Fremdkörper-Phishing für Philologen oder Wie der Geisteswissenschaftler seinen Verstand im VPN verlor

Fremdkörper-Phishing für Philologen oder Wie der Geisteswissenschaftler seinen Verstand im VPN verlor
Fremdkörper-Phishing für Philologen oder Wie der Geisteswissenschaftler seinen Verstand im VPN verlor

Wie kommt man als Autor in die IT? Über Umwege, natürlich – und über Missverständnisse. Und manchmal auch beiläufig. So wie ich, der ich den Call for Entertainment der TU Dortmund eher zufällig entdeckte – und leider meilenweit am Einreichungsdatum für markige Manuskripte vorbeistolperte. Aber ich wäre ja kein insistierender Immigrant, wenn ich nicht trotzdem versucht hätte, meinen Beitrag zu platzieren und die ITler dennoch mit meiner Sicht der Dinge auf Bits’n Bytes und Dicks und Dykes zu begeistern – und sei es hier auf meiner eigenen kleinen Blog-Bühne!

Beim Vorbeilaufen am Aushang habe ich also meinen ganz eigenen Assembler gestartet, 1 und 0 zusammengezählt und mich an meine ganz persönliche hardwareoptimierte Programmsprache gemacht. Nicht umsonst heißt es ja, dass der Riegel zum Humor in den Tiefen der IT nur schwer zu k(a)nacken sei. So wie irgendwelche Registry-Einträge, die den meisten verborgen bleiben.

Call For Entertainment- Humor in der Informatik© TU Dortmund

Call For Entertainment- Humor in der Informatik© TU Dortmund

Dass  Autoren eine andere Sprache als Administratoren sprechen, gilt übrigens nicht nur für Pflichtenhefte und andere Aufgaben-Anthologien. Und doch könnte der Wortschatz beider Gattungen eigentlich nicht ähnlicher sein. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren kam ich mit einem Bekannten ins Gespräch. Wir arbeiteten beide als Freelancer für eine Werbeagentur. Er fragte:“ Und, was machst du eigentlich?“ Ich sagte: “Bin so im Bereich Migration unterwegs!“ Er schauderte: „Wie, du auch?“ Ich spürte, dass er um seinen Job als IT-Admin fürchtete. Schließlich wusste ich ja, was sein Job hier bei der Agentur war, während er mich immer nur hinter meinem Laptop in die Tasten hauen sah und hörte. Er seines Zeichens migrierte – und zwar Server und Daten und/oder so. Und wahrscheinlich bestätigte mein Migrationstippen- und Auftreten ihn in der Auffassung, dass auch ich irgendetwas portieren würde – im schlimmsten Fall seinen Job hin zu meinem Schreibtisch.

Nein, nein“, beruhigte ich ihn also, „ ich SCHREIBE über Migration!“ „Scripte? “ „Nein, Bücher und Online-Artikel und Blogposts und so!“ „Über Migration? Echt?“ Ich merkte, dass er immer nervöser wurde. Immer größer wurde seine Furcht, mein Migrationsmenetekel könnte dazu führen, dass er zum Template mutierte: Beliebig austauschbar und ich als neues Layoutelement einfach über seinen Job gelegt! Schließlich hatte ER trotz Migrationshintergrund noch keine Migrationsbücher geschrieben. Ich suchte schnell nach einem Gateway, um dieses Defacement zu deeskalieren und den Port zu einem weniger missverständlichen Austausch akustischer und kinetischer Signale zu öffnen: „Nein, Migration von MENSCHEN!“ „Aaaah, ok!“ Große Erleichterung für den Mann mit Migrationshintergrund – bei Servern und in seiner Biografie.

PP portiert und andere ITalienische Idiotien
Was Lebenswege und anderes Verlaufen angeht, bietet die IT auch hier ihre eigenen Aggrorithmen, denen man nicht immer folgen möchte, deren Resultate aber zwingende zweideutige Interpretationen zulassen:

 

Pasta-Partition auf XING © Marcello Buzzanca

Pasta-Partition auf XING © Marcello Buzzanca

 

Ok, dass mein Name und meine Gruppenzugehörigkeiten auf Xing dazu führen, dass eine Werbung für Pasta ausgeliefert wird, sobald ich auf dieser Business-Bildfläche erscheine, ist sicher kein Bug sondern eher ein Bugzanca-Bonus. Doch, wie kann es sein, dass mir auf Facebook mein eigenes Buch angeboten wird? Schon klar, dass es (noch) kein Kassenschlager ist, aber mir deswegen zu suggerieren, es doch wenigstens selbst zu kaufen, würde doch die Periodisch Patriotische Preisparität aushebeln. Schließlich erhalte ich doch Autorenrabatt. Stimmt es womöglich doch, dass Facebook nur anonyme Daten hat und gar nicht weiß, wer sich da auf der Plattform tummelt? Kann gut sein. Schließlich bekomme ich ja auch regelmäßig Werbung für Männerbinden eingeblendet und dass ich inkontinent bin, kann ich nicht bestätigen. Höchstens demikontinental, da meine PP-Wurzeln ja in Sizilien und Deutschland und damit auf einer Insel und dem Festland gleichzeitig liegen. Aber das kann Facebook ja nicht wissen.

