Fluchtsinnsuche: „Ohrfeige“ von Abbas Khider

Fluchtsinnsuche: „Ohrfeige“ von Abbas Khider
Fluchtsinnsuche: „Ohrfeige“ von Abbas Khider

Wer Abbas Khider nicht kennt und den Titel seines neuesten Buches liest, dem werden die Assoziationen sicher ebenso schnell in den Kopf schie├čen, wie die auf dem Cover mit gespreizten Fingern abgebildete Hand gleich jemandem ins Gesicht schnellt: Arabischer Name, irgendetwas mit Gewalt, Fl├╝chtlinge, Schelle f├╝r die Integration. Tats├Ąchlich aber wird die titelgebende Ohrfeige niemandem gegeben, zumindest nicht physisch und ebenso wenig der Person, f├╝r die sie eigentlich und anfangs gedacht war.

Denn urspr├╝nglich sollte Frau Schulz diesen Schlag ins Gesicht bekommen – als Mitarbeiterin in der Ausl├Ąnderbeh├Ârde und als Stellvertreterin eines Systems, einer „stumpfsinnig entseelten deutschen Verwaltung“, in deren Epizentrum Frau Schulz als eine Art G├Âttin mit ├╝bergro├čem Stempel thront, mithilfe dessen sie Aufenthaltstitel vergibt oder entzieht und dessen Niederkrachen auf Asylantr├Ąge ganze Lebenspl├Ąne ausl├Âschen, umleiten und ins Nichts f├╝hren lassen kann. Wenn man Pech hat. Wenn man Gl├╝ck hat und das „Zimmerroulette“ es gut mit einem meint, kann man auch bei Frau Richter landen.

Odyssee durch b├╝rokratische Welten und Weiten

Der Willk├╝r und Launen deutscher Verwaltungsbeamter ausgesetzt, f├╝hlt sich Karim Mensy – und das bereits, als er irgendwann Anfang 2001 von seinen Schleppern in Bayern abgeladen wird. Was die n├Ąchsten fast dreieinhalb Jahre passiert, schildert Karim Mensy eben jener Frau Schulz und damit der Person, deren Ohrfeige sich Echo und Ton gebend durch das ganze Buch zieht – auch weil sie sonst nie zuh├Ârte, sich taub stellte, was seine Bed├╝rfnisse und Sorgen angeht.┬á Entwarnung sei jedoch gegeben, denn anders, als es der Anfang erwarten l├Ąsst, schl├Ągt Mensy Frau Schulz nicht wirklich, noch fesselt er sie mit Klebeband an ihren B├╝rostuhl und erz├Ąhlt ihr seine Geschichte – auf Arabisch. Nein, er erz├Ąhlt sie vor allem sich selbst und damit allen, die ihm in seiner Geschichte folgen wollen.

Karim Mensy erwacht zum Ende des Buches aus diesem Gewalttraum, in den ihn zu viel Haschisch und heilige Wut katapultiert haben. Was aber nicht bedeutet, dass┬á „Ohrfeige“ frei von Gewalt realistischer und rassistischer Natur sei. Zudem ist es stellenweise auch gewaltig lustig, mitunter mit tiefgehenden ├ťberlegungen eines Fl├╝chtlings, dessen ungewisser Status quo ihn zwingt, sich immer wieder neu zu positionieren. Mental, lokal und

Mensy Stationen gleichen einer Odyssee durch die Flure und G├Ąnge der Beh├Ârden, gemischt mit richtig kaltem bayrischem Winter und flankiert von vielen Typen, die Abbas Khider wunderbar liebevoll entwickelt, zu Leben erweckt oder auch in der Gosse, der Psychiatrie oder im Extremismus verenden l├Ąsst. Sie alle begleiten seinen integrationswillig abgeschobenen Helden, den irakischen Fl├╝chtling Karim Mensy, durch Asylanten- und Obdachlosenheime bis hin in die erste eigene Wohnung und am Ende von M├╝nchen aus (wahrscheinlich) in Richtung Finnland.

Zwischen Beirut und Bayreuth
Karim Mensy trifft fast der Schlag, als er aus dem Erstaufnahmelager nach Bayreuth verlegt wird, hat er doch den Namen der Stadt in Oberfranken mit der Hauptstadt des Libanon verwechselt, rein von den Lauten her. Daf├╝r aber – und das habe ich eher zuf├Ąllig entdeckt – muss er sich nicht sch├Ąmen. Schlie├člich ist selbiges ja bereits Jovanotti passiert, einem der wichtigsten, bekanntesten und erfolgreichsten S├Ąnger Italiens. Und das schon 1994.

