Gespaltenes Land: Gebrauchsanweisung zur Gesellschaftsstrukturwandlung

Gespaltenes Land: Gebrauchsanweisung zur Gesellschaftsstrukturwandlung
Gespaltenes Land: Gebrauchsanweisung zur Gesellschaftsstrukturwandlung

Wie oft haben wir schon gesehen, gehört, gelesen und gefühlt, dass ein Ruck durch das Land geht oder gehen muss. Ebenso oft war in der Vergangenheit die Rede von einem Riss, der quer durch die vor allem reichen Länder dieser Erde geht – also von Reich nach Arm, von links nach rechts, geografisch oder auch kulturell. Alexander Hagelükens Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik daran ändern muss schlägt streng genommen in genau diese Kerben und Narben, nur präziser, differenzierter und mit viel Fakt an der Axt versehen.

Bei der Lektüre dieses (240 Seiten) starken Buche des mehrfach ausgezeichneten Wirtschaftsjournalisten Hagelüken wird mir klar, warum es wohl weitaus tieferer und weniger oberflächlicherer Kommerzkanäle der globalen Art bedarf, um die ungerechte Verteilung von Wohlstand zu einer weltweiten Bewegung zu machen, bei der es letztlich um Umverteilung geht, gesellschaftlich oder geografisch eben.

Gesellschaftsvertrag für Gutverdiener und Habenichtse
Es geht um einen Gesellschaftsvertrag, so Hagelüken, „der der unteren Hälfte der Habenichtse mehr Chancen gewährt und dadurch Gutverdienern sozialen Frieden verheißt.“ Eine neue Übereinkunft sozusagen, „die sich um die Mittelschicht kümmert und die Hälfte der Gesellschaft, befähigt, mehr zu verdienen. Ein neuer Gesellschaftsvertrag, der falsche Strukturen beseitigt, so dass eine gute Ausbildung unabhängig von der Herkunft möglich wird, so dass auf die individuellen Bedürfnisse benachteiligter Kinder, Arbeitsloser oder Flüchtlinge eingegangen wird, statt sie zu verwahren.“

Doch, welche drängenden Gründe gibt es unterhalb der Wohlfühl- und Wirtschaftswachstumsoberfläche eigentlich, Bestehendes zu verändern? Und wie genau sind ein Großteil der Migranten, Flüchtlinge und andere ökonomisch und Bildungschancen seitig Abgehängten dieser Gesellschaft davon betroffen? Wie kann ein neuer Gesellschaftsvertrag gerade ihnen zur Partizipation an Wohlstand durch Bildung verhelfen? Diese und andere Fragen habe ich Alexander Hagelüken gestellt und teilweise von ihm oder auch aus dem Buch heraus beantwortet bekommen.

Alexander Hagelüken Das gespaltene Land ©Knaur

Alexander Hagelüken Das gespaltene Land ©Knaur

Das panmediterrane Pleitendilemma
Es sind Passagen wie die folgenden, die mir als Italo-Deutschen beinahe die Schamesröte ins Gesicht treiben und mich quasi präventiv vor den Stammtischtiraden zusammenzucken lassen:

  • Laut einer EZB-Studie aus dem Jahre 2016 hat die Hälfte der deutschen Haushalte entweder nur Schulden oder höchstens 60.000 Euro. Dieser Mittelwert liegt in Deutschland unter allen anderen 17 Euro-Staaten: Franzosen haben doppelt so viel, Italiener 150.000 Euro. „[…] nach wie vor liegen alle Euro-Krisenstaaten von Zypern über Spanien, Portugal, Irland und Griechenland über den Deutschen. Manche sehr deutlich.“
  • „Die südeuropäischen Völker, die in der Eurokrise hunderte Milliarden Euro Kredite bekamen, sind weitaus reicher als ihre größten Geldgeber. Selbst wer die großen Vorteile des Euro für Deutschlands Exporte anerkennt, zuckt da zusammen. […] Die Bundesregierung hat die Rettung verkehrt verhandelt, da in den Krisenstaaten die Vermögenden nicht angemessen an den Kosten der Rettung beteiligt wurden.“
  • Die hohen Rentenansprüche der Deutschen, die seitens der Bundesregierung bei Veröffentlichung der Studie quasi als beschwichtigender Puffer zwischen diesen eklatanten Lücken bemüht wurden, könnten das Ungleichgewicht des Vermögens nicht aufwiegen, weil in Deutschland die Altersrente ein Niveau von 60% des vorherigen Einkommens beträgt; in Italien, Spanien und Griechenland sind es hingegen 82% – und das, wo der Deutsche im Schnitt 37 Jahre gearbeitet hat, Italiener, Spanier und Griechen nur 30 – 34 Jahre.
  • Im Boomland Deutschland arbeiten bis zu einem Fünftel der Beschäftigten für weniger als 11 Euro. Mehr Niedriglöhner gibt es in der EU nur im Baltikum, in Polen und Rumänien […].
  • Hinzu kommt, dass die Deutschen weniger die Häuslebesitzer sind, als es in Südeuropa der Fall ist: 44% der Bundesbürger wohnen im Eigentum, in Italien 80%. in Spanien 68%. Mi casa bleibt mia casa und tu Tedesco musst weiter Miete zahlen?

