ελληνικός {Ellinikos} Eulenspiegel

ελληνικός {Ellinikos} Eulenspiegel
ελληνικός {Ellinikos} Eulenspiegel

Letzte Woche flatterte der neue Eulenspiegel in meinen Briefkasten. Postideologisch, versteht sich, denn unser Zusteller denkt nicht mehr in längst überholten Links-Rechts-Mitte-Kategorien, wenn er Satire auf Sendung schickt. Wo auch immer sich die Position meines Briefkastens befindet: Klappe auf, Heft rein, Klappe zu.

Die inhaltliche Schwere des Hefts fiel mir schon beim Herausfummeln quasi Satire-gravitationsmäßig vor die Füße: Ein hässlicher, nicht andressierter Umschlag aus Recyclingpapier, für dessen laschen Zusammenhalt die Redakteure und Redaktösen wahrscheinlich ihre spitze Zunge hinhalten mussten. Vielleicht giftiger Eulenkot in Weihnachtsbackmischungstarnung? Nein, kein Attentat auf mein Leib und Leben, dafür aber auf meine Kapiermaschine: Eine der beliebtesten Studienreisen der Deutschen! Für mich als Italiener! Inklusive Venezianische Festung Heraklion (ok, das passt dann ca. wieder). 800 Euro Wertgutschein für mich als Abonnent respektive Rezensent.

©Eulenspiegel

©Eulenspiegel

Prospektologie
Ich drehe den Prospekt hin und her, schüttle ihn, weil ich erwarte, dass doch irgendetwas an Verarsche gleich rausspringen muss. So wie der Clown gewöhnlicherweise aus der Schachtel schnellt. Oder vielleicht im Kleingedruckten? Irgendein Hinweis auf Häme, Unter-der-Gürtellinie-Gyros? Habe ich eventuell den € nur konfabuliert und Drachmen überlesen? Nein, auch nicht! Keine Spur von Anspielungen! Echt jetzt? Eine Kaffefahrt ins Glückshotel auf Kreta sponsored by Satire de Ost? Ok, verstanden, der versteckte Hinweis auf ätzende Spötterei liegt im Detail, also im Reiseziel. Griechenland, klar. Tsipras, der den Touris an die Wolle will – mit einer Schlafsteuer. Bis zu vier Euro pro Nacht. Deswegen steht auf dem Prospekt auch nur etwas von 8 Tagen, nichts aber von Nächten.

Tsipras‘ Rauten-Route
Womöglich ist es aber gar kein Seitenhieb gegen Tsipras, sondern getarnter Protest gegen die von den internationalen Geldgebern aufgezwungene Austerität und gegen spartanisches Reformieren. Oder aber man bucht die Reise und kann im klimatisierten Reisebus noch eine Extra-Tour ins Flüchtlingslager Moria auf Lesbos buchen. Das Geld kommt in jedem Fall der Humanisierung der Lebensumstände der dort hausenden 5.500 Migranten zugute. Oder den 32 türkischen Staatsbürgern, kürzlich Asyl in Griechenland suchten. Die lebensnahe (und für den Karikaturisten Frank Hoppmann todgefährliche) Darstellung Erdogans einige Seiten später könnte den getarnten Spendenaufruf untermauern (sağlam temele dayandırmak).

©Eulenspiegel/ Frank Hoppmann

©Eulenspiegel/ Frank Hoppmann

Chapeau, Eulenspiegel, das nenne ich mal ein geniales Native Advertising. Satire und Sozialkritik als Werbung getarnt, karitativ und karikativ kongenial vereint, und zwar so gut, dass man Mühe hat, das Stechende an der Studienreise zu finden. Aber nicht umsonst darf ich ja den Eulenspiegel rezensieren. Mir traut man diese Intelligenz ohne weiteres zu. Beziehungsweise, dass ich nicht viel anderes zu tun habe, als der Krypto-Komik hinterher zu schnüffeln. Und dass es mir meine Eitelkeit gebietet, immer weitere Haare in der Satire-Suppe aufzuspüren. Und wenn ich sie selbst dort platzieren muss.