Aber auch die Namen anderer Stationen in Mensys kurzem Leben in Deutschland sto├čen ihm bitter auf. So klingt Zirndorf f├╝r ihn wie ein Medikament und ├╝berhaupt tut er sich schwer mit der deutschen Sprache: „Wenn ich versuchte, ihre Gespr├Ąche nachzuvollziehen, um etwas Deutsch zu lernen, h├Ârte ich nur <sch…schi…ch…cho>. Die W├Ârter klangen wie St├Ârger├Ąusche eines Radios, wenn man den Ender nicht richtig einstellt.“
Diese Sprachsende(r)st├Ârungen sollen nicht die einzigen bleiben, zeigen jedoch, dass sich Sender und Empf├Ąnger noch nicht auf einer Welle befinden.

Sprachstandsst├Ârungen

Dabei gibt sich Mensy alle erdenkliche M├╝he, um einmal in Deutschland gestrandet,┬á endlich auch ankommen zu d├╝rfen, sprachlich und ├╝berhaupt. Dass Integration und Spracherwerb nicht nur hand in Hand sondern on the job gehen, sp├╝rt Mensy bei vielen seiner legalen aber auch illegalen Jobs. Auf dem Wertstoffhof beispielsweise sortiert er nicht nur M├╝ll, sondern auch seinen deutschen Wortschatz: „Ich musste nur ein paar W├Ârter und S├Ątze lernen, die ich dann st├Ąndig verwendete: Wo soll das hin? Plastik oder Restm├╝ll? Danke. Bitte. Hallo. Auf Wiedersehen. Aus diesen Bausteinen baute ich meie S├Ątze, ich recycelte und sortierte die Vokabeln genauso wie den M├╝ll.“

Und durch einen Job bei Burger King soll er ein guter B├╝rger werden. Mit Umlaut: „Also Staatsb├╝rger. Deutscher. Bei Burger King. Arbeit. Dann B├╝rger.“ Davor aber muss err sich durch Formulare k├Ąmpfen, die seiner Meinung nach eher auf Indonesisch als auf Deutsch geschrieben sind. Gut, dass es Hewe gibt, einen Kleinkriminellen und Kurden, der mit Mensy in einem Asylantenheim in Niederhofen wohnt. Hewe n├Ąmlich besucht den eigenen Angaben zufolge den besten Deutschkurs, den man bekommen kann. Und das aufgrund seiner Diebst├Ąhle und Schl├Ągereien regelm├Ą├čig: Den Knast. „Dort kann man echt super Deutsch lernen. Hier im Asylantenheim ist man ja nur von euch Dummk├Âpfen umgeben.“

Auch wenn Mensy neidisch konstatiert, dass Hewes kurze Haftstrafen zu einer stetigen Verbesserung von dessen Sprachverm├Âgen f├╝hren, h├Ąlt er selbst sich im weitgefassten Rahmen der Legalit├Ąt auf, von Schwarzarbeit abgesehen. Schlie├člich ist sein Ziel, irgendwann eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, studieren und dann legal arbeiten zu k├Ânnen, eine Frau zu finden und eine Familie zu gr├╝nden.

Zur Brust genommen

Dabei hat Karim Mensy streng genommen bereits eine Frau gefunden – und die ist ihm n├Ąher als es ihm lieb ist. In der Pubert├Ąt n├Ąmlich wachsen ihm unverhofft Br├╝ste. Sp├Ąter werden deutsche ├ärzte ihm Gyn├Ąkomastie bescheinigen, eine Vergr├Â├čerung der Brustdr├╝sen. Eine Operation k├Ânnte die ungew├╝nschten Br├╝ste verschwinden lassen, nur w├╝rde das 6.000 Euro kosten. Und so sehr Mensy sich auch bem├╝ht und auf Baustellen jobbt: Er bekommt dieses Geld nicht zusammen. Dabei waren es doch genaus diese Br├╝ste, die ihn nach Deutschland f├╝hrten, auf der Flucht vor dem Milit├Ąrdienst und der Angst, dort missbraucht und gedem├╝tigt zu werden.

Karim Mensys Br├╝ste und die getr├Ąumte Ohrfeige f├╝r Frau Schulz sind die k├Ârperlichen Koordinaten, die sich sinnbildlich durch das Buch ziehen, einen mitnehmen, fesseln, lachen und tief durchatmen lassen. Sie begleiten Mensy von Zirndorf, Bayreuth bis nach Obernhofen und M├╝nchen. Sie flankieren seine Flucht und sind Motor seiner Wut. Seine Br├╝ste verhindern, dass er im Sommer mit nacktem Oberk├Ârper ins Freibad geht, f├╝hren ihn aber dennoch zu Lada, einer Russin, die Mensy im Sprachkurs kennenlernt, mit ihr eine Beziehung eingeht und schlie├člich von den Helfeshelfern von Ladas alkohols├╝chtigem und gewaltt├Ątigem Mann brutal verpr├╝gelt wird. Und weil diese Br├╝ste am Ende auch nicht in Deutschland verschwinden, muss Mensy sie wieder mitnehmen. Nach Finnland und damit zur n├Ąchsten Etappe seines Exodus.

