Fließend Französisch

Fließend Französisch
Fließend Französisch

Am 22.03. begehen die Vereinten Nationen den Weltwassertag, der sich dieses Jahr dem Abwasser und der Abwassernutzung widmet. Das Motto wiederum passt ganz gut zu den The(r)men des französischen Präsidentschaftswahlkampfs. In der ersten TV-Debatte trafen jüngst François Fillon, Emmanuel Macron, Jean-Luc-Mélenchon, Marine Le Pen und Benoît Hamon aufeinander – in fließendem Französisch, natürlich, und fleißig daran arbeitend, die Hotspots der Électeurs und Èlectrices zu touchieren. Euro, EU, étrangers. So weit, so bekannt.

Dass aber gerade der zugeknöpft gekleidete Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon das Fass zum Überlaufen bringen würde, haben wohl die meisten nicht vermutet. Seine Replik auf Marine Le Pens Ankündigung eines Arrests jeglicher Einwanderung, sofern (oder in ihren Augen „sobald“) sie Präsidentin der Franzosen wird, lautet: „Werfen Sie sie dann alle ins Meer?“

Migrant Lives Matter

Migrant Lives Matter

Die Mer(e)jungfrau von Neuilly-sur-Seine
Rein von der Namensherkunftsforschung aus betrachtet, müsste die Vorsteherin der Front National denen ins Meer verbannten Migranten eigentlich folgen, weil der Name Marine ja auch für Anti-Frankophile ganz augenscheinlich etwas mit dem immensen Nass gemein hat.

Das juckt die blonde Reckin aber fast nur peripher und so teilt sie geografisch dann mal richtig aus: Frankreich benötige Grenzen, um Flüchtende zu stoppen, denn weder la Grèce ruinée noch l’Italie submergée würden den Menschenstrom aufhalten können. Ok, Message verstanden: Die Grecos sind so pleite, dass sie sich keinen Migrantenwall leisten können und den Spaghettis steht das Wasser sowieso so weit bis zum Halse, dass jeglicher Deich gegen Flüchtlingsströme schon zu spät käme.

Burkini Fasohlen
Dann bläst Le Pen noch Attacke gegen Burkinis und erinnert Macron daran, sich damals für die Vollverschleierung an den Stränden der Côte d’Azur ausgesprochen zu haben. Ich vermute zumindest, dass sie mit il n’y avait pas de burkini sur les plages nicht die Absenz der Ganzkörper-Schwimmanzüge an den rauen Klippen der französischen Atlantikküste meinte. Da nämlich würden sie rein temperaturtechnisch sinnvoll sein.

Jedenfalls wehrt sich Macron dagegen, indem er darauf besteht, kein Bauchredner zu sein (und offen lässt, ob er auch keine Bauchredner-Puppe ist). Jean-Luc Mélenchon ergreift daraufhin das Wort, betont die Unmöglichkeit, eine Kleidungspolizei auf die Straßen der Grand Nation zu entsenden und fragt Le Pen, ob sie womöglich auch die Absicht habe, Menschen das Tragen grüner Haaren oder zu kurzer Röcke zu untersagen.

©clipdealer.de_Media ID: A65330364

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An dieser Stelle, so schätze ich, brodelt es im Frontallappen der Rechtpopulistin. Nicht nur, dass der Linke Mélenchon sie während des Präsidentschaftswahlkampf 2012 im TV ungestraft als Faschistin bezeichnen durfte. Jetzt macht er sich auch noch über sie lustig und lästert über ihre nationalen Forderungen. Auf Französisch heißt das übrigens faire la nique a quelqu’un.

Wahrscheinlich hat sie ihn spätestens in diesem Moment ganz weit weg gewünscht – nach Burkina Faso, wo Le Pen womöglich die Brutstätte aller Burkinis verortet.

Nique so nett!
Oder sie wünschte ihm gar jenes, was sie angeblich auch einem TV-Moderator ins Gesicht gesagt haben soll. Gar nicht so netiquette, sondern vielmehr Nique ta mere. Das aber entpuppte sich als French Fake News, denn in dem Interview, in dem Marine Le Pen dies sagte, sprach sie über den Kommunitarismus – also über gemeinschaftsorientierte Bewegungen, die sich in den Augen von einigen  nicht der Französischen Verfassung und deren Werten verpflichtet sehen. Nique ta mere scheint der Name einer jener Gruppierungen zu sein, die Le Pen nannte. Fairness hat Vorfahrt, auch und gerade wenn man sich im Wahlkampf befindet.

Den könnte letztlich Emmanuel Macron für sich entscheiden. Zumindest geht er aus der Elefanten-Rotonde als Sieger hervor, wenn man Umfragen bezüglich der Glaubwürdigkeit der Fünf Furieux nach dem stehenden Schlagabtausch vor laufender Kamera glauben mag: 29% von 1.157 Befragten sahen Macron vorne, mit Accent gefolgt von Mélenchon (20%), Fillon und Le Pen (je 19%) und Hamon mit 11% Zustimmung weit abgeschlagen.

Der Euro sagte daraufhin Merci, Macron, und floatete weiter in Richtung eines Sechs-Wochen-Hochs, weil das Gespenst eines Le-Pen-Siegs und damit eines Frexits vorerst gebannt, wenn auch nicht ganz verbannt scheint.

Le mere du Nord

Le mere du Nord

Die Mere vom mer
Welches mer oder welche mere man auch immer niquen will, am Ende wird alles gut, denn wenn nichts mehr geht, kommt Jacques Brel und bricht die Bastion der Bedenken. Aber nicht mit Avec la mer du Nord, denn dieser Chanson zieht einen ähnlich der wilden bretonischen Wellenbrecher echt runter. Nein, vielmehr und natürlich mit La mer, das zwar Charles Trenet geschrieben hat, Brel aber mindestens genauso gut interpretierte. Wogender, Zuversicht wollender, das Meer als Weide betrachtend, auf der sich Schafe, Hirten und Engel begegnen. Das nique ich doch mal nice!

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.