Und dann wird es etwas abstrakter: „Die Kernbotschaft, es geht unfair zu [..] verstärkt Wut, Abstiegsängste, Ohnmachtsgefühle. Sie schürt auch Aggressionen, die sich gegen Menschen richten, die sich von der Mehrheit unterscheiden. Etwa Ausländer.“

Scusi für die Schulde!
Auf meine nicht ganz ernst gemeinte Frage, ob sich meine (schmarotzende) italienische Seite für das panmediterrane Pleitendilemma entschuldigen müsste, schreibt mir Alexander Hagelüken, dass sich zunächst niemand entschuldige müsse – schon gar nicht Südeuropäer- sondern „dass es darum gehe, zu sagen, dass vom deutschen Boom bei den Deutschen zu wenig ankommt, daran ist etwa eine falsche Steuer- und Vermögensbildungspolitik der Deutschen (und von niemand sonst) schuld. Das Vermögen vieler Deutscher wirkt nur im Kontrast zu den Eurokrisenstaaten mit ihren Problemen klein.“

Zudem erfahre ich noch, dass Hagelüken selber kein klassischer Deutscher, sondern von der Herkunft zur Hälfte Lette und Russe ist. Ok, das lasse ich als „von Migrant zu Migrant“ gelten.

Und auf dieser Ausländer-Achse argumentierend, muss ich sofort auch etwas widerlegen, was in Das gespaltene Land formuliert wird: „Urlaub auf Mallorca in der Bettenburg mit Lärm ist weniger erholsam als Bildungsurlaub in der Toskana.“

Das trifft in jedem Fall nicht zu, wenn der Toskana-Reiseleiter ein deutscher Studienrat ist, dessen Fachkunde und Fachsimpelei sich praktisch an jedem Stein, jeder Säule und jedem Turm in Volterra, San Gimignano, Pisa, Firenze und Siena entfacht.

Pisa Tower on globe ©clipdealer_media-ID_6444542

Pisa Tower on globe ©clipdealer_media-ID_6444542

Fragile Konstrukte
Die deutsche Zurückhaltung bei den Lohnkosten zugunsten billiger Exporte, so beschreibt es das Buch, befeuerte auch eines der Kernprobleme der Eurokrise, nämlich dass Südeuropa es angesichts konkurrenzlos guter und günstiger deutscher Produkte schwer hat, selbst mit eigenen Waren aus dem Tal der Tränen zu kommen. Auf meine Frage, ob denn höhere Lohnkosten damit nicht nur der deutschen Mittelschicht, sondern auch der Industrie Südeuropas bzw. deren Exporten und auch der Binnennachfrage gut täten, folgt ein schlichtes Ja seitens Hagelükens. Was auch sonst, aber es ist immer gut, sich seine eigene Klugscheißerei fachkundig bestätigen zu lassen.

Oder auch die eigenen Erfahrungen, beispielsweise mit dem Sciopero – also der klassischen italienischen Streikkrankheit, die sich in ähnlicher Arbeitskampf-Couleur in Frankreich oder Brexitannia wiederfindet. Dass die Größe und Macht der deutschen Mittelschicht eine Streikkultur seit jeher zugunsten eines moderaten Miteinanders gewährleistet hat, unterstreicht Alexander Hagelüken auch in folgenden Passagen:

  • „Die Mittelschicht war stets behaglich größer als in […] Großbritannien oder Italien. Dazu trugen vor allem zwei Faktoren bei […]: Ein Sozialsystem, das die breite Mehrheit vor Risiken schütze, bis zum Alter. Und Flächentarifverträge, die nahezu alle Betriebe erfassten und so die Lohnunterschiede verringerten – schwächere oder weniger qualifizierte Arbeitnehmer profitierten von der Verhandlungsmacht der Stärkeren.“
  • „Abermillionen Deutsche hatten ein Ziel vor Augen…[…] traditionelle Klassengegensätze zwischen Kapitalisten und Arbeitern mussten nicht mehr so scharf gesehen werden. Das bedeutete im Vergleich zu gegensätzlicheren Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Italien mehr Wachstum, da weniger Streiks und Auseinandersetzungen.“
  • „Die Mittelschicht hält die Gesellschaft nicht nur mit ihrem Geld zusammen, sondern auch mit ihrem Wahlverhalten. Sie ist mit ihrer bisherigen Präferenz für moderate Parteien das Fundament einer Demokratie, die Lösungen produziert statt Dauerstreit. Financier für Wachstum und Demokratie – wie kann es sein, dass die deutsche Politik zulässt, dass diese Mittelschicht schrumpft und ihr Einkommen noch dazu?“

Boom- und Bunte Republik Deutschland
Kann die Boomrepublik Deutschland gleichzeitig auch eine Bunte Republik Deutschland sein/bleiben/wieder werden, wenn man bedenkt, dass „Migranten ein Risiko von 28% (und damit doppelt so hoch wie der durchschnittliche Bürger) haben, unter die Grenze von 60 Prozent des mittleren Einkommens und damit in die Armut zu rutschen?“

Und dass auch mit Hinblick darauf, dass es Stimmen gibt, die dem „Armutsdiskurs die undifferenzierte Sentimentalität“ nehmen wollen – beispielsweise indem sie betonen, dass „Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten zwar zu den besonders von Armut betroffenen Gruppen in Deutschland gehören“ dennoch besser leben als ihre Landsleute in der Heimat und “ ihr Leben als „Arme“ in Deutschland – und sei es als Empfänger staatlicher Leistungen – deutlich angenehmer ist als eine Durchschnittsexistenz in ihren Herkunftsländern“?

©clipdealer.de_Media-ID_A_9475011

©clipdealer.de_Media-ID_A_9475011

Muss man also die Armut der Flüchtlinge, Asylbewerber und Migranten relativieren, indem man sie der absoluten Armut der Zurückgebliebenen, die gezwungen sind, einen alltäglichen Kampf ums physische Überleben zu führen, gegenüberstellt?

Helfen Betrachtungen wie der Capability-Ansatz von Amartya Sen, der Armut als Mangel an Verwirklichungschancen definiert und zwischen „absoluter Armut und einer sekundären oder relativen Armut“ unterscheidet wie auch zwischen „Armut innerhalb einer Gesellschaft und der Armut ganzer Gesellschaften im globalen Vergleich“ differenziert?

Läuft man dann nicht Gefahr, AfD und Co. praktisch Brennholz für deren Hetzfackeln zu liefern, weil sie dann sagen können: „Seht Ihr, die Flüchtlinge sind gar nicht arm – zumindest nicht in Deutschland. Das beweisen sogar der „Armutsbericht“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, wenn man denn die Zahlen richtig lesen und interpretieren will. Die meisten Flüchtlinge sind eigentlich keine Verfolgten, sondern einfach nur arme Schlucker, die wir durchfüttern müssen und die im Gegensatz zu ihren Landsleuten in der Heimat reich sind, weil sie hier fürstlich von Hartz IV leben.“

Alexander Hagelüken widerspricht meinen Überlegungen. Man sollte die Wahrheit darstellen, aber entsprechende Angebote an die machen, egal ob Deutsche oder Migranten, die es brauchen. Dazu braucht es in jedem Fall aber eine aktiveren Staat, der auch Migranten und Flüchtlingen das bietet, was sie individuell benötigen. Und dafür sorgt, dass dieses Angebot auch bei diesen Menschen ankommt- seien es Sprachkurse, Qualifizierungen, Bewerbertraining oder auch die Finanzierung des Führerscheins.

©clipdealer

©clipdealer

70% der aktuellen Asylbewerber sind jünger als 30. Eine große Herausforderung, die positiv betrachtet und aktiv angenommen, mittels anständiger Qualifikation den Weg in ebenso anständig bezahlte Arbeit und damit auch Teilhabe am und Beitrag zum Wohlstand ebnen würde. An die Verwaltungen adressiert bedeutet dies: Mehr Empathie statt starrer Auslegung der Ermessensregeln und sklavischem Erfüllen der Erfolgsquote, die man Ende nicht selten nur die Statistik als Gewinner sieht.

De fakto würde also eine gezielte, individuellere und aktivere Begleitung auch von Flüchtlingen dazu führen, dass sie am Ende weniger oft Hartz IV benötigten und so mit eigenen Mitteln der Debatte um die Flucht in deutsche Sozialsysteme eine neue Realität entgegensetzen.

AfDer Election
Wenn es um Spaltung der politischen und gesellschaftlichen Art geht, muss natürlich auch die AfD erwähnt werden – und ihre Wähler, die sich mitunter und immer mehr auch aus der Mittelschicht heraus auf das Protest-Podest.

Wenn nun der gesellschaftliche Zusammenhalt zu schwinden beginnt und die Bedrohung der Mittelklasse zu deren Radikalisierung führt, hat die AfD am Ende ein leichtes mit, so Hagelüken, ihrem schlichten Nein zu sukzessive Euro, Flüchtlingen, Islam und überhaupt zum System, politische Erfolge zu verbuchen. „Dagegen“ als Programm, eben.

Dabei, so wundert sich der Autor, „scheint es keinen Wähler zu stören, dass all diese Populisten nur Parolen offerieren, keine ernsthaften Lösungen. […] Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem System prägt die AfD-Wähler. Sie haben gar keine negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht. […] Flüchtlinge lassen sich leichter zum Feindbild machen als abstrakte Gewalten wie die Globalisierung oder Technologie, die das Leben der Unzufriedenen viel stärker durchschütteln als die Migranten. Flüchtlinge haben ein Gesicht, sie sind optisch und kulturell von den Deutschen abgrenzbar. […] Diese Wähler benötigen gar keine Konfrontation mit ihrem Feindbild. Sie müssen nur unterstellen, dass es zu einer Konfrontation kommen könnte.“

Zusammengefasst lässt sich vielleicht sagen, dass die Mittelklasse semipermeabel geworden ist: Man kann sehr viel schneller abrutschen als in sie aufsteigen. Das führt zu einem geschlossenen Frust, der wiederum Öffnung für Fremdes und Flüchtlinge unmöglich macht und schließlich die Tore für radikale Parteien öffnet. Die ihrerseits bedienen sich einfacher Feinbilder, um komplexe und wahrscheinlich irreversible Veränderungen einfach zu „erklären“.

Es geht um Phantom-Phobien, weil die AfD und Co. gerade dort stark sind, wo wenig Migranten sind, dafür aber viele Arbeitsplätze ins Ausland abwanderten – also um Fremdenfeindlichkeit, nur gegenüber den „falschen Fremden“.  Es geht natürlich auch um Migration – jener von Menschen nach Deutschland und um die von deutscher Produktion ins Ausland.

Doch, welches Modell soll man dieser Dagegen-Demagogie entgegensetzen? Laut Hagelüken in jedem Fall keines, das darauf basiert, die Strategie des schlichten Neins nachzuahmen. Wer wählt schon Plagiate, wenn er dem Original seine Stimme geben kann?

Apropos Stimme und Gehör finden: Auch hierfür findet sich ein schönes Beispiel dafür, wie die AfD eigentlich Monologe führt und ihre Anhänger wahrscheinlich erst dann angesprochen werden und zuhören, wenn platte Parolen geschrien werden. Anders kann ich mir den in Das gespaltene Land zitierten Kalenderspruch von Björn Höcke nicht erklären: „Der globalen Jetztmenschheit droht eine Ortlosigkeit, die in letzter Konsequenz das soziale, ökologische und ökonomische Verantwortungsgefühl von Menschengruppen und Einzelnen erodieren lässt.“

Hut ab, Herr Höcke_phixr ©Marcello Buzzanca

Hut ab, Herr Höcke_phixr ©Marcello Buzzanca

Weniger kryptisch und meistens sehr konkret geht – abschleßend betrachtet – Alexander Hagelüken in seinem Buch vor, und vor allem drastisch und auf drängende Missstände verweisend: Nur Wohlstand für alle schützt das Land vor einer Machtübernahme durch Rechtspopulisten.

Dann lasst uns mal kollektiv Wohlstand wagen!

Alexander Hagelüken: Das gespaltene Land . Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik daran ändern muss
ISBN: 978-3-426-78895-0
Seiten:240
Knaur TB
€ 12,99

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.