Mindermigrant macht MINTegration

Mindermigrant macht MINTegration
Mindermigrant macht MINTegration

Was der jüngste Internationale Migrationsausblick der OECD auf die Fahnen des Ausländerausgucks geschrieben hat, klingt zunächst mal nach M&M, also nach Mehr Migration. Schließlich, so OECD-Generalsekretär Angel Gurría, sei die Beschäftigungsquote von Migranten in Deutschland seit 2007 um fünf Prozentpunkte gestiegen, was den stärksten Anstieg innerhalb der OECD darstellt und Gurría dazu veranlasst, Germania gemeinhin als Gastarbeiter-Exempel der Extraklasse darzustellen „Deutschland konnte in den vergangenen Jahren viele Lehren aus der Arbeitsmarktintegration von Migranten ziehen.“ Auch würden niedrigqualifizierte Migranten in Deutschland eine höhere Beschäftigungsquote als in Deutschland geborene Personen mit gleichem Bildungsstand aufweisen.

Nachsitzen müsse Deutschland aber dennoch, wenn auch nicht so lange wie andere OECD-Staaten. Denn tatsächlich gebe es bei den hochqualifizierten Migranten noch einiges zu tun, was deren Beschäftigung in einem ihrem Ausbildungsniveau entsprechenden Beruf angeht. Auch wenn Deutschland insgesamt große Fortschritte gemacht hätte, müsste die Anerkennung ausländischer Qualifikationen noch gezielter und schneller angegangen werden – beispielsweise in Verbindung mit Nachqualifizierungen und berufsbezogener Sprachförderung.

Para yok? Pas de problem !
Ein wenig distinguierter ist das Dilemma aber bei den Jugendlichen, die im Migrationshintergrund wüten – an den schönen Statistiken, na primer (beispielsweise). Gut 30% von ihnen, die im Ausland geboren sind, können Deutsch nur schlecht lesen und schreiben. Die hier zur Welt gebrachten Banditen hingegen sind nur 17% so doof, liegen aber dennoch 50% unter den Deutschen Schlaubis ohne MiHi. Ebenso greift der Internationale Migrationsausblick der OECD auf, dass die Steuerung der Arbeitsmigration ein Punkt sei, den die jeweiligen Staaten nicht vom Radar verlieren sollten.

Sonst biegen die Arbeitsmigranten noch irgendwo und unbeobachtet ab und schon finden sie sich in den FĂĽhrungsetagen der Global Player wieder, so wie Anshuman Jai. Der stand ja auch irgendwann vor der TĂĽr des Board of Management der Deutschen Bank und JĂĽrgen Fitschen konnte gerade noch Indervenieren und verhindern, dass die Human Ressources Anju in Richtung Call Center bzw. Softwareentwicklung schickte.

Gut, dass der Trend mittlerweile in Richtung „Interessensbekundung“ geht, so die OECD. Dies ermögliche es den Arbeitgebern, aus einem Pool interessierter und geeigneter Migranten auszuwählen.

Die Probleme mit den Italienern  © Marcello Buzzanca

Die Probleme mit den Italienern © Marcello Buzzanca

Kanada zeigt sich hier als Pionier und will Anfang 2015 ein solches Modell einfĂĽhren. Und zwar rektal, also hinten herum. Sonst schluckt die BĂĽrokratie noch die groĂźen Fische aus dem Bassin der Bachelor-Arbeitswanderer und am Ende bleiben die Kanadier wieder auf ihrer Fischfangquote sitzen.

Blaumann oder Blue Man Group?
Parallel zu dieser Frage spalten sich auch die Weggabelungen zwischen einerseits OECD und andererseits Bundesregierung. Oder aber sie treffen sich im Niemandsland der Nivellierungen. So legte Innenminister Thomas de Maiziere dem Kabinett jetzt einen Entwurf zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung vor. Volker Beck titelt daher in seiner Pressemeldung: „Bundesregierung schert sich einen Dreck um die Grundrechte von AusländerInnen“ und überhaupt sei es erbärmlich, dass die SPD ein solches Vorhaben unterstützt. Doch, worum genau dreht es sich eigentlich in diesem grundlegenden Saustall? Ums Bleiben und ums Gehen und darum, ob man das eine darf oder das andere muss – so als Ausländer eben.

Kurz gesagt, darf man in Deutschland bleiben, wenn man mindestens acht Jahre ununterbrochen hier gelebt hat, wobei sich diese Frist auf sechs Jahre verringert, wenn man ein Kind hat. Damit wird doch die allseits beschriene Promiskuität von uns Ausländern Tor und Tür geöffnet. Das gilt umso mehr, als dass doch gerade die Jungen und Kriminellen nicht so gut lesen und schreiben und zählen können und sich dann fragen werden, ob es sich hier wohl um eine proportionale oder eine antiproportionale Zuordnung handelt:

Größe A (Anzahl Kinder) 0 1 3
Größe B (Wartezeit bis Aufenthaltsgenehmigung) 8 6 4

Was die anderen Quarantäne-Kriterien angeht, herrscht etwas Schwammigkