Herzlich willkommenčić – Eine Rehzension der Heimatgeschichten vom Balkanizer

Herzlich willkommenčić – Eine Rehzension der Heimatgeschichten vom Balkanizer
Herzlich willkommenčić – Eine Rehzension der Heimatgeschichten vom Balkanizer

Ein Portreh, wenn ich nicht irreh. Diese Schlussfolgerung zumindest suggeriert das Cover von Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer, das neue Buch von Danko Rabrenović, Autor, Moderator und Musiker, Vielleicht ist es aber auch eine subtile Anspielung auf den Integrationsbambi? Den nämlich hat das Multikulti-Talent bisher noch nicht verliehen bekommen. Macht aber nichts – oder wie er wahrscheinlich eher sagen würde – Ma nema problema! Diesem magischen Balkan-Mantra widmet Rabrenović gar ein ganzes Kapitel und beschreibt nicht nur daran subtil und süffisant, wie der Spagat zwischen Exil und Domizil und bisweilen auch zu Domian ihm einiges an Dehnungsvermögen abverlangt. Mentales und körperliches.

Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer ist eine amüsante, höchst emotionale und mit feiner Ironie gewürzte Balkanplatte, bei der jeder Happen mundet – und irgendwo zwischen Migration, Integration und Interkulturalität mündet.  In Düsseldorf, Belgrad, Zagreb und auf jener kleinen dalmatinischen Insel inmitten der Adria, deren Namen Danko Rabrenović  aus völlig egoistischen Gründen nicht preisgeben mag, denn „Die ist nämlich zu klein für uns alle. Und ein Geheimtipp sollte schließlich geheim bleiben.“

Damit hat er ebenso recht wie mit der Feststellung, dass er ein Kosmopolit ist, der in mehreren Kulturen zu Hause ist und nicht mehr in engen, nationalen Kategorien denken und fühlen kann. „Mein Balkan liegt auch in Düssledorf, wo ich lebe, in Köln, wo ich arbeite, und überall dort, wo ich unterwegs bin.“ Und unterwegs ist Danko Rabrenović viel und oft. Als Balkanizer für Funkhaus Europa, als Leadsänger und Gitarrist seiner Balkan Ska Reggae Punk Band Trovači und natürlich als Autor von bereits zwei Büchern.

Kindheitsdreieck und Balkan-deutsche Privacy
Auch in Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer, macht sich Rabrenović auf den Weg – in die Vergangenheit und Gegenwart, auf den Balkan und ins Schwimmbad, in sein Kindheitsdreieck und in seine Balkan-deutsche Privacy. An all jenen Orte begegnen ihm sympathische, skurrile und subtil gezeichnete Charaktere, die sein Leben gekreuzt, bereichert und geprägt haben. Solche, die er mittlerweile meidet und solche, die er vermisst oder immer wieder trifft. Und dann gibt es noch die, die ihn noch nie nach Eiern oder Salz gefragt haben und ihn dann plötzlich zu einem Hauskonzert einladen.

Das Panoptikum der Balkansesen (wider Willen oder durch eigenes Zutun) reicht von Kindheits- und Jugendfreunden, von Zagreb über Belgrad und Berlin bis hin zu genitalen Beschimpfungen, die zumindest auf dem Balkan einem deutsch-lapidaren „Guten Tag“ entsprechen. Rabrenović trifft Rod Stewart (wenn auch nur als eine Art Playback-Attrappe) und den mythischen Klapa-Inselchor als einen Teil des Soundtracks seiner Jugend,. Er stößt auf Turbo-Folk- und andere Ex-Yugo-Ikonen- und Legenden, auf charismatische Rebellen, auf unsympathische SUV-Parkplatzblockierer und natürlich immer wieder auch auf sich selbst in all seinen Facetten und in Form seiner Familie.

Danko Rabrenovic © Dejan Saric

Danko Rabrenovic © Dejan Saric

Und immer dann, wenn Danko Rabrenović sein Alter-Balkan-Ego erblickt, hinterfragt er es – lakonisch, ironisch und irrwitzig komisch. So attestiert er den den Ex-Jugos, dass sie Weltmeister im Abfeiern von Mythen seien und zudem Erfinder großer Errungenschaften der Menschheit. Es geht nämlich nicht nur die Krawatte und der Füller, sondern auch das Picigin auf das Konto der Ex-Jugos und deren Ideenwerkstatt. Das Picigin – also das Spielen eines präparierten Tennisballs im flachen Wasser- stellt sich dabei als die Erfindung heraus, mit der sich der Balkanizer am meisten identifiziert.

Denn Krawatten trägt er eher selten und was Füller angeht, hat er auch sein neues Buch wohl am Rechner getippt. Und wenn wir schon beim Tippen und bei Bällen sind: Da die Balkanesen wie eben Balkanesen Fußball spielen und wie die Deutschen gewinnen, nahm seine bunt gemischte Kickertruppe sogar das Ergebnis des legendären 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien vorweg. Irgendwo auf den Rheinwiesen, wenn auch mit etwas zu kleinen Toren.

Kulinarische Koordinaten und der Unten-Grill
Dass die Lektüre der einzelnen Episoden von Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer Appetit auf mehr machen, liegt sicher auch am dreidimensionalen Tomatengeschmack, am Fastfood mit Migrationshintergrund und am Unten-Grill, den manche als Balkan-Grill kennen. Am Ende sind es die kulturellen und kulinarischen Koordinaten, die nicht nur Balkanesen dabei helfen, den Geschmack von Obst, Gemüse und Ćevapčići richtig zu verorten. Wenn man nämlich eine kroatische Tomate vor allem in Badehose, bei Sonnenschein und im Kreise der Familie isst, schmeckt diese noch viel besser: „Es ist also vielleicht doch eine Mischung aus Geografie, Klima und Nostalgie, die Lebensmittel auf dem Balkan für uns Balkanesen so wertvoll macht.“

Herzlich willkommenčić - Heimatgeschichten vom Balkanizer ©DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Herzlich willkommenčić – Heimatgeschichten vom Balkanizer ©DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Apropos Mischung und Koordinaten, die auf der Zunge zergehen: Danko Rabrenović ist nicht nur in Sachen Bücher, Moderation und Musik sehr kreativ. Nein, auch was seine Sprache und die Fähigkeit angeht, Menschen jenseits enger nationaler Maschen einzuordnen, ist das Multitalent ein Pionier. So hat er seine eigene Dialog-App in seinem Hirn entdeckt. Diese erlaubt es ihm „je nach Situation zu entscheiden, ob ich der böse Balkanese bin – oder der charmante Junge mit Akzent.“ Seinen großen Freund Karl-Heinz als den größten Jugo unter den Deutschen zu bezeichnen, zeugt von der Warmherzigkeit, mit der Danko Rabrenović seine Freunde auf seinen Balkan mitnimmt – oder sie, wie im Falle von Karl-Heinz, dort besucht.

Und wenn wir schon bei Besuchen, Melangen und Melodischem sind und langsam zum Ende kommen müssen: Eine Lesung vom Balkanizer mit Musik seiner Band Trovači ist Freude pur für alle Freunde des Balkans. Und wie wir ja gelernt haben, liegt der Balkan zwar irgendwie immer südlicher als der eigene geografische Standort. Andererseits kann sich ja jeder von uns seinen eigenen Balkan gestalten – als Heimat der in vielen Kulturen zu Hause Seienden. Und damit es uns in unseren Heimaten nicht langweilig wird, hier nochmals die genauen Koordinaten für den im Dumont Buchverlag erschienenen, feurigen Lesestoff:

Danko Rabrenović 
Herzlich willkommenčić
Heimatgeschichten vom Balkanizer
192 Seiten, EUR 14,99
ISBN 978-3-8321-6332-7

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.