Gregs Getaway: Tagebuch einer (mexikanischen) Mauer

Gregs Getaway: Tagebuch einer (mexikanischen) Mauer
Gregs Getaway: Tagebuch einer (mexikanischen) Mauer

Lassen die kultigen Comic-Romane Gregs Tagebuch rund um den kauzigen Greg Heffley und seine Familie eigentlich eine andere Lesart zu als sich einfach köstlich über die voll aus dem Middelclass-Leben gegriffenen liebevoll und ausdrucksstark gezeichneten“Strichmännchen“ wegzueimern? Im ersten Jahr P.T. (Post Trump) ist man zumindest dazu versucht, gerade dann, wenn das Leitmotiv in Gregs Tagebuch 12 – Und tschüss! eine Mauer ist, die irgendwo südlich der USA steht. Und wenn es am Ende sogar die Heffleys sind, die durch die Süd-Amerikaner vertrieben werden, weil sie diese Mauer überwinden (wollen). Ganz zu schweigen von dem Schwein, das in den Vorgängerbänden Böse Falle! So ein Mist! Alles Käse! noch auftauchte, zum Haustier der Heffleys avancierte und nun wohl dem Muslim-Bann zum Opfer fiel. Oder aber als Statement gegen den Muslim-Bann pausieren muss.

Alles reine Spekulationen, vor allem deshalb, weil anders als bei den „Gregs in Gelb“, also den Simpsons, Greg Tagebücher niemals irgendwie politisch, gesellschaftskritisch, polarisierend oder polemisierend waren. Mussten diese herrlichen Bücher aber auch nie sein, denn schließlich sind diese mittlerweile Klassiker der Kinderliteratur im Comic-Style-Sinne dafür gedacht, die Leserinnen und Leser fremdschämend lachen zu lassen über die wahnwitzigen Abenteuer, Fauxpas und den schelmischen Humor, den Jeff Kinney mit locker-leichter Feder zeichnet und schreibt.

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Sprachbarrieren ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Sprachbarrieren ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

So können wir uns ausmalen, wie ein Fast-Teenie aus (wahrscheinlich) dem Norden der USA (manche tippen auf New Hampshire, Vermont oder Massachusetts, weil es an allen Büchern, in denen es um Weihnachten geht oder die im Winter spielen, immer sehr stark schneit) so durchschnittlich lebt und leidet. Unter der Bildungsbedrängnis seiner Mutter, den Launen seines älteren und jüngeren Bruders und unter dem Wunsch seines Vaters, Greg weg von der Konsole mitten ins richtige Leben samt Sport und Bewegung zu bugsieren.

Schnee A.D.
Diesmal wollen die Heffleys dem Schnee ganz ohne Schaufeln ein Schnippchen schlagen und machen sich auf eine(n) Ausflucht – wie man den doppeldeutigen Originaltitel Getaway sicher auch übersetzen kann. Das Ziel: Die fiktive Isla de Corales, irgendwo in Äquatornähe und gute 6 Stunden Flug von Gregs Heimatstadt entfernt. Da auf dieser Insel auch Spanisch gesprochen und geschrieben wird, vermuten manche Greg-Kenner, dass sich die Isla de Corales irgendwo in oder bei Mexiko befinden könnte. Und damit nähert sich Und tschüss zumindest geopolitisch um ein paar Meilen an Trumps Beton-Prophezeiungen und sein No zu NAFTA.

Die Tren(n)d-Wände
In Gregs Tagebuch 12 – Und Tschüss! geht es um das Trennen: von Traditionen wie beispielsweise Weihnachten zu Hause zu verbringen, von Familien und Singles, wobei die Vorsilbe Familie in Verbindung mit – urlaub, -restaurant oder -foto laut Greg immer etwas von Etikettenschwindel hat. Denn wo Familie davor steht, findet sich irgendwie immer auch etwas, das Familien den Riegel vor das Reich der Kinderlosen schiebt. Es geht aber auch um das Trennen von Vorstellungen, da Gregs Eltern ihre Flitterwochen einst auf der Isla de Corales verbrachten. Nur so, wie sie es in ihrem Familienalbum verewigt haben, sieht es lange nicht mehr aus. Es gibt schließlich auch noch Trennungen von 1. und 2. Klasse – im Flieger und was die Vergnügungen und Aktivitäten im Urlaubsressort angeht.