Dilemma displaced …
… denke ich und sehe den VPN-Kommunikationstunnel hinter- und den Defintionsdschungel vor mir. Wie soll man sich auch verstehen, wenn die Peer-to-peer-Kommunikation ohne zentrale Steuerungseinheit gegen die Wand fährt, weil sie durch eine kleine Öffnung gepresst wird und der DAU sich im Dunkel dieses Dialogfeldes immer auf die verkehrte Datenbank setzt. Und da sitzt er immer noch. Und wartet. Auf die Wartung. Und dann schreit er: RFC! Request for change oder comments! Und er weiß gar nicht, welchen binären Beschwörungsformeln er in seinem Dauer-Dualsystem noch Glauben schenken soll und welcher Wechsel jetzt der Beste wäre.

Vor allem, wohin wechseln, wenn man gar nicht weiß, woher man kommt, wohin man geht und WiFil Widescreen man als wadenmüder Wanderer überhaupt noch verträgt? Für mich als Migrant, der zwischen den Welten der Worte wechselt, kann ein breites Bildschirmformat schon Überforderung genug sein und eine Migrationsmigräne auslösen. Vor allem dann, wenn man sich eigentlich wünscht, weniger wandern zu müssen und mehr ankommen zu können.

Schließlich kosten permanente Partitionen viel Power, seien sie kultureller wie auch kommerzieller Natur. Und diesen Schnittstellen-Spagat übe ich ja jeden Tag. Als M³ – also als Mensch mit Migrationsschatten – und auch als ambulantes Add-On, das täglich die Scripts meiner Auftraggeber übersetzt. Und diese semantischen Screenshots, also Momentaufnahmen der Mehrdeutigkeiten, sind nicht selten Meisterwerke des Surrealismus der IT.

Wolkige Sprache steht im Regen
Mein Auftrag seitens eines VoIP-Herstellers lautet: Schreib uns doch mal bitte ein Vorwort zu einer Cloud-Studie. Ich fange also an:

Dagegen diese fliegenden Bilderrätsel –

obwohl die Lösung immerfort wechselt,

kann sie ein jeder entziffern.

Unfaßbar sind sie in höheren Lagen,

nebulös. Und wie sanft

sie hinsterben! So schmerzlos

ist wenig hier. Die Wolken,

sie haben keine Angst, als wüßten sie,

daß sie immer wieder zur Welt kommen.

Mein Chef: „WAS IST DAS??“ Und ich sage: „Na ja, das ist Enzensberger, Geschichten der Wolken. So als Einstiegszitat. Hat doch was mit Wolken zu tun … also mit Cloud (haha). Unterstreicht doch, dass die Cloud eigentlich für jeden verständlich ist und dass Cloud Computing immer wieder aufkommen und sich nicht wegdeuten lassen wird und so! Oder, was meinst du??“

Nein, sagt mein Chef, keine Zitate von irgendwelchen Dichtern: „Das ist ja wohl nicht dein Ernst, oder?“ Doch, das war es! Und es zeigte mir wieder einmal, wie dringend meine Defragmentierung nötig wäre. Alles noch mal auf neu setzen und mich als Digital Immigrant drastisch von dead links befreien! Keine Irrwege mehr – und seien sie noch so literarischer Ligatur. Schließlich haben DTP die Verschmelzung dieser eng umarmten Buchstaben sowieso längst aufgelöst. Für Schnörkel ist bei Shortcuts keine Zeit.

Und Zeit ist jetzt das beste Stichwort – weil es selbige wird, dass ich zum Ende komme und auch, weil ich künftig Time Outs vermeiden möchte. Ja, ich möchte keine Auszeiten mehr aushalten müssen – wenn andere aus – und ich es nicht geschaltet habe, dass sie den Jumper gezogen und mir eindeutig zu verstehen gegeben haben: Time to flash! Mach die Biege, kratz die Kurve! Geh lieber wieder voipen, du Twip und Warmstarter. So eine Stand-up-Comedy-Trialversion kannst du Heul-Zuse hier nicht bringen!

Um mein Interface auch zwischen den Zeilen zu wahren, sage ich deshalb jetzt einfach ping: und hoffe, dass dadurch meine Probleme in Sachen Konnektivität und Erreichbarkeit zum IT-Humor nachhaltig behoben werden können. Und wenn das nicht klappt, dann geben Sie jetzt einfach bye ein – und können damit unsere Sitzung ganz einfach beenden und verlassen.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.