Abbas Khider_Ohrfeige ┬ęHanser Verlag

Abbas Khider_Ohrfeige ┬ęHanser Verlag

Container-Ali an der Orient-Express-Haltestelle

Dass Situationskomik sich nicht um die Stimmung jener Situation schert, der sie entspringt, mag mancher mit dem Bild eines weinenden und lachenden Auges beschreiben. In┬á Abbas Khiders „Ohrfeige“ braucht man aber beide Sehorgane, um neben den vielen „Das ist ja schrecklich“-Momenten auch die pointierten Einsch├╝be zu genie├čen, die immer wieder aufflackern. N├╝chtern, lakonisch und gleichsam piktografisch, sodass sofort ein Bild im Kopf des lesers entsteht. Das beginnt mit der Beschreibung der Aufteilung des Asylantenheims in Bayreuth, wo es neben dem mesopotamischen Flur, dem Christenblock und der Orient-Express-Haltestelle auch das afrikanische Eck und den afghanischen Raum gibt.

All diese und andere Mikrokosmen werden von liebensw├╝rdigen, schr├Ągen und von ihren Fluchterfahrungen gepr├Ągten ├ťberlebensk├╝nstlern bewohnt: Container-Ali, der sich in Karin von der Caritas verliebt oder auch Salim die Ruhe, der nicht Saddam Hussein, sondern┬á seinen Vater f├╝r den gr├Â├čten Diktator im Irak h├Ąlt und deswegen nach Deutschland floh. Hinzu kommt der Hausmeister, den alle „Azrael, Malik al-Maut nennen, den Engel des Todes, weil er die Post und damit die Entscheidungen ├╝ber den Ausgang der jeweiligen Asylantr├Ąge- und -verfahren zustellt. Die beliebtesten Treffpunkte in M├╝nchen, die Mensy und viele andere seiner Freunde aufsuchen, sind der Kulturverein Enlil, was ├╝bersetzt Herr Wind bedeutet und wo alles, nur nicht Kultur gemacht wird, aber „f├╝r alle Irrwege des Exils einen Ausweg bietet“, und die Goethemoschee, ein karger Raum in der dritten Etage eines seschsst├Âckigen Geb├Ąudes.

Nicht zu vergessen ist nat├╝rlich auch Karim Charab Allmanya. So n├Ąmlich wird Karim Mensy aufgrund seiner st├Ąndigen Unzufriedenheit in und mit Deutschland genannt. „Charab Allmanya […] ist eine im Irak weitverbreitete Wendung […]. Wenn ein Iraker schlecht drauf ist, verteufelt er die Deutschen stellvertretend f├╝r alles Schlechte auf der Welt. […]. Warum beschimpfen wir nicht die T├╝rken, die ├╝ber vierhundert Jahre lang unser Land mit eiserner Hand belagerten […] oder die Amerikaner, die unsere Heimat in die Steinzeit zur├╝ckbombardiert haben? Ich vermute, dass die Iraker die Verdammung der Deutschen von den Engl├Ąndern ├╝bernommen haben. […] Vielleicht wollten die Briten die Iraker beeindrucken, indem sie auf Arabisch ihre deutschen Feinde aus dem ersten Weltkrieg beschimpften? Rafid […] meinte, es gehe bei der Verdammung der Deutschen […] um ein Sprachspiel. Er verwies darauf, dass <<Almannya<< dem Wort >>Allah<< klanglich ├Ąhnlich sei. Daher sage man nicht >>M├Âge Allah zerst├Ârt sein!<<, sondern >>M├Âge All…<<, dann mache man eine kurze Pause und statt >>lah<< sage man dann >>manya<<. Also >>Schei├č auf Deutschland<<, aber nicht auf Allah.“

Toleranz auf der Toilette

Genauso einfallsreich wie beim Erforschen m├Âglicher Verh├╝llungen des Namen Gottes im Sinne einer Vermeidung seiner Verdammung sind die Freunde Karim Mensys meistens auch, wenn es um die reine Lehre des Glaubens geht. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Christen und Muslimen ist schnell gefunden – und zwar auf der Toilette: „Eben sah ich neben einer Toilettenpapierrolle eine Colaflasche auf dem Boden stehen. Ihr Christen benutzt dieses Papier. Und wir waschen uns den Arsch mit Wasser aus Colaflaschen. Also sind wir auch in diesem Punkt auf der Toilette vereint, da liegen Papier und Colaflasche wie gute Freunde nebeneinander. Auch beim Kacken funktioniert der Kulturaustausch einwandfrei.“ All diese Erkenntnisse kommen noch fl├╝ssiger daher, wenn man „Weihwasser mit Schaum“, also ein Weizen, trinkt.