Ferienanlage Isla de Corales ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Ferienanlage Isla de Corales ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Das Verbindende findet sich aber ebenso – fast schon transatlantisch. Und das wiederum ist Balsam für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, zumindest im Privaten und Fiktivem: Genau wie deutsche Familien, versuchen auch die Heffleys dem Winter in Richtung Süden und mit All-Inklusive zu entkommen.

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Heffleys Weihnachtshektik ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Heffleys Weihnachtshektik ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Und sind damit natürlich nicht alleine. Die Vorweihnachtshektik lässt sich nicht an der Gepäckaufgabe abgeben und den Menschen, denen man versucht, wenigstens ein-zwei Wochen zu entkommen, begegnet man gerade in der Schlange zur Sicherheitskontrolle und in seinem Urlaubsexil öfter und näher als einem lieb ist. Und ja, natürlich die Sprache, die man nicht versteht, weil die einheimischen Angestellten so schlecht Deutsch nuscheln und man wenigstens im wohlverdienten Urlaub das Denglisch demonstrativ im Handgepäck lassen möchte. Dafür packt man umso lieber das Speisekarten-Spanisch aus.

Genauso kennen wir Animateure, die die Gabe besitzen, einen subtil zum Mitmachen der absurdesten Aktivitäten zu erpressen. Oder auch ausgebuchte Spaß-Angebote, überlaufene Pools, in denen man höchstens planschen, nicht aber schwimmen kann, Wettkampf und Wettlauf um Pool- oder Strandliegen, genervte Kinderbespaßer und wild(efremde) Tiere, die einem das Buffet neiden, um Futter betteln und kollektiv angreifen, sobald man tollkühn beschließt, die Mahlzeit auf der Terrasse einzunehmen oder Snacks am Strand zu essen.

Das alles und mehr müssen auch die Heffley erdulden und ertragen, nebst falschem Koffer, Mikroben-Magenleiden, Sonnenbrand, exotischen Krabbeltieren, gefährlichen Fischen, nicht glücken wollenden Familienfotos und gebrochenen Urlaubsromanzen-Herzen.

Die Mauer zur Wilden Seite
Das Leitmotiv in Gregs Tagebuch 12 Und tschüss! ist die Mauer. Sie nämlich trennt die Wilde von der Milden Seite. Wir können uns ausmalen, wie stark der Wunsch in Greg brennt, diese streng bewachte Mauer irgendwie zu überwinden und zu sehen, was er auf der Wilden Seite verpasst. Fest steht nämlich, dass die Langeweile Dauergast auf der Milden Seite ist, denn hier hat alles die fatale Vorsilbe Familien-.

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Mild-Side-Mauer ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Mild-Side-Mauer ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Auf der Wilden Seite aber toben das Leben, die Partys und die Nudisten. Alles scheint exklusiver und exotischer. Umso schwerer also dieser Verlockung zu widerstehen. Tatsächlich aber endet Greg schließlich irgendwie zufällig auf der Wilden Seite – und wird sofort davon gejagt. Das aber ist nur ein Glied in der Katastrophen-Kette, die die Heffleys wie Fußfesseln mit sich tragen und damit eine Schneise der Verwüstung und Verwirrung schlagen – quer durch das Urlaubsparadies Isla de Corales, das sich für Greg, Manni, Rodrick, Susan und Frank immer mehr zum Albtraum entwickelt.

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Mild-Side-Mauer_2 ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Mild-Side-Mauer_2 ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Heffley-Hexenjagd
Am Ende werden die Heffleys vertrieben, verbannt und sogar internetöffentlich an den Pranger gestellt . Vielleicht weil es ihnen die „Mexikaner“ heimzahlen wollen und ihrerseits mal die Vertreiber und nicht immer die Vertriebenen sein und von ihrem Hausrecht Gebrauch machen wollen.

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Familie wird gesucht ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12_Gregs Familie wird gesucht ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Oder einfach, weil sich die Familie Dinge nimmt, die ihnen nicht gehören und auch mal die Vorzüge der Familienvorsilbe-freien Zone genießen will. Jenseits der Mauer und in eigentlich restricted areas.

Kinney_Gregs Tagebuch_12 ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Kinney_Gregs Tagebuch_12 ©Baumhaus Verlag_Bastei Lübbe

Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 12 – Und tschüss!

ISBN: 978-3-8339-3656-2
224 Seiten
Preis: € 14,99

Baumhaus Verlag

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.