Die Petryfizierung der Parteien

Die Petryfizierung der Parteien
Die Petryfizierung der Parteien

Als Dem├╝tigung f├╝r die Demokratie hat bisher wohl noch niemand den zweistelligen Stimmenzuwachs der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-W├╝rttemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt bezeichnet. ├ťberraschend kam der Aufstieg der Partei von Petry Heils Segen jedenfalls nicht, denn ebenso zweigliedrig wie die Namen der befallenen Bundesl├Ąnder sind, fielen auch die Ergebnisse f├╝r die AfD „double digit“ aus. Folglich war es doch von vornherein klar, dass sie in die Landtage einziehen w├╝rden – wahrscheinlich ohne Standarte, daf├╝r aber eine Schockstarre ausl├Âsend: Die Petryfizierung der Parteien, die Versteinerung der Volksvertreter.

Bald wohl wird die AfD nun auf Landesebene und ganz offiziell hetzen d├╝rfen – ob nun als geduldete Gesetzesmacher oder als Spielverderber, der jeder noch so absurden Ampel die Lichter nach Belieben ausschalten kann. Vielleicht mit einer Fl├╝chtlingsverwaltungsversorgungsverdrussverodnung oder einem Antrag auf einen Extra-Etat, um die Ethnisierung von Gewalt ├╝ber alle Endger├Ąte und Medien ├╝bergreifend anzufeuern.

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Frauke freut sich in jedem Fall und als Petry polarisiert sie. Den einen ist sie zu burschikos und f├╝r Eko Fresh warscheinlich zu muschilos. Anderen wiederum erscheint sie wie Wolle Petry – nur eben ohne Schnauzer und daf├╝r mit Wildwuchs auf den Z├Ąhnen. Andr├ę Poggenburg versucht derweil, das Nest des Pleitegeiers von seinem Autok├╝hler-Fachbetrieb- Gutshofs zu migrieren – am besten in ein L├╝genpresse freies Biosph├Ąren-Reservat. Als AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt ist Petry f├╝r ihn das Pendant zur Le Penetrand in Frankreich. Zudem steht ihm Bj├Ârn ÔÇ×The HaterÔÇť H├Âcke bei und auf den F├╝├čen, dr├Ąngt sich in die Linsen der Fotografen und macht so, als ob er alleine den wahren Willen der W├Ąhler erkannt habe.

Infografik: AfD mobilisiert Nicht-W├Ąhler | Statista
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Wohnst Du noch oder fl├╝chtest Du schon?
Nur Theorien ├╝ber Fl├╝chtlinge zu verbreiten, kann am Ende aber nicht die L├Âsung sein, zumindest nicht in der Praxis. Auch ich muss demnach die Brandung gegen die Welle der Schutzsuchenden etwas aufbrechen, indem ich mir selbst einen Fl├╝chtling ins Haus hole. Richtigerweise hat das meine Hausverwaltung gemacht und noch korrekter kolportiert, war ich nur eine leicht zupackende Helping Hand, als SIE kamen.

Der erste war ein waschechter Sauerl├Ąnder, der mich im Treppenhaus ansprach. Wo ich denn wohne, wollte er wissen, weil ich ja vielleicht helfen k├Ânnte, ÔÇ×denenÔÇť das Einleben zu erleichtern. M├╝lltrennung sei ein Thema, ja, das er auch schon ├Âfter versucht habe zu vermitteln. Gelber Sack und Papier, das h├Ątten sie nun verstanden, aber Kompost und so, da w├Ąre es doch nett, wenn wir da vermittelnd eingreifen k├Ânnten. Man d├╝rfte so Hausgemeinschaften wie uns nicht ├╝berfordern mit zu vielen von denen. Und es sei ja auch nur eine Familie – Vater, Mutter und kleiner Junge.

Erleichtert teile ich dies meiner Frau mit. Der unaussprechliche Name am Briefkasten sollte sie jetzt nicht mehr so erschrecken. Ja, zugegeben, ich hatte auch etwas Angst, als ich die vier dunklen Jungs sah, die unten im Hausflur standen und den Umzug machten. Also packte ich mit an und hievte gemeinsam mit ihnen die Einzelteile der K├╝che in den 3.Stock, damit sie schneller wieder verschwanden. Au├čerdem hatte einer von ihnen eine Wollm├╝tze in Schwarz-Rot-Gold auf. Was will man mehr an vertrauensbildenden Ma├čnahmen?

Sparschwein in disguise ┬ęTatjana Isaak

Sparschwein in disguise ┬ęTatjana Isaak

M├╝lltrennung ist Migration
Klar, sagte mir der ├Ąltere Herr, der sie ehrenamtlich betreut, sich aber jetzt aus dem Business verabschieden will, es sei etwas komisch f├╝r ihn, dass die Frau ihm nicht die Hand gebe, aber sonst sei alles ok. Meine Yugo-Nachbarin indes zeigte einige Tage sp├Ąter ihre starke Integrationsseite, als sie sich selbst nur schwer bremsen konnte, den Fl├╝chtlingen nicht gleich die Leviten zu lesen. Diese n├Ąmlich hatten doch tats├Ąchlich ihren M├╝ll in die Yugo-eigene Tonne gekloppt.

Aber ja, G├╝te walten lassen und sp├Ąter an der T├╝r klingeln und klar machen, wer hier was wo rein werfen darf. Ich pers├Ânlich mag die Familie. Die Wohnung, in der sie nun leben, wurde davor von einem jungen Paar aus Sachsen-Anhalt bewohnt. Dieses wiederum kamen uns letztens besuchen, l├Ąngst dar├╝ber informiert, wer jetzt in ihrer Wohnung weilte. Na ja, schwierig sei es eben mit denen, aber mal abwarten, sagte sie in ihrem breiten Sachsen-Slang.

Asyl-Alarm
Ein anderer Nachbar von uns, sozusagen mein Haus- und Parkplatz-Mechaniker, sprach mich letztens beim Bier holen im Keller an: ÔÇ×Hast Du die Alarmsirene gestern geh├Ârt bei den Fl├╝chtlingen?ÔÇť ÔÇ×Hat es da wieder gebrannt?ÔÇť Er schaute mich fragend an, konnte er doch nicht wissen, dass ich die┬á Asylbewerberunterkunft bei uns um die Ecke meinte, wo vorgestern doch noch eine Matratze in einem Doppelstockbett in Brand geraten war. ÔÇ×Nein, ich meine die Fl├╝chtlinge hier bei uns. Der Feueralarmmelder in der Wohnung hat eine Stunde lang gepiepst. Und die waren nicht da!ÔÇť ÔÇ×Vielleicht hat das Ger├Ąusch traumatische Erinnerungen an den Krieg in ihrer Heimat bei ihnen ausgel├Âst und sie sind aus der Wohnung gerannt?ÔÇť ÔÇ×Nein, sie waren hinten auf dem Spielplatz!ÔÇť ÔÇ×Ach so!ÔÇť

Symbol f├╝r Mobbing, Aussenseiter und Gleichheit ┬ęclipdealer.de_241546

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Ich kann doch auch nichts daf├╝r, dass ich noch kein Experte in Sachen Asyl und Flucht bin. Ja, klar, ich habe schon welche gesehen, sogar live. Hinten bei uns in einem abgelegenen Industriegebiet. Da wohnen sie in ehemaligen Schulen und Verwaltungsgeb├Ąuden der Stadt, gleich hinter der Auffangstation des Katzenschutzbundes. Manche joggen entlang der trostlosen Stra├če und die Balkanesen unter den Fl├╝chtlingen grillen bei 10┬░C. Die Kinder spielen auf hastig aufgeworfenen Erdh├╝geln und mittlerweile haben sie ihnen auch eine nette Rotunde mit B├Ąnken und Sandkasten gebaut, w├Ąhrend die engagierten Damen in der Katzenauffangstation die Fenster verbarrikadieren, weil hier jetzt schon ├Âfter eingebrochen wurde.

Jedenfalls haben wir dann weder eine Katze noch einen Fl├╝chtling mit nach Hause genommen. Zum Abendessen gab es reduziertes Lammfleisch. Als mein Sohn verstand, dass L├Ąmmer Schafe in klein sind, hatte er keinen Hunger mehr. Da pl├Âtzlich fiel mir wieder die Randnotiz deutscher Politik – die CSU – ein. Die Vorsitzende der Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, hatte kurz nach dem Desaster bei den Triple- Landtagswahlen gesagt: „Wir k├Ânnen nicht die ganze Welt retten.“ Das sollte ich auch mal meiner Frau sagen, wenn sie wieder reduziertes Fleisch holt, nur weil es sonst weggeworfen w├╝rde und am Ende muss ich es mir reinstopfen, damit die Rettung des toten Tieres nicht ganz f├╝r die Tonne war.

Forum Public Sector CeBIT_2016 ┬ęMarcello Buzzanca

Forum Public Sector CeBIT_2016 ┬ęMarcello Buzzanca

Professionalisieren statt polemisieren
Wie also wird man zum Fl├╝chtlingsexperten? Mit Technologie, nat├╝rlich. In diesem Zusammenhang kam mir die CeBIT ganz gelegen. Denn die verstaubten Verwaltungen wollen ganz auf die Digitalisierung der Dienststuben setzen, beispielsweise mit AVUAsyl. Das steht f├╝r Aufnahme, Verteilung und Unterbringung von Asylbewerber(inne)n und setzt als Software unter dem Stichwort ÔÇ×E-GovernmentÔÇť dynamische Akzente in der Verwaltung. Und das auch noch mit der Bezierksregierung Arnsberg als Projektpartner und als meine Haus- und Hof-Regierung gleich um die Ecke.

AVUAsyl auf der CeBIT ┬ęMarcello Buzzanca

AVUAsyl auf der CeBIT ┬ęMarcello Buzzanca

Klingt gut, denke ich mir. Noch besser aber klingt der andere Ansatz, also der, wo Beh├Ârden und Helfer im In- und Ausland ├╝ber eine Sealed Cloud komfortabel, g├╝nstig und sicher miteinander verbunden werden. Und dazu kommt noch, dass dieses virtuelle Gebilde dank eines Sets technischer Ma├čnahmen die Machtverteilung zwischen den verschiedenen Parteien durchsetzt. Puuh, ich atme auf. Ich dachte schon, dass erfolgreicher Fl├╝chtlingsmanagement darin best├╝nde, eine versiegelte Wolke ├╝ber das Mittelmeer zu jagen, die alle Fl├╝chtlinge aufsaugt und dann irgendwo fernab von Europa abregnet. So ein Exemplar, da bin ich mir sicher, w├╝rde in jedem Fall ein paneurop├Ąischer Verkaufsrenner werden – unter der Hand gehandelt, mit Produktionsengp├Ąssen aufgrund der nicht abebben wollenden Nachfrage von Nord, Ost, S├╝d und West.

Mit so einer Asylanten-Absorbo-Wolke w├╝rden Mauern und Z├Ąune wieder ├╝berfl├╝ssig und Obergrenzen obsolet. Andererseits ist es das Permeable, das Durchl├Ąssige, das die Welt am Wachsen h├Ąlt und selten hat Trennendes verbunden.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.