Es dauert keine vier Doppelseiten und ich stoße bereits auf den nächsten Geniestreich eingebetteter Reklame: Ein Magen-Medikament im festen Griff einer schönen Raute. Kurz danach meldet sich ein gewisser Harm Bengen mit den weisen Worten: Jetzt kommt Martin Schulz vom Regen in die Raute.

©Eulenspiegel/Liquirit

©Eulenspiegel/Liquirit

Und sonst so?
Werbung für eine Fahrt mit einem Expeditionsschiff-Kreuzfahrt nach Spitzbergen und ins Packeis inklusive Wal-Watching und Walrosse (weil wir davon seit September ja nicht genügend sehen konnten), Costa fast 5.000 EUR. Dann gleich eine Doppelseite von NOAH – Menschen für Tiere e.V., wo man lauter traurige Hunde sieht und dies natürlich die Laune nach ganz unten zieht, also in den Keller, wo man ja eigentlich zum Lachen hingegangen ist.

Auch im Heft enthalten: Eine Leserreise zu den Schottischen Hybriden, weil man ja nie weiß, welchen seltsamen Kreuzungen und Mischungen man bei den Pikten so begegnen kann.

Später dann eine Werbung für ein Gemälde-Gekleckse von Armin Müller-Stahl, das man exklusiv für etwas Geld kaufen kann. Und das große Finale: Eine 18 cm hohe, auf 80 Exemplare limitierte Bronze-Büste von Karl Marx, neu modelliert zum 200. Geburtstag. Die Unentschiedenheit, die die Skulptur bezüglich der Farbenlehre an den Tag legt – also Kapital in Rot, der Künstler Peter Braun und der Rest in Schwarz, könnte einen auf die Idee bringen, dass diese Anzeige (als solche auch gekennzeichnet) keine Reklame ist, sondern die kommende Realität durch ihre Farbengebung für sich reklamiert: SPD und Linke koalieren aka kooperieren mit der CDU (ohne CSU, weil kein Blau vorkommt) und erreichen etwas, das auch den Grünen gefällt (Braun als Naturfarbe für Baum oder Biber).

©Eulenspiegel

©Eulenspiegel

Ach nö, dann doch lieber das Eulenspiegel eigene Kartenspiel „Trumpfolitiker“ kaufen. Kostet nur 7 EUR und macht bestimmt viel Spaß, am besten zusammen mit dem Tyrannen-Quartett und dem Minderheiten-Quartett kaufen, da gehen einem an den Feiertagen wenigstens nicht die unterhaltsamen und die Gästeriege spaltenden Spiele aus.

Am Ende zurück auf die Titelseite …
… denn da steht’s doch: Unbestechlich, aber käuflich! Und es beschreibt, wie der Eulenspiegel das Redaktionelle um die Werbung herum finanziert: Indem die Zeitschrift nämlich das Honorar der Redakteure einspart, weil es zu gefühlt einem Drittel aus Leserbriefen besteht, die dann mit einem launischen Satz wahrscheinlich aus dem Homeoffice kommentiert werden. Neben riesiger Reklame bleiben dann nur noch wenige Seiten, die es mit scharfer Satire zu füllen gilt.

Und weil mehr Zeit bleibt, wenn andere zu Wort, Schrift und Bild gelassen werden, kann man auch episch Ätzendes über die Heilhand (von) Müller-Wohlfahrt (MW), den Contest zum rechtesten Dorf Deutschlands, eine flächendeckende Dunkelrepublik mit Gauland als Reichskanzler, das Fallbeispiel, das als Bonn-Mot von Bielefeld nach Buxtehude führt, Seehofers Mädchen Marlenchen, das sich wahrscheinlich der #metoo-Kampagne nur deswegen nicht angeschlossen hat, weil sie voll auf Drogen(beauftragte) ist und nicht zu vergessen: Viele Cartoons und nicht werbliche Fotos als willkommene Ablenkung vom Lecko-Mio-Lesefluss.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.