Die Farbe Gr├╝n ..

… spielt eine wichtige Rolle. Denn in diesem Ton sind die Umschl├Ąge gehalten, die Abschriften von Anh├Ârungen oder auch Ergebnisse von Asylantr├Ągen beinhalten: „Oh je, ein gr├╝ner Brief. Die Farbe des Propheten Mohammed und der m├Ąchtigsten deutschen Beh├Ârden.“┬á F├╝r Karim Mensy hat diese Farbe unterschiedliche Schattierungen. So wird er zwar einerseits irgendwann als Asylberechtigter anerkannt, bekommt aber am Ende in einem ebensolchen Umschlag den Widerruf seines Asylantrags und soll in den Irak abgeschoben werden. Denn dieser ist ja seit der Vertreibung Saddam Husseins im Jahre 2003 wieder dikatorenfrei.

Zuvor jedoch kommt der 11. September und dieses Datum ver├Ąndert Mensys Leben ebenso unverhofft wie radikal. Trotz Asylberechtigung findet er keine legalen Aushilfsjobs mehr und konstatiert: „Ich bin wie eine unerw├╝nschte Reklame, die immer wieder in den Briefkasten geworfen wird, obwohl ├╝berall ganz deutlich Aufkleber angebracht sind. STOPP! KEINE WERBUNG BITTE! WIR VERMEIDEN M├ťLL!“

Mensy┬á wird wiederholt vorgeladen und muss vor LKA-Mitarbeitern erkl├Ąren, warum er als Schiit keine Kontakte zu einer sunnitischen Organisation wie der Al-Qaida haben kann.┬á Noch schwerer aber wiegt seine Angst vor Entbl├Â├čung: „Was mir aber wahrhaftige Sorgen machte, [….] war die Vorstellung, dass ich mich wahrscheinlich vor den Bullen wieder komplett w├╝rde ausziehen m├╝ssen. Wieder werden sie grinsen, dachte ich, wenn sie meine Br├╝ste erblicken, und wieder wird einer von ihnen seinen Stinkefinger in meinen Arsch schieben, diesmal, um nach Osama bin Laden zu suchen.“

Am Ende wieder auf Anfang

Heute wissen wir, dass Osama bin Laden sich nicht im Hintern von Karim Mensy versteckt hat. Doch das ├Ąndert nichts daran, dass Mensy Mitte 2003 abgeschoben werden soll. Mittlerweile befindet sich der Iraker sowieso eher in einer Ausreisestimmung, auch weil er seit dem Sturz Saddams mit dem immer selben Fragen konfrontiert wird, w├Ąhrend andere, ihm viel wichtigere Aspekte, einfach ausgeklammert werden: „Woher kommen Sie? Wann kehren Sie in Ihre Heimat zur├╝ck? Der 11. September war abscheulich, sehen Sie das auch so? K├Ânnen Araber ├╝berhaupt demokratisch denken? Sind Sie Muslim? […] Ist das Leben jetzt besser ohne Diktatur? […] Nie macht sich einer mal Gedanken ├╝ber mein gegenw├Ąrtiges Leben. ├ťber die Schwierigkeiten mit der Aufenthaltserlaubnis, die Folter in der Ausl├Ąnderbeh├Ârde, die Schikanen des Bundeskriminalamtes […] oder die Banalit├Ąten des Verfassungsschutzes. Und warum f├Ąllt niemandem die Tatsache des Polizeirassismus auf?“

So verl├Ąsst Karim Mensy am Ende┬á Deutschland genau so, wie er ins Land kam – mit der Hilfe eines irakischen Schleppers. Mitnehmen wird Mensy seine Br├╝ste und auch die Wut dar├╝ber, Frau Schulz niemals jene Ohrfeige gegeben zu haben, die er ihr in seinen Tr├Ąumen wohl mindestens einmal verpasst hat. Davon jedoch aufgewacht, ist nur er alleine.

Abbas Khider: Ohrfeige
ISBN: 978-3-446-25054-3
Seiten:224
Hanser Verlag
ÔéČ 19,90

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.