Kobr kommentiert „In der ersten Reihe sieht man Meer“

Kobr kommentiert „In der ersten Reihe sieht man Meer“
Kobr kommentiert „In der ersten Reihe sieht man Meer“

Quasi als leichtes HandgepĂ€ck zu meiner Übersee-Koffer dimensionierten Rezension von Volker KlĂŒpfels und Michael Kobrs Buch In der ersten Reihe sieht man Meer, können die Antworten von Michael Kobr auf meine Fragen zu gemeinsamen Leidensstationen auf der 80er-Autostrada, beim Check-In der charismatischen Begegnungen italo-deutscher PrĂ€gung aufgegeben werden:

Marcello Buzzanca: Aus meiner Sicht (also von jemandem mit italienischen Gastarbeiter-Genen und ebenso Kind der 80er) betrachtet, gibt es unzĂ€hlige Parallelen zwischen Ihren Schilderungen und meinen ganz persönlichen Erinnerungen an die automotiven Torturen nach Italien, auch wenn diese uns jeden Sommer bis nach Sizilien fĂŒhrten. Haben Sie denn wĂ€hrend des Schreibens Gedanken daran gehabt, dass sich Ihre Erinnerungen zu einem großen Teil auch mit denen der „Gastarbeiter-Kinder“ Ihrer Generation decken – wenn auch vielleicht nur auf halber Strecke, weil die meisten Italo-Deutschen natĂŒrlich noch weiter Richtung SĂŒden mussten, um Ihre Sommerzeit-Heimat zu erreichen?

Michael Kobr: Eigentlich hatten wir das so gar nicht bedacht, aber mittlerweile schon öfter gehört. Liegt eigentlich auf der Hand, denn alle Autos waren mindestens gleich vollgestopft, nur dass die deutschen meist mit Jetta, Kadett oder Sierra fuhren und die Italiener aus löblich-patriotischen GrĂŒnden im Alfasud oder im Fiat Mirafiori…

Marcello Buzzanca: Gibt es womöglich sogar in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Menschen mit MigrationsgepĂ€ck, die Ihnen nach der LektĂŒre des Buchs gesagt haben: Ja, das kenne ich. Habe ich genauso erlebt
. und Sie vielleicht eher damit gerechnet hĂ€tten, dass es „nur“ deutsche Urlaubskinder waren, die solche Erlebnisse teilen? Wenn man also diese Aufteilung machen wollte: Könnte es sein, dass Sie mit In der ersten Reihe sieht man Meer eine Zielgruppe ansprechen, die Sie so vorher gar nicht im Blick hatten?

Michael Kobr: Wie oben erwĂ€hnt: Trifft beides absolut zu – und wir freuen uns sehr darĂŒber!

In der ersten Reihe mit Meer an Maritimem

In der ersten Reihe mit Meer an Maritimem

Marcello Buzzanca: Ich habe immer wieder gemerkt, dass ich wĂ€hrend unserer Fahrten nach Sizilien immer auch ein StĂŒck Deutschland mitgenommen habe – spĂ€testens dann, wenn ich dort angekommen, als Tedesco verspottet wurde oder auch dann, wenn wir den halben Hausrat samt Kellerfenster (weil deutsche QualitĂ€t), HB und Kassetten mit deutscher Musik, mitnahmen. Umgekehrt haben wir immer auch ein wenig Sizilien mit nach Deutschland genommen, wenn wir zurĂŒckfuhren (Salami, Kaffee, Olivenöl, GewĂŒrze und Jovanotti-Kassette vom Schwarzmarkt). WĂŒrden Sie denn sagen, dass auch Sie ein bisschen ItalianitĂ  nach Deutschland mitgenommen haben, wenn Sie nach zwei Wochen zurĂŒckkehrten und damit sogar ein wenig zu Italienern in Deutschland wurden, wenn auch nur temporĂ€r? Und falls ja: Wirkt das Urlaubs-Italienische auch heute noch in Ihnen nach?

