Heimat geht weiter

Heimat geht weiter
Heimat geht weiter

Ostern ist das Fest der Auferstehung, der Aufarbeitung und der Aufbereitung. Wer auferstanden ist, scheint soweit klar. Wobei ich mich frage: Lieber Herr Jesus, macht das j├Ąhrliche Auferstehen nicht irgendwann m├╝de? Wird es nicht zur Routine und damit langweilig? Oder hast du, lieber Herr Jesus, kein Problem mit repetitiven Aufgaben im Job – sprich mit mechanischer Monotonie? Schlie├člich steht vor jeder Auferstehung ja der Tod am Kreuz. Davor die ├╝blichen Verleumdungen, Verrate und False Friends. Und damit w├Ąren wir schon bei der Aufarbeitung, also dem Aufwerten von beruflichen Aufgaben und der Frage, wie man den Job des Heilands vielleicht upgraden k├Ânnte.

Es muss doch m├Âglich sein, Ostern auch f├╝r Jesus aufregender und abwechslungsreicher zu gestalten. Dagegen aber opponiert die Kirche. Schlie├člich war Ostern schon immer am ersten Sonntag nach der Fr├╝hlings-Tag-und-Nachtgleiche und was die Verfechter der germanischen Kontinuit├Ątspr├Ąmisse auch immer behaupten m├Âgen – n├Ąmlich das die Kirche alles Heidnische einfach mir ihren p├Ąpstlich-katholischen Farben christlich get├╝ncht hat – trifft in keinem Fall zu. Nein, Ostern war schon immer ein Hochfest der Christen, auch als es Jesus noch gar nicht gab. Und damit w├Ąren wir beim Aufbereiten, also beim Bereitstellen kalten Kalk├╝ls mit warmen Worten: Pax vobiscum!

Buddy Christ, from movie Dogma

Buddy Christ, from movie Dogma

Schul(d)buchstudie entlarvt Schundliteratur
Bei all den A’s w├╝rde man ja gerne noch ein weiteres┬áA hinzuf├╝gen: das A f├╝r aufschlagen. Schulb├╝cher beispielsweise, um nachpr├╝fen zu k├Ânnen, wo genau Ostern herkommt, was Hase und Ei damit zu tun haben und warum Brief- und Paketezusteller pl├Âtzlich nach dem Tarif der Speditions- und Logistikbranche bezahlt werden sollen. Hat das etwas mit der Amazonisierung der Deutsche Post DHL zu tun oder will Ver.di den Gelben Riesen samt Online-Giganten gerade vor Ostern ans tarifliche Kreuz nageln, damit sie gel├Ąutert wiederauferstehen? In jedem Fall w├╝rde man in den meisten Schulb├╝chern wohl keine ersch├Âpfende Erkl├Ąrung finden. Das gilt ├╝brigens auch f├╝r die Darstellung von Migration und Integration in deutschen Schulb├╝chern. Wie so oft, kommen „wir“ in „ihren“ B├╝chern nicht gut weg.

So┬ázumindest ist das Ergebnis der „Schulbuchstudie Migration und Integration“. Diese hatte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan ├ľzoguz, in Auftrag gegeben – vielleicht auch um sicherzugehen, dass auch sie selbst in der Schule immer falschen Hasen in Form von fantastilliarden alten Fakten aufgetischt bekommen hatte. Forscher des Georg-Eckert-Instituts ÔÇô Leibniz-Institut f├╝r internationale Schulbuchforschungund der Stiftung Universit├Ąt Hildesheim untersuchten Schulb├╝cher der Jahrgangsstufen 7-10 f├╝r die F├Ącher Sozialkunde/Politik, Geschichte und Geografie – und zwar in f├╝nf Bundesl├Ąndern, also Bayern, Nordrhein-Westfalen,
Sachsen, Berlin und Brandenburg.

┬ęAndreas Dengs_pixelio.de

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Anachronistische Stufendenke und hierarchische Gestrigkeit
Fazit der Studie: Es dominiert die Stufendenke, sprich: „Wir“ versus „sie“ oder wie es in der Studie w├Ârtlich hei├čt: Die Autoren kritisieren mit Blick auf Lehrmaterialien der 1980er und 1990er Jahre, dass Schulb├╝cher aufgrund permanenter hierarchisierender Gegen├╝berstellungen von ÔÇ×wir/sieÔÇť, ÔÇ×fremd/eigenÔÇť, ÔÇ×modern/vormodernÔÇť, ÔÇ×hier/dortÔÇť usw. Migrantinnen und Migranten sowie Menschen mit Migrationshintergrund zu Fremden machen, sie als minderwertig herabstufen, dadurch ausschlie├čen und diesen Ausschluss legitimieren. Durch die Herausstellung nationaler, ethnischer und kultureller Stereotype werde ihre vermeintliche Fremdheit und Unterlegenheit betont.

Will hei├čen: Der Problemkanake ist das Maskottchen der Migrationsliteratur, die deutsche Schulb├╝cher in die Klassen der Republik tragen. Immer ├ärger mit Ali und dem l├╝sternen Luigi und was genau stellt der maximal pigmentierte Sarotti-Sklave schon wieder an? Man (oder besser gesagt: die Studie) kann es auch formaler formulieren: [Die] misslungene Integration erscheint als Normalfall. Dadurch gilt Migration stets als Problemfall, niemals als Selbstverst├Ąndlichkeit moderner, differenzierter Gesellschaften, schon gar nicht als Normalfall sich globalisierender Lebens und Arbeitswelten.

 

Problem-Migrant Marcello mit Barracken-Backschisch ┬ęMarcello Buzzanca

Problem-Migrant Marcello mit Barracken-Backschisch ┬ęMarcello Buzzanca

 

Es bleibt der Blick durch den Zaun
Warum man die alten Schulschinken nicht schon l├Ąngst in die Besenkammer verbannt hat? Nun, werden manche Schuldiener ausweichen, das liege daran, dass man nicht wisse, ob sich die muslimische Putzfrau dadurch beleidigt f├╝hle. Also weiter im Text der Gastarbeiter-Glossen und somit zur├╝ck zu Ostern, Jesus, Auferstehung und der Tatsache, dass Heimat weiter geht. Nach dem Tod, der Rente, der Arbeit und dem Verlassen des Vater- und/oder Mutterlands. Das gilt f├╝r einige meiner Freunde und mich, die wir unsere Eltern verloren und sie in ihrer Heimat begraben lie├čen. In Deutschland, Italien, in der T├╝rkei, in Kroatien oder Tunesien. Das gilt f├╝r die meisten meiner Freunde und mich, die wir jetzt Eltern sind. In Deutschland und manchmal auf Italienisch, T├╝rkisch, Jugo oder Tunesisch auf unsere Kindern einredend, w├Ąhrend sie auf Deutsch frech werden und am Ende ihren Multikulti-Kopf durchsetzen.

Italienisch lernen ┬ę2388422_photo_clipdealer.de

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Blasphemische Heimat
Die ewige Wiederkehr von Heimat ist Ostern und Opferfest zugleich. Denn an Entbehrungen, Ausgrenzungen und Erniedrigungen mussten unsere Eltern ebenso viel auf sich nehmen wie sie an Vielfalt, Freude und Vaterland-Muttersprache-Kindergl├╝ck-Chaos erfahren durften. F├╝r ein bisschen Heimat hier und da. Parit├Ątisch und blasphemisch zugleich, setzt man Heimat mit Religion gleich, in der man sich zu Hause f├╝hlt, und damit als Gastarbeiter ja gleich zwei G├Âttern diente. Dem einen w├Ąhrend der Arbeit, dem anderen am Feierabend und im Urlaub. Und dennoch blieben unsere Eltern oder konnten zumindest nie ganz gehen.

Davor waren sie angekommen, am Bahnhof. Sie lebten in Barracken, irgendwann in Wohnungen und f├╝r ihre eigenen H├Ąuser. Jedes Jahr unterzogen sie sich und uns derselben Prozedur und Tortur: Die Heimat verlassen, um in die Heimat zu fahren. Im Auto oder Zug und sp├Ąter auch im Flieger. Von wegen Himmelfahrt und so. Nein, dieses Fahrten waren Gef├╝hlsachterbahnen und wenn man endlich anhielt, ging es schon wieder zur├╝ck nach Hause. Repetitive Routine eben. Doch, was soll ich weiter jammern, wenn es doch jemanden gibt, der diese Rundreisen seit ├╝ber 2000 Jahren mit immer demselben duldsamen und g├╝tigen Gesichtsausdruck klaglos hinnimmt? Frohe Ostern, Buona Pasqua und Pax Nobiscum!

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.