Minderheiten-Quartett: Ein Selbstversuch

Minderheiten-Quartett: Ein Selbstversuch
Minderheiten-Quartett: Ein Selbstversuch

Darf man Minderheiten gegeneinander ausspielen? Natürlich darf man das – und man sollte es sogar, vor allem dann, wenn es so viel Spaß macht wie beim Minderheiten-Quartett von Michel Goldmann und Max Hase. Deren Erfindung, ein politisch semikorrekter, satirischer Volltreffer, wird hoffentlich bald auch an und auf jedem Runden – und Stamm-Tisch Deutschlands gespielt. Denn beim Minderheiten-Quartett geht es nicht nur um eine bloße Variante des Klassikers unter den Kartenspielen.

Nein, es geht um stilvoll kartographierte Satire und darum, dass keine Minderheit ungeschoren davon kommt oder verschont wird. Natürlich ist der Kern des Spiels immer noch derselbe: Am Ende gewinnt  derjenige, der die meisten Minderheiten-Karten sammeln konnte und wer keine in seiner gierigen oder zu toleranten Hand sammeln konnte, verliert. Wie man den Kampf für und gegen die Minderheiten für sich entscheidet? Indem man ihre Stärken und Schwächen gegeneinander ausspielt, sich Verbündete mit potenten Booster-Karten schafft oder die eigenen (A)ktions-, (G)esellschafts- und (B)ooster-Karten (AGB-Karten) dazu nutzt, Kolleteralschäden maximaler oder taktischer Natur zu verursachen. Fast wie im richtigen Leben also – nur sehr viel lustiger, freier und fieser.

Minderheiten-Quartett-Set ©minderheiten-quartett.de

Minderheiten-Quartett-Set ©minderheiten-quartett.de

Mit gezi(n)kten Karten: Die Minderheiten-Grundausstattung
Zum Basisspiel beim Minderheiten-Quartett zählen zunächst 24 Minderheitenkarten aus 6 diskriminierungswürdigen Gruppen: Religionen, Ethnien, Radikale, Sexualität, Behinderte und Demographie. Dabei zählt jede gesammelte Minderheitenkarte als ein Siegpunkt. Diese Bewertungsskala wiederum ist leider vollkommen frei von Diskriminierung. Die Kategorien, in denen man die Minderheitengruppen gegeneinander ausspielen kann, sind schätzungsweise nicht statistisch belegt bzw. überhaupt nicht belegbar, dafür aber belastbar belustigend.

So muss sich jede Minderheit an Parametern wie Bevölkerungsanteil, Bildungsniveau, Wohlstand, Homogenität, Gesellschaftliche Akzeptanz und Schamgefühl messen lassen. Jede dieser Kategorien besitzt eine Stärke von 0 bis 6 Sternen, die je nach Minderheitengruppe stärker oder schwächer ausgeprägt ist. Der Bezug zur Realität ist dabei in jedem Fall vorhanden: Das Schamgefühl der Politiker ist beispielsweise ebenso etwas weniger absent als bei Wachkomapatienten, Scientologen und Punks. Der Bevölkerungsanteil der Studenten entspricht denen der Lesben und Pygmäen gibt es eigentlich keine, obwohl sie ganze 3 Sterne in Sachen Bildungsniveau, Gesellschaftliche Akzeptanz und Schamgefühl vorweisen können.

Doch so perfide, wie Minderheiten- und Migrationsdebatten immer wieder geführt werden, kann auch die Spieltaktik beim Minderheiten-Quartett aussehen. Denn manche Minoritäten sind schlicht und ergreifend Trumpf. Wie sie die anderen ganz einfach besiegen, ist lakonisch und treffend unter den jeweiligen Kategorien vermerkt. So schlagen Nazis beispielsweise Juden und Neger, egal, in welcher Kategorie man sie gegeneinander ausspielt. Muslime hingegen steinigen Lesben und hängen Schwule und die Leistungsträger versklaven Studenten und Hartz-IV-Empfänger. Leider sehr geil und eventually auch Wirklichkeit.

Kettenreaktion der Kategorien_Minderheiten unter sich ©minderheiten-quartett.de

Kettenreaktion der Kategorien_Minderheiten unter sich ©minderheiten-quartett.de

AGB: Lesen und mit wohl dosiertem Kalkül auf den Tisch knallen
Was das Minderheiten-Quartett von anderen Premium-Spielen für Satireliebhaber und Verfechter politischen Inkorretgehorsams wie die Tyrannen (I-III)-, Seuchen-, Rauschgift- Atomkraftwerke-, Ufo- und Marienerscheinungen von Weltquartett unterscheidet, sind die perfiden (A)ktions-, (G)esellschafts- und (B)ooster-Karten (AGB-Karten), die in der Erweiterung “Soziale Kernschmelze” enthalten sind. Sie reichen von Amoklauf bis Wahlversprechen und können sowohl vom Herausforderer und Gegner wie teilweise aber auch von den anderen, nicht direkt an einem Spielzug Beteiligten eingesetzt werden, um eben die eine oder auch die andere Minderheit zu unterstützen bzw. in die Hände und auf den Stapel des anderen zu treiben.

Spielt der Herausforderer beispielsweise seine Muslime-Karte in der Kategorie Bevölkerungsanteil (4 Sterne) und der Herausgeforderte hat eine Juden-Karte, mit der er in der Bevölkerungsanteil- Kategorie unterlegen ist (2 Sterne), kann er die Booster-Karte „Heiliger Krieg“ einsetzen. Mit dieser Karte kann man die Punktezahl der eigenen unterlegenen Kategorien erhöhen bzw. die des Gegenspielers senken und damit für Bevölkerungsex- und implosionen der eruptiven Art sorgen.

Das Beste an dieser Karte ist die vieldeutige Beschreibung ihrer Macht: „Die Zeit ist reif, die Ungläubigen zu vernichten, denn es gibt nur eine Religion. Egal, ob sie wollen oder nicht, jetzt müssen alle dran glauben.“ Bedenkt man, dass man auch mit einer Hindu- oder Scientologen-Karte den Booster „Heiliger Krieg“ gleichberechtigt benutzen kann, wird das kollektive Augenzwinkern gegen jede Minderheit erst richtig deutlich.

Heiliger Krieg schlägt alle ©minderheiten-quartett.de

Heiliger Krieg schlägt alle ©minderheiten-quartett.de

 

Eine Art Universaljoker stellt die Aktionskarte „Die Bundesregierung greift ein“ dar. Diese kann von jedem ausgespielt werden – und zwar in jedem Kampf der Minderheiten. Wenn beispielsweise die Randgruppe der Intellektuellen fordert, dass Bildung nicht zu einem Werkzeug des Marktes verkommen darf und die Analphabeten ihrerseits für nicht nur für Migranten kostenlose Deutschkurse ihre Stimme erheben, kann die Aktionskarte Bundesregierung lenkend eingreifen.

Durch sachliche Argumente oder durch geschicktes Spalten („Richtig, Bildung darf kein Marktwergzeug sein – also auch keines des Arbeitsmarktes. Insofern sollten alle Migranten, die arbeiten können und wollen, in keinem Fall Deutschunterricht erhalten. Das verzerrt den Markt, weil sie ja dann mindestens zweisprachig und damit den deutschen Kolleginnen und Kollegen sprachlich überlegen sind!“) kann man die anderen Mitspieler in die eine oder andere Pro/Contra-Minderheiten-Richtung bugsieren. Gerade bei solchen Aktionskarten wird das Minderheiten-Quartett noch offensichtlicher zum Rollenspiel der Randerscheinungen.

Minderheiten-Karussell dreht sich ©minderheiten-quartett.de

Minderheiten-Karussell dreht sich ©minderheiten-quartett.de

Diskriminierung weiter gedacht
Zum Basisspiel und den AGB-Karten der Erweiterung “Soziale Kernschmelze” kann man sich neuerdings auch noch vielfältiger eindecken, was weitere Minderheiten und deren wunde Punkte angeht, die man dann noch differenzierter gegeneinander ausspielen kann. Die Erweiterung zum Basis-Set umfasst nämlich auch 19 zusätzliche Minoritäten aus 5 verschiedenen Gruppen (Wutbürger, Berufe, Freaks, Lifestyle, Unterschicht). Damit findet die Expansion der Randerscheinungen eine weitere, geschmackvolle Ergänzung und reicht bei der arbiträren Bezeichnung der jeweiligen Minderheitengruppen aktuell von A bis H. Wir dürfen also gespannt sein, ob sich noch genügend Minderheiten finden, um das Alphabet letztlich zu komplettieren und auch die restlichen Randgruppen zu kompromittieren.

Alle Minderheiten in einem Packungsinhalt vereint ©minderheiten-quartett.de

Alle Minderheiten in einem Packungsinhalt vereint ©minderheiten-quartett.de

Der Motor für das Minderheiten-Quartett…
… war Michel Goldmann und Max Hase zufolge eine der vielen Scheinheiligkeiten, die den Shador, Schatten und Stein auf die Art und Weise werfen, wie Minderheiten zum Spielball der Scharlatane werden. Während einer Debatte um die Erweiterung des 3. Artikels GG und des darin festzuschreibenden Verbots der Diskriminierung, das SPD, Grünen und Linkspartei um das Merkmal „sexuelle Identität“ erweitert sehen wollten, warf der von der CDU/CSU einberufene Gutachter Prof. Dr. Winfried Kluth ein, man könne doch nicht die sexuellen Minderheiten per Gesetz vor Diskriminierung schützen, weil sich doch dann die Muslime ihrerseits und als Unterentwickelte in Sachen Akzeptanz von nicht heterosexuellen Akten und Ansichten, diskriminiert fühlen würden.

Grund genug, sich mal richtig in die Karten schauen zu lassen, was Betroffenheitsdebatten in TV, Presse und Postamt angeht. Bester Anlass, um Stereotypen auf Pappe zu bannen, um sie letztlich durch Satire zu schützen – vor Schlimmerem und Schlimmeren. Natürlich gibt es viele weitere Gründe, warum dieses Spiel in den Fundus jedes Haushalts gehört: Es befreit den Kopf von halbherziger Zurückhaltung gegenüber Minderheiten bzw. dient als Katalysator. Da kann man nach einem Tag qualvoller, politisch korrekter Korrespondenz den Hater in sich Haus und Hoftür öffnen und Schwule gegen Bild-Leser, Casting-Kanaken gegen Künstler oder auch AKW-Gegner gegen Pro-Gamer ausspielen. Einfach so, weil es Spaß macht und voll sinnleer ist.

Minderheiten-Quartett Karten ©minderheiten-quartett.de

Minderheiten-Quartett Karten ©minderheiten-quartett.de

Die Moritat der Minoritäten
Das Minderheiten-Quartett weist nicht nur in Sachen Satire die volle 6-Sterne-Stärke auf. Auch die Illustrationen von Laura Oechel sind wahre Volltreffer. Hinzu kommen die jeweiligen Forderungen der Minderheiten oder die Begründung, warum sie welche Minorität schlicht und ergreifend übertreffen – ungeachtet der Sternenstärke der jeweiligen Kategorien. So haben Wachkomapatienten öfter Sex als Feministinnen und Bild-Leser den Analphabeten einiges voraus. Polizisten schlagen AKW- und Papst-Gegner zu Brei und Philosophen beantworten die großen Fragen des Lebens besser als Politiker. Kurzum: Hier kann jeder gegen jeden spielen und verlieren, am Ende aber gewinnen alle – an Spaß und Freiheit, die politisch inkorrekte Sau mal so richtig um die eigenen vier Ecken zu jagen und alle Vorurteile gegen jeden hemmungslos auf den Tisch zu knallen. Katharsis pur, die in jeder Karte enthalten ist und darauf wartet, sich beim Ausspielen endlich entladen zu dürfen.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.