Michael Kobr: Absolut: Jede LĂŒcke, die durch den verzehrten Proviant frei wurde, wurde mit Salami, Pastasaucen und anderen italienischen Lebensmitteln vollgestopft – und noch heute lade ich das Wohnmobil am Supermercato voll. Manche Sachen mĂŒssen einfach fĂŒr das ganze Jahr reichen, weil es sie bei uns einfach nicht gibt und sie aber wirklich sensationell gut sind. Und ich hab mich schon im Urlaub und natĂŒrlich auch danach ja immer ein wenig italienisch gefĂŒhlt, wobwohl man es mir mit den blonden Haaren, der sonneverbrannten Haut und den Sandalen mit Socken drin sicher nicht angesehen hat. Ich wĂ€r so gern Italiener gewesen und sah doch schon immer so deutsch aus – na ja, es ist die innere Schönheit, die zĂ€hlt…

Marcello Buzzanca: WĂŒrden Sie vielleicht auch sagen, dass Sie umgekehrt gerade in Italien noch mehr zu Deutschen wurden, um sich hier und da abzugrenzen, d.h. wenn vor allem das Mantra von Alex‘ Vater „So was gĂ€b’s bei uns nicht!“ wieder einmal stark zur Geltung kam? Oder wurden Sie in Italien mitunter auch ein wenig zu Italienern, wenn die FremdschĂ€m-Attacken ein zu gewaltiges Maß annahmen?

Michael Kobr: FremdschĂ€men pur war angesagt und das Verlangen nach totaler Assimilation wuchs…

Marcello Buzzanca: Wenn Sie in einem Interview sagen, dass Sie mit dem Buch Ihre Urlaubstraumata zwischen zwei Buchdeckel gepackt haben, beziehen Sie sich auf die Strapazen der Reise oder auch auf anderen, schlechte Erinnerungen Ihrer Italienurlaube bzw. war das Schreiben dann auch eine Art analytisches GefĂ€ĂŸ (Vas Hermeticum)/GefĂ€ĂŸ der Verwandlung, in das Sie Erlebtes und ErtrĂ€umtes gepackt, gepaart und vermischt haben?

Michael Kobr: TatsĂ€chlich ist keines unserer BĂŒcher so autobiographisch wie dieses. Aber wir haben beide die Urlaube als ungeheuer behĂŒtete, unbeschwerte Zeit in einem wunderschönen Land in Erinnerung.

Marcello Buzzanca: Sie sagen zudem: „Die Adria war das exotischste Ziel, das man mit dem Auto von Deutschland aus erreichen konnte.“  Wenn Alex auf seine Zeitreise auch ein komfortableres Vehikel hĂ€tte mitnehmen können, also bspw. ein Flugzeug, wohin in Italien wĂ€re er geflogen und wen/was hĂ€tte er mitgenommen – nach Italien und zurĂŒck nach Deutschland?

Michael Kobr: Nach fĂŒnfmal Adria habe ich mit meinen Eltern dann irgendwann ganz Italien bereist – inklusive Sizilien, Sardinien und Kalabrien. Mitnehmen aus Sizilien sollte man einen Brocken Lava vom Etna und Zitronen – oder?

Rinaldo, Ritter und Retter der OlivenbÀume ©Marcello Buzzanca

Rinaldo, Ritter und Retter der OlivenbÀume ©Marcello Buzzanca

Lava-Heimaterde fĂŒr den Olivenbaum ©Marcello Buzzanca

Lava-Heimaterde fĂŒr den Olivenbaum ©Marcello Buzzanca

A.d.R.: Lava-Brocken vom Etna sollte man in jedem Fall mitnehmen und das OlivenbĂ€umchen im italo-deutschen SchrebergĂ€rtchen mit diesem topografischen Topping noch mehr zu Made in Mediterraneo machen 🙂

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.