Die Fluchtpunkt-Ruthe – ein Resümee

Die Fluchtpunkt-Ruthe – ein Resümee
Die Fluchtpunkt-Ruthe – ein Resümee

Seit dem 19. September stellt das Dreigestirn der deutschen Comic- und Cartoon-Szene in der Ludwiggalerie in Oberhausen aus: Unter dem Motto DAS IST DOCH KEINE KUNST! Comics und Cartoons zwischen Shit happens, NICHTLUSTIG und Schönen Töchtern, lassen sich Ralph Ruthe, Joscha Sauer und Felix Görmann aka Flix in den Zeichenblock blicken und zum Comic-/Cartoon-Kritzeln ausfragen. Ausgesuchte Skizzen, Scribbles und exklusive (Früh)-Werke hängen an den Wänden, liegen hinter Glas und spielen sich auch auf den Monitoren ab.

Die Caption im Kopf

Ich muss sagen, dass ich Ruthe, Sauer und Flix bewundere für die Art und Weise, wie sie mit Akribie und politisch unartiger Spitze auch Schenkelklopfer vom Zwerchfell bis ins Hirn treiben und man sich wirklich fragt, wie man es schafft, so pointiert Position zu beziehen. Und überhaupt, was kommt dem Zeichner zuerst in Hirn und Herz? Das Wort oder doch die Caption zum Bild in den Caput? „Mal so, mal so!“, sagt Ralph Ruthe während der gemütlichen Plauderrunde an einem Sonntag um 15 Uhr. Die Bestuhlung erinnert mich an den letzten Elternabend und ob Ruthes Scherzen meine Rückenschmerzen kompensieren wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht sagen.

Also höre ich aufmerksam zu, während ich im Auftrag meiner Frau meinen Sohn ermahne, er solle jetzt endlich mit dem Filmen aufhören. Ich sitze nämlich zwischen beiden, so wie immer eben. Und im Speziellen natürlich auch kulturell. Aber mein Migrations-Mantra wollte ich ja eigentlich heute zu Hause lassen, auch weil gerade Ralph Ruthe eigentlich nicht politisch ist. Oder etwa doch, fragt der Sitznachbar meines Sohnes, während vorne ein Teenie mit Compton-Schriftzug auf dem Shirt jedem Wort Ruthes wie einem Orakelspruch folgt. „Ich würde nicht sagen, dass ich unpolitisch bin. Aber ich bin kein politischer Karikaturist!“ Das ist ungefähr Ruthes Aussage.

Sparschwein in disguise ©Tatjana Isaak

Sparschwein in disguise ©Tatjana Isaak

Fragerunde dreht sich an mir vorbei

Die Fragerunde dreht sich generell um Themen wie Kannst du vom dem leben, was du machst? Wie lange brauchst du für deine Zeichnungen? Wie animierst du deine Filme? Ja, und dann eben noch ernst gemeintes Understatement von einem der wohl erfolgreichsten Rundnasen-Zeichners Deutschlands. Nein, er könne eigentlich ziemlich schlecht zeichnen, habe sich das alles autodidaktisch erschlossen und wenn er ganz tief in seiner Erinnerung krame, könnte er wohl vielleicht noch Fluchtpunkte erkennen und setzen oder so. Aha! Jetzt aber, denke ich. Jetzt kannst du auch mal was fragen.

Schließlich bist du Blogger und wie willst du die Eintrittskarte von der Steuer absetzen, wenn du nichts zu der Veranstaltung schreibst und veröffentlichst? Ja, Fluchtpunkte ist doch ein guter Ansatz – und eine Einladung zur Überleitung zur – sagen wir – Flüchtlings-Ruthe. Irgendwie die Situationskomik einfrieren in einem Bild, beispielsweise von einem der Flüchtlingstracks, auch wenn es in Ungarn, Kroatien und Slowenien durchschnittlich angenehme 20° C sind? Passt doch auch, weil man ja in einem Bild wohl mehrere Fluchtpunkte setzen kann. Und Fluchtlinien sind ja der Schnittpunkt von Fluchtpunkten. Setzt man das alles nicht richtig in den Ebenen an, wird das Bild schief.

Bei Ruthe, Sauer und Flix hängt schräger Humor gerade ©Ruthe, Sauer, Flix

Bei Ruthe, Sauer und Flix hängt schräger Humor gerade ©Ruthe, Sauer, Flix

Ruthe, Charlie Hebdo und der Kartoffeldruck

Plötzlich fragt jemand, wer Ralph Ruthes Vorbilder seien und was er vorher gemacht habe. Da könnte ich ihn doch fragen, ob er vielleicht auch mal was anderes machen wolle und er denn wüsste, dass das französische Satiremagazin vor gut drei Tagen mit dem Potsdamer M100 Media Award ausgezeichnet wurde und dass „Charlie Hebdo“- Chefredakteur Gérard Biard da gesagt habe, dass es schwer sei, gute Zeichner zu finden. Die Zeichnungen seien die DNA und das Herz des Blattes. Andere Medien zitieren ihn zwar mit DNS des Blattes, aber wir wollen biologisch betrachtet mal nicht so kleinlich sein. Ja, also, Herr Ruthe, wäre das denn nicht was für Sie?

Schließlich hat ja Biard gesagt, dass Satire zum Schock provozieren müsse und dass Satire, die niemandem wehtue, keine Satire sei. Und auch daher seien Karikaturen zum Bild des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan kein Sich-lustig-machen über dessen Tod, sondern eben Satire der Volle-Lotte-Leberhaken-Art, die die Realität widerspiegelt. Am Ende aber stelle ich diese Fragen nicht. Nein, ich bin wohl kein wagemutiger Wort-Warrior, auch weil mir die punkige Kuratorin und Direktorin (und heute eben auch Moderatorin) etwas Angst macht mit ihren klugen Kommentaren und der Art und Weise, wie sie die Wortmeldungen aufgreift und überhaupt erst die Erlaubnis zum Ergreifen des Wortes erteilt.

„Ja, Sie bitte!“  Schließlich befinden wir uns in einer Kunstgalerie und nicht auf dem Presseball der Eitelkeiten. Insofern unterwerfe ich auch meine nächste Frage der Autozensur: „Herr Ruthe, da Sie ja jetzt einiges davon erzählt haben, dass ihr Verlag trotz anfänglich nicht so großer Verkaufszahlen dennoch an Sie geglaubt hat: Wussten Sie eigentlich, dass Johannes Gutenberg in Italien als Erfinder des Kartoffeldrucks gilt?“ Nichtlustig, Herr Buzzanca!

Die Ausländer-Ruthe

Ok, ja, auch Ruthe reitet auf den Mafia-Klischees der cartoonigen Art, so wie Uli Stein es auch nicht lassen kann, die immer gleichen Witze schwarzer Kannibalen mit Wurstlippen, Knochen in den Haaren und weißem Touri im Kochtopf aufzuwärmen.

Die Ausländer-Ruthe ©ruthe.de

Die Ausländer-Ruthe ©ruthe.de

Ich werde immer nervöser, weil die Fragestunde gleich beendet wird. Vielleicht fällt mir ja noch was ein, wenn ich mir etwas signieren bzw. scribbeln lasse von Ralph Ruthe. Mit der kostenlosen Postkarte der Veranstaltung in der Hand, schlendere ich durch die Ausstellung, während mein Sohn Mumm beweist und sich anstellt. Ja, ich frage Ruthe einfach, ob er mir DAS HIER scribbeln kann. Im Geiste sehe ich mich an seinem Tisch stehend und auf die Postkarte deutend, auf der steht: Mekka Ziege. Ok, nein, den Gag hatte ich schon.

Vielleicht eine Kartoffel, die uns Spaghettis um den Finger wickelt? Nein, hatte ich auch schon und Kartoffeln haben keine Finger. Wie wäre es mit einem Rom, der Sinti-Syzer spielt? Oder vielleicht Charon, der für die Überfahrt der Toten keine Euro annimmt und sich deshalb eine große Grexit-Schlange am Wechselschalter am Ufer des Acheron gebildet hat? Nein, alles nicht gut oder zu kompliziert oder zu recycelt! Ok, aber ein Cro Alemagnon, ein Mischwesen zwischen Kroate und Deutschen, das sollte doch machbar sein. Und witzig ist es auch, aber vollkommen unspektakulär.

Und – so würde ich später abschließend feststellen – hat Ralph Ruthe doch ganz brauchbare Völkerverständigungsvorlagen abgeliefert. Das sieht man beispielsweise, wenn man eine seiner Live-Auftritte besucht, bei denen ihm die Migration gelingt, also die Leistung des Transfers seiner Cartoons hinein in ein Stand-Up-Comedy-Programm samt Livemusik und cracksüchtigem Affen, der seine Facebook-Fanpage pflegt. Meinen MiGI-Input braucht er also nicht. Insofern stellt sich mein Sohn schließlich noch ein zweites Mal an und auf Ruthes Frage, was denn diesmal drauf soll, schieße ich aus dem sicheren Migrationshintergrund heraus: „Ein Pilz!“

Autogramme der Authentizität ©Ralph Ruthe

Autogramme der Authentizität ©Ralph Ruthe

Schließlich haben die invasiven Arten von denen ja auch einen Migrationshintergrund. Und außerdem muss Ruthe jetzt schon total platt sein, scribbelt und signiert er doch schon ununterbrochen seit fast zwei Stunden. Da will ich ihn nicht mit müden Anspielungen auf Ausländer langweilen. Aber einen habe ich noch. Weniger ein Kanaken-Cartoon, wobei, ein bisschen schon: Van Helsing und sein Assistent stehen vor Draculas (also vor dem des rumänischen Vlad III. Drăculeas) Sarg. Fragt der Assistent: Pflog ins Herz? Sagt Van Helsing: Kann ich nur empfählen!

Ebenso kann ich allen an pointiertem Humor und filigraner Zeichenkunst Interessierten nur raten, sich für einen Besuch von DAS IST DOCH KEINE KUNST! Comics und Cartoons zwischen Shit happens, NICHTLUSTIG und Schönen Töchtern in der Ludwiggalerie in Oberhausen zu entscheiden. Noch bis zum 17. Januar 2016 kann man den dort ausgestellten schrägen Humor gerade hängen und leise liegen sehen. Oder man hört zu, wenn demnächst mit Joscha Sauer und Felix Görmann aka Flix die beiden anderen Kronjuwelen der deutschen Comic- und Cartoon-Szene ihre Werke lesen, kommentieren und signieren.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.