In der ersten Reihe sieht man Meer-Meine sekundäre Rezension

In der ersten Reihe sieht man Meer-Meine sekundäre Rezension
In der ersten Reihe sieht man Meer-Meine sekundäre Rezension

Wozu braucht es denn jetzt noch eine Rezension von Volker Klüpfels und Michael Kobrs Buch In der ersten Reihe sieht man Meer? Haben denn nicht schon renommiertere Rezensenten bestätigt, dass dieses Buch lustig und lesenswert ist, locker leicht literarisiert und der Rettungsring der Urlaubsreifen in Richtung Insel ist? Ja, natürlich, und gerade in Zeiten anstehender Sommerferien und Stauabwehrvorbereitungsmaßnahmen, spricht dieses Buch (die wahren) Bände – für alle, die Strände suchen und nur das Meer finden.

Und doch trägt In der ersten Reihe sieht man Meer noch ein weiteres Plus in sich und auf seinen 320 Seiten. Dieses Plus steht in enger Verbindung zur homophonen Anspielung, die der Titel bereits in sich trägt (Meer-mehr). Gleichtönenden Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung – davon hat dieses Buch ganz viele: Längere Sätze, kurze Einschübe, wunderbare Bilder und eine bisher nicht erschlossene, erwähnte und erkannte Zielgruppe!

Wir, die mit den Gastarbeiter-Genen, wir mit transalpiner, mediterraner Migrationsgeschichte. Wir, die Periodischen Patrioten, die wir genauso wie der Protagonist Alexander Klein, gerne auf der Synthie-Pop-Soundwelle unserer Erinnerungen reiten, weil wir dann und nur dann jung waren und peinlich tanzen konnten, ohne uns dafür zu schämen. In Deutschland und in unserer Heimat auf (Sommer)-Zeit. In der Schule, eingepfercht im Auto bei sengender Hitze und singendem Kassettenradio, am Strand, mit Wetlook und Gelato.

Volker Klüpfels und Michael Kobrs In der ersten Reihe sieht man Meer wagt einen polysemen, also vielbedeutenden Blick aus der Perspektive der Autoren auf eine Zeit und auf Erinnerungen, die sich nicht nur mit gleichaltrigen Deutschen (ohne Migrationsgeschichte) mit gleichgesinnten Eltern teilen. Vielmehr hätte auch ich Alexander Klein sein können, nur eben auf der anderen Autostrada und mit zu bewältigender, doppelter Distanz.

Die Reise-Route des Buchs …
… beginnt in der Gegenwart. Alexander Klein ist zweifacher Familienvater, erfolgreicher Werbeprofi und soweit eigentlich ganz glücklich. Zusammen mit seiner Frau, seinen Kindern, seiner älteren Schwester Nicole und seinen Eltern, plant er einen nostalgischen Trip in die Vergangenheit: Einen Urlaub an der Adria mit dem Auto. Tatsächlich wird er diese Reise antreten – und das anders, als erhofft. Kaum nämlich, dass er sich am Vorabend der Abreise ein paar Gläschen Vino genehmigt und sich mit süß-sauer gemischten Gefühlen alte Bilder anschaut, schläft er ein, um in seinem Jugendzimmer wieder aufzuwachen. Mitten in den ätzenden Achtzigern, dem „entstellten Jahrzehnt“,  und kurz vor Aufbruch an die Adria. Klingt ein wenig nach Bodyswitch für Bodenständige oder nach Back to the future – ohne DeLorean, dafür mit einem Ford Sierra.

Cover_Klüpfel-Kobr, In der ersten Reihe sieht man Meer ©Droemer

Cover_Klüpfel-Kobr, In der ersten Reihe sieht man Meer ©Droemer

Am Ende aber ist die Rahmenhandlung nur das Vehikel, das den eigentlichen V6-Antrieb der Story transportiert. Die zündenden Zitate nämlich sind jene, die sich auf der Tortur entlang der Alpen in Richtung Adria und am Ziel der mediterranen Sehnsüchte, dem Teutonengrill, ergeben – auf den Raststätten, im Feriendomizil der Kleins, in den Köpfen und mit den Worten der Figuren in In der ersten Reihe sieht man Meer.

Zeitreise und Etappensiege
Alexander Klein fügt sich nach anfänglicher Irritation der Iteration seiner Gestalt und findet es am Ende sogar prima, den erfolgreichen Mitte 40er gegen einen pummel-pickeligen 15jährigen eingetauscht zu haben – oder besser gesagt eingetauscht worden zu sein. So hat er die Gelegenheit, seine Eltern, seine Schwester, seine Oma und auch alle anderen Figuren, die ihm auf diesem (inneren) Trip begegnen, mit erwachsenen Augen zu sehen und zu verstehen und gleichzeitig als Jugendlicher wahrgenommen und daher anfangs nicht ernst genommen zu werden.

Dieses Doppelte Lottchen in Disguise funktioniert meiner Meinung nach besonders dann sehr gut, wenn Alex seine Beobachtungsgabe zum Besten gibt und den Tedesco in ihnen und in uns allen mitten aus den 80ern hinein in unsere aktuelle Wahrnehmung zieht – an der Trainingshose aus Ballonseide. Dann nämlich trimmt er alle auf politisch Korrektes: Keine Strandneger, sondern Mitbürger mit Migrationshintergrund und Coccobello-Soundteppich. Kein Unkraut, sondern Rucola. Kinder bueno statt Milak Schokolade.

Doch Platz für politisch vollkommen Verwerfliches gibt es in In der ersten Reihe sieht man Meer ebenso reichlich – trotz und grade aufgrund des vollgestopften Fonds des Fords: Alex Kriegs-Opa, der den Reisenden noch einen Kohlkopf mitgibt und wohlmeinend warnt. „Ja, verrammelt die Karre gut – bei den Itakern weiß man nie!“ Sein Misstrauen rührt natürlich aus dem „Verrat“ der Italiener an den Deutschen aus dem 2. Weltkrieg. Oder auch die Feststellung von Frau Klein, dass was Leckeres zu Essen nicht etwa Spaghetti Carbonara oder Piccata Milanese, sondern natürlich Gulasch mit Reis und Kohlrabi ist. Schließlich erinnert das einen gerade in der Fremde an zu Hause und Alex konstatiert, dass seine Familie wohl nur deshalb ins Ausland fährt, um die Heimat richtig vermissen zu können.

Foto1_Autorenporträt_Klüpfel_Kobr_©David Maupilé

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Überhaupt nimmt das Kulinarische eine zentrale Mittlerfunktion zwischen den Kulturen, Heimatskonzepten und dem italienischen und deutschen Hygiene- und Humorverständnis ein. Denn für deutsche Urlauber schmeckte Italien eben nach Jacobs Krönung und Kochschinken – auf den deutschen Urlaubsinseln inmitten des italienischen Verkehrstrubels oder in ihren Feriendomizilen, die umgeben von anderen tedeschi waren und wo jeder Österreicher misstrauisch als Eindringling geduldet und natürlich niemals in den manuellen Verteiler der Bild-Zeitung aufgenommen wurde. Italiens Küche muss man sich skeptisch nähern. Schließlich wissen die Spaghettis nicht, wie man Hygiene schreibt. Nicht im Supermarkt, nicht am Imbiss.

Bella Bude
Unter sich wollen die Kleins natürlich auch am Strand sein. Das gilt selbstverständlich auch für alle anderen Deutschen, die dort eng an eng liegen. Ebenso unwillkommen ist das Einheimische in der Fremde, wenn es um das Essen an der Adria geht. Currywurst statt Carbonara und dann noch ein Eis mit Eisneger und dem Unaussprechlichen mit den Schokoladensplittern (Stracciatella). Nix gegen Italien, nur diese ganzen Italiener hier. Alex aber lässt sich nicht entmutigen und entdeckt seine Bestimmung: Einer italienischen Imbissbude, die kein Deutscher aufsucht, mit modernen Marketingmethoden zu zahlenden, deutschen und in D-Mark denkenden Gästen zu verhelfen.

Er lernt den (und nicht DIE) gleichaltrigen Andrea kennen, dessen Vater Cornelio Berlusconi, die Bude führt. Alex verliebt sich in Maria, Andreas Tante. Und er überzeugt die Berlusconis davon, dass sie es nicht dem Jugoslawen gegenüber gleichmachen sollten, der deutsches Essen für deutsche Touristen verkauft. Nein, Alex will Ethno-Streetfood an den Adria-Strand bringen – und schafft es natürlich. Hierbei und bei allen anderen Aktionen, die Alex arrangiert, erleiden und erdulden muss, sind Chaos und Turbulenzen die bekannten Begleiter – sei es beim Einwerfen der Gettoni und Fremdhören anderer belangloser Urlaubsgespräche am italienischen Fernsprechautomaten, über den man die in der Heimat Verbliebenen darüber informiert, dass es mitunter auch mal regnet in Rimini und Riccione, Jesolo und Bibbione.

©clipdealer/14040001

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Kreisverkehr ohne Identitässtau
Melodisch wie das Italienische im Allgemeinen und professionell komponiert wie die realsatirischen Charaktere in In der ersten Reihe sieht man Meer, sind auch die Namen der 33 Kapitel. Sie spiegeln jenes wider, was beide Autoren Soundtrack der Reise und des damaligen Lebens nennen, vereinen Italo-Pop-Klassiker mit NDW, Schmuserock mit Heavy-Metal light und geben so ein umfassendes und melodiöses Stimmungsbild der Gefühlswelt von Alex im Speziellen wie auch der Adria-Allgäu-Atmosphäre der 1980er wider.

Man kann also bereits vor der Lektüre der eigentlichen Kapitel wie beispielsweise Azzurro, Our House, Vamos a la Playa, Tretboot in Seenot und Gente di Mare erahnen, welche witzigen Urlaubstraumata dort verarbeitet werden. Das gilt am Ende natürlich auch für das Schlusskapitel Dreams are my reality. Schließlich endet jeder Traum ja mit dem Erwachen in der Realität – und mitunter auch damit, dass man etwas aus der anderen Welt ins Hier und Jetzt mitnimmt, in den Kofferraum packt und nochmals mit nach Italien und schließlich zurück nach Deutschland nimmt. Kreisverkehr ohne Identitässtau, eben.

Klischee-Kollisionen und anderer Kraftstoff
Hier und da und manchmal auch dort schrammt und rammt das Buch damals wie wohl auch heute noch existierende Italien(er)-Klischees – mit dem Tretboot, dem Ford Sierra der Kleins, mit der Vespa Ape der Berlusconis und voll in die Fresse der kleinen Italiener, von denen es in dem auch nur so wimmelt. Doch wahrscheinlich waren diese Stereotypen damals tatsächlich so virulent wie sie heute noch existent sind. Gerade deshald jedoch ist das Italienbild in Volker Klüpfels und Michael Kobrs Buch In der ersten Reihe sieht man Meer sehr differenziert, widmet es sich doch selbst in der wörtlichen Wiedergabe des Deutschen der Adria-Italiener jedem lautlichen Detail.

Es ist eine detaillierte, liebevoll und schwungvoll kartographierte Zeitreise, die das Deutsche-Urlauber-Mantra „So was gäb’s bei uns nicht!“ gekonnt zuspitzt und zeigt, dass dieses BEI UNS gar nicht so eindeutig ist oder dass zumindest das BEI DENEN spätestens dann verschwimmt, als sich alle wirklich wohl fühlen. In ihrem Eckhaus-Ferienndomizil, in dem kleinen Planschbecken aka Pool, auf dem langen Fußmarsch zum Strand, trotz der Tortur der Anfahrt aus dem Allgäu (schätze ich), trotz Italienern in Italien. Trotz unaussprechlicher Straßennamen, die man kurzerhand eindeutscht (Via Comte wird zu Via Komet und die Via Fenice zu Via Fenchel).

In der ersten Reihe mit Meer an Maritimem

In der ersten Reihe mit Meer an Maritimem

Ja, dieses Buch ist sicher nicht nur für all jene geschrieben, die in den 1980er Jahren ähnliche Adria-Torturen mit ihren Eltern durchstehen mussten. Nein, es ist ebenso für uns geschrieben, die wir als Menschen mit Gastarbeiter-Genen ebensolche Insassen strapaziöser Reisen und minutiös geplanter und getakteter Stranderoberungsaktionen waren. Denn immer dann, wenn die Kleins stereotypisch stellvertretend für andere Millionen deutscher Touristen, glauben unter sich (also deutschen Urlaubern) zu sein, wissen oder ahnen sie nicht, dass sehr wohl auch „andere“ Deutsche, also die mit Migrationsgepäck Made in Italia, genauso fühlen und fressen wie sie.

Als temporäre Heimkehrer, die die gleiche Alpen-Adria-Achse nahmen oder eben eidgenössisches Autobahnen als Transit nutzen, dieselben Raststätten und Strände nutzen und ebenso laut deutsche Tugenden lobten, um ihrer Verwandtschaft in der Heimat zu beweisen, dass das Exil bessere Menschen mit überlegener Kultur aus ihnen gemacht hatte.

Und, um noch persönlicher zu werden: Neben dem Filterkaffee und den Wurstbroten, glichen sich Alex und mein Vater auch in Sachen peinliches Outfit, als Fremdschäm-Attacken-Auslöser beim Aussprechen der jeweils (immer noch) fremden Sprache und auch als Helden der ADAC-Karten-Navigation. Zudem waren sie gleichsam Rebellen und Rädelsführer an den Grenz- und Mautstationen. Pioniere, Brückenbauer, Heimkehrer und Fernfahrer für die Familie. Vorbilder eben, bei denen nicht jede Seite glanzvoll strahlte und dennoch ließen sie ihre Reifen- und Sandalenabdrücke im Apshalt, Sand und im Beton ihrer Ferien- und Heimatdomizile.

In der ersten Reihe sieht man Meer
Autoren: Volker Klüpfel, Michael Kobr
ISBN: 978-3-426-19940-4
Seiten:320
Droemer Verlag
€ 19,99

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.