ertragen kann:

„ Menschen, die auf der Flucht sind, muss zumindest die Möglichkeit gewährt werden, einen Asylantrag zu stellen – unabhängig davon, ob diesem später stattgegeben wird. Zäune aber konterkarieren diesen Ansatz. Vor allem dann, wenn die Einreise auf anderem Weg nicht gestattet wird. Tatsächlich haben Flüchtlinge aus Syrien kaum Möglichkeiten, ohne Visum nach Europa einzureisen. […] Die EU-Richtlinie 2001/51/EG führt zudem dazu, dass Reisende ohne Visum meist kein Flugzeug nach Europa besteigen dürfen.

[…] Für Asylbewerber gilt zwar eine Ausnahme, doch diese müsste das Bodenpersonal prüfen. Da Fluggesellschaften eine Strafe bezahlen und für die Kosten aufkommen müssen, wenn Passagiere ohne Papiere im Ankunftsland abgewiesen werden, lassen Airlines sicherheitshalber meist gar keine Passagiere ohne Visum an Bord. Das ist die Scheinheiligkeit der europäischen Flüchtlingspolitik: Die EU ist sich beim Recht auf einen Asylantrag einig, viele Staaten tun allerdings alles dafür, dass möglichst wenige Menschen es auch in Anspruch nehmen können. So hat Europa lange Zeit indirekt die Zahl der Flüchtlinge eingeschränkt, ohne dass es dafür eines politischen Konsenses für eine Begrenzung, ein Kontingent oder Gesetzesänderungen gibt. Wer sich heute über unkontrollierte Flüchtlingsströme wundert, muss auch das bedenken.“

Elend in Echtzeit
Grundlage dieses durch abschreckende Authentizität fesselnden Buchs bildet die gleichnamige Multimediareportage, die im Rahmen eines Projekts der Süddeutschen Zeitung 2014 entstand und 2015 mit dem CIVIS Medienpreis ausgezeichnet wurde. Das nun vorliegende Buch zeigt das Elend der Flüchtlinge in Echtzeit, auch dank einiger Aktualisierungen. Doch, so schnell wie sich die Situation in Sachen Flüchtlingspolitik immer wieder ändert, sind selbst die „alten“ Inhalte allesamt lesenswert und auch im April 2016 noch erschreckend aktuell. Das gilt in besonderem Maße für die Geschichten, die Dietmar Telser teils nüchtern und ungefiltert von den Protagonisten auf Zeit erzählen lässt.

Da gibt es Mutaz aus Damaskus, der zusammen mit fast 500 Menschen auf einem 12 Meter langen Fischkutter mitten auf dem Meer von Schleppern ausgesetzt wird, um sich letztlich mit 352 Überlebenden in einem Erstaufnahmezelt auf Sizilien und dankbar ob der Aufnahme die Frage zu stellen: „Warum können wir nicht wie bei einer Greencard in unseren Heimatländern Anträge stellen?“ Oder auch Francesco Coco und Luigi Ammatuna, Gerichtsmediziner respektive Bürgermeister von Pozzallo.

In dieser südsizilianische Gemeinde kamen 2014 rund 20.000 Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten an, was in etwa der Einwohnerzahl der Kleinstadt entspricht. Die außerplanmäßige Ankunft der Flüchtlinge ruft auch und gerade im armen Süden Siziliens Bedenken hervor auf, die man sich als Unbeteiligter nicht stellen würde, Francesco Coco und Luigi Ammatuna aber schon: „Die Flüchtlingsankünfte kosten uns in diesem Jahr 20 Prozent der Touristen. Das ist der Preis, den wir für unsere Solidarität zahlen.“ Oder auch: „Wir schaffen das hier nicht mehr in Italien. Es fehlt an allem.“

Es sind auch all jene „Wortmeldungen“, die das Buch so lesenswert machen, weil sie das Thema Flüchtlingskrise von so unterschiedlichen und authentischen Perspektiven zeigen. Es sprechen jene, die wirklich etwas dazu zu sagen haben. Weil sie dabei waren. So wie Lotfi vom Roten Halbmond, der in der desolat-isolierten Grenzregion Tunesiens und Libyens versucht, die über 30 Leichen, die am 24. August 2014 im Hafen von El Ktef angeschwemmt wurden, zu identifizieren. Weil trauernde Angehörige Antworten suchen. Und weil Menschen wie Lotfi sie ihnen geben wollen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Telser_Der Zaun ©styria premium

Telser_Der Zaun ©styria premium

Am Ende ein Ausblick
Das Buch lebt von den Einschätzungen, Fotos und Momentaufnahmen der Augenzeugen, die nicht nur Opfer, sondern wohl auch Täter sind: „Im Istanbuler Standviertel Aksaray alsKnotenpunkt der Flüchtlingsrouten, treffen sie mitunter aufeinander, bevor sie nach Europa aufbrechen: die Iraker, die vor den Dschihadisten des Islamischen Staates flüchten, die Syrer, die den Bomben des Assad-Regimes entkommen wollen, die Afghanen, die endgültig alle Hoffnung für ihr Land begraben haben. Manchmal kommt es deshalb zu den absurdesten Begegnungen. Dann treffen Flüchtende auf die, vor denen sie geflüchtet sind. Ausgerechnet der Traum von Sicherheit bringt sie wieder zusammen.“

Es gibt aber auch Hoffnung, weil es von engagierten Menschen wie dem Lehrer José Palazón erzählt, der in Melilla dokumentiert, wie „die Guardia Civil Migranten, die den Zaun überwunden haben, den marokkanischen Grenzschützern übergibt, obwohl sie vermutlich auf spanischem Territorium waren […] oder wie vor allem marokkanische Polizisten auf die Menschen einprügeln, als gäbe es kein Morgen.“ Wenn sie jemanden beauftragen, um Menschen zu schaden, dann nennen wir das Mafia. Wenn es ein Staat macht, dann ist es Migrationspolitik.“

Doch neben der Hoffnung blitzt immer wieder auch die Absurdität mancher Asylpolitik auf: „Es ist ein Foto, das die ganze Unwucht dieser Welt demonstriert. Man sieht den Golfplatz in Melilla und zwei Golfspieler. Eine Frau holt gerade zum Schlag aus. Im Hintergrund an einem Zaun sind ein knappes Dutzend Afrikaner zu sehen. Im ersten Moment scheint es, als wären es Zuseher. Aber sie versuchen, über diesen Zaun zu klettern, um nach Europa zu gelangen. […] Die Zeitung El Pais schrieb wenig später, dass der Golfplatz rund 2 Millionen Euro gekostet habe. 80 Prozent der Kosten wurden von der EU übernommen – über ein Programm, das ein Ungleichgewicht der Lebensverhältnisse innerhalb der EU ausgleichen soll.“

Blinde Berechnung ist nicht nur in Melilla ein immer wiederkehrender Faktor, der die Europäischen Grenzzäune wie eine sarkastische Krone ziert. Auch in Bulgarien wird nämlich spitz (ab)gerechnet, beispielsweise durch den damaligen bulgarischen Verteidigungsminister Angel Naydenov: „7.674.000 Lew, das sind knapp 4 Millionen Euro, hat der Zaun gekostet. Damit ist er 50 Prozent teurer geworden als geplant. Das ist viel für ein Land, das als eines der ärmsten der EU gilt. Der Minister versucht, sich mit einem Blick ins Nachbarland zu rechtfertigen. Der Zaun, der 2012 in Griechenland gebaut wurde, sei weniger als halb so lang, habe aber umgerechnet sogar 9 Millionen Lew gekostet.“

Das Vorwort als Fazit eines Insiders an den Außengrenzen Europas
Neben all diesen Momentaufnahmen sind es aber auch jene Einschätzungen, die Telser in seinem Buch Der Zaun – Wo Europa an seine Grenzen stößt sicher auch unter Eindruck all jenes Erlebten gibt: „Dieses Europa stieß zuletzt an die Grenzen seiner Aufnahmebereitschaft, nicht unbedingt an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit. Das ist ein Unterschied. Und es ist eine Enttäuschung, da sich dieses Europa in der Krise schwach und unsolidarisch zeigt. Aber es ist vielleicht zugleich dessen größte Chance.“

Die Europäische Union kann jetzt Regeln im Umgang mit Schutzsuchenden entwickeln, die mit Menschenrechten und moralischen Grundsätzen vereinbar sind und nicht allein auf jene setzt, die stark genug sind oder das Geld besitzen, Zäune zu umgehen. […] Der Umgang mit Migration ist aber niemals allein Aufgabe der Politik. Wir werden in Zukunft daran gemessen, wie wir mit dieser Herausforderung umgegangen sind: Zweifel sind wichtig, es kann aber nicht gut sein, wenn wir von Angst getrieben das Positive nicht mehr sehen wollen. Dieses Buch kann keine Antwort geben und keine Schuldigen finden.

Es wird all jene enttäuschen, die erfahren möchten, ob die Europäische Union an dieser großen Herausforderung der Flüchtlingskrise zerbrechen wird, es kann keinen Hinweis darauf geben, ob Österreich und Deutschland am Ende von den vielen Flüchtlingen, die kommen, profitieren werden oder auch nicht, es kann keinen optimistischen und noch viel weniger einen pessimistischen Ausblick geben und schon gar nicht schnelle Lösungen anbieten. Dieses Buch kann nur einen Eindruck vermitteln, wie sich das Leben für die Menschen an unseren Außengrenzen anfühlt. Und dass es nicht gut ist, so wie es ist.“

Der Zaun: Wo Europa an seine Grenzen stößt
Autor: Dietmar Telser
Fotograf: Benjamin Stöß
ISBN: 978-3-222-13526-2
Seiten:176
styria premium
€ 24,90

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.