Die bis-lungene Integration der Olea europaea

Die bis-lungene Integration der Olea europaea
Die bis-lungene Integration der Olea europaea

Eigentlich hatten meine Frau und ich den kleinen Olivenbaum gekauft, um ihn auf das Grab meines Vaters zu stellen. Passte unserer Meinung nach perfekt und auch die Fachverkäuferin für Pflanzen und Saatgut stimmte mit uns überein. Einem Toten etwas Lebendiges aufs Grab zu stellen und dazu noch ein Gewächs aus seiner Heimat – das sei doch eine gute Idee und gar nicht seltsam. Skurril war eher, dass wir diesen kleinen Olivenbaum in einem Fachgeschäft für Blumen bzw. Pflanzen- und Gartenbedarf in Arnsberg-Neheim und damit mitten im Sauerland kauften – und zwar Anfang Januar, wo er den Sauerländer Weihnachtsbäumen die Wachablösung gab.

Ob er davon Wind bekommen hat, dass er letztlich einem Toten als Grabschmuck dienen sollte und diese Kunde ihm den Lebenssaft aus den Wurzeln gesogen hat, kann ich nur vermuten. In jedem aber weigerte sich der Olivenbaum fortan zu wachsen und zu gedeihen. Also verschoben wir den Plan, ihn auf das Grab meines Vaters auf dem Frankfurter Hauptfriedhof und damit ein Stück weit auch auf Heimaterde zu stellen.

Olivenbäumchen, integrier‘ dich endlich!
Warum aber wirft der Ölbaum geschmeidig ein Blatt nach dem anderen ab? An fehlender Aufmerksamkeit für seine Ausländischkeit kann es jedenfalls nicht liegen. Schließlich hat meine Frau ihn doch schon mit echten Lavabröckchen aus dem Ätna geschmückt. Half aber nichts. Ich sage also in Anwesenheit des Bäumchens zu meiner Frau: „Vielleicht sollte ich mit ihm (dem Bäumchen) mehr Italienisch reden.“ „Und das sagst du mir auf Deutsch?“ fragt sie mich.

Touché, Tesoro! Recht hast du! Ich muss mich dem Baum mediterraner nähern – oder wenigstens Italienisch. Und ich denke nach, welche Maßnahmen ich für seine integrative Iteration ergreifen sollte: Sizilianische Folklore im Stile eines Klassikers wie Sciuri Sciuri, also Blumen, Blumen, vielleicht. Und schon will ich meine Maultrommel und meine Gitarre auspacken, als ich den Text dieses Klassikers im Keller suche und im Geiste wie auch in Google durchgehe.

Canti del folklore siciliano_Angelo Cacciato

Canti del folklore siciliano_Angelo Cacciato

Dieses sehr berühmte Lied ist im Prinzip der Klagegesang eines Mannes, der seine Verlobte partout nicht heiraten möchte – nicht weil sie welk wäre, sondern schlicht und ergreifend hässlich und fies ist.  Nein, das kann ich meinem Olivenbäumchen nicht antun. Dieser florale Defätismus würde ihn doch noch weiter runterziehen.  Also krame ich tiefer in meinem Klang-Gedächtnis.

Ja, richtig: Quel mazzolin di fiori, ein ebenso populäres Stück aus dem Liedgut des Triveneto (das übrigens und paradoxerweise als Kirchenregion 4 Kirchenprovinzen umfasst) und damit aus dem „Dreieck“ Venetien, Friaul und Trentino-Alto Adige. Diese Teile Italiens wiederum stellen nicht nur geografisch eine Antipode zur ursprünglichen Heimat unseres Integrationsverweigerers namens Olea europaea dar. Und insofern würde ihm ein Volkslied aus dem hohen Norden Italiens kaum den Freudensaft aus den Blättern locken.

Mit Atil im Arnsberger Wald
Womöglich ist er aber auch einfach eingeschüchtert, denke ich mir. Denn während mein trauriger Blick vom kahlen Olivenbaum auf der Fensterbank unseres schlauchförmigen Wintergartens in Richtung aufschiebbare Vollfensterfront gleitet, ist das dichte Laub des Arnsberger Waldes nicht nur eine imposante, sondern für diesen kleinen Olivenbaum vielleicht sogar eine einschüchternde Kulisse.

Der Arnsberger Wald ist Nordrhein-Westfalens größtes zusammenhängendes Waldgebiet. Das weiß ich aus Erfahrung, weil ich mich darin bereits zweimal verlaufen habe. Das letzte Mal war ich wenigstens nicht alleine. Mein alter Freund Atil war auch dabei. Er, der wohl mal in den Bergen Kurdistans eine Kobra mit der Hand gefangen hat und jetzt feuriger Transhumanist ist, kennt sich mit Serpentinen, Brücken und Irrwegen aus. Er versuchte mich zu trösten, als ich drohte, nach der Orientierung auch noch die Fassung zu verlieren.

Lava-Heimaterde für den Olivenbaum ©Marcello Buzzanca

Lava-Heimaterde für den Olivenbaum ©Marcello Buzzanca

„Wir sind doch mitten in Deutschland. Da geht keiner im Wald verloren!“ „Und wenn doch?“ „Wir haben doch beide Handys dabei!“ Needless to say, dass wir beide Null Empfang hatten. „Atil, ich hab echt Schiss, dass wir hier übernachten müssen!“ „Na und?“ „Und wenn die Wildschweine kommen?“ „Ach was, Matsch! Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir auf ’ne Wehrsportgruppe stoßen!“ „Ne Wehrsportgruppe?? Im Arnsberger Wald?“

Ich spielte alle denkbaren Szenarien durch, bis ich von Stimmen aus meinem Wald-Wahn gerissen wurde. Sie gehörten zu zwei älteren spazierende Damen. Die wiesen uns mit ihren Nordic-Walking-Krücken freundlich den Weg raus aus dem Blätterwald und zurück in die asphaltierte Natur. Dann ließen wir uns von meiner Frau abholen – in der Nähe der Polizeiwache.  Dort wollte meine Frau schon eine Vermisstenanzeige aufgeben. „Und wie sehen denn die beiden Männer aus, die sich verlaufen haben? Aha, schwarze Haare, mit Bart. Italiener und Türke. So so. Nein, machen Sie sich keine Sorgen! Unsere Wärmebildkameras und die Hundestaffel finden die beiden bestimmt.“

Wie Eros Ramazzotti und Hermann Hesse helfen
Am Ende also fanden Atil und ich zur Freude unserer Frauen und Kinder und unter dem Schwur, es niemand anderem zu erzählen, wieder raus aus dem Arnsberger Wald. Auch mit Hinblick auf diese Erfahrung wird mir klar, wie sich unser mediterraner Gast im Kleide eines Olivenbaums fühlen muss – so umzingelt von großen deutschen. kräftigen Bäumen. Höchste Zeit, sich der Versöhnung und Verständigung zu widmen – mit Musik, natürlich, die zudem das Dilemma unserer Olea europaea in harmonische Noten packt  Eros Ramazzotti und „Favola“, ein wunderschönes Lied, dessen Text auf dem Kunstmärchen „Piktors Verwandlungen“ von Hermann Hesse beruht.

Rinaldo, Ritter und Retter der Olivenbäume ©Marcello Buzzanca

Rinaldo, Ritter und Retter der Olivenbäume ©Marcello Buzzanca

Die Handlung hin zur Wandlung: Ein (junger) Mann namens Piktor, der im Paradies zum Baum wird, weil alles um ihn herum sich ständig und nach Lust und Laune verändert. Als er aber ein Baum ist, kann er sich nicht weiter wandeln. Das stört ihn solange nicht, bis er ein Mädchen kennen lernt, sich der jungen Frau als Baum aber weder zeigen noch zuwenden kann und erst glücklich wird, als auch sie sich in einen Baum wandelt, weil sie sich stark von Piktor als Blattträger angezogen fühlt.

Und so hoffe ich nun, dass vielleicht meine Frau es mit ihrer Schönheit und ihrem Charme vermag, diesen knorrigen Ölbaum in unserem Wintergarten zu neuer Blüte zu verhelfen und ihm die Akkulturation über geografische Hürden hinweg appetitlicher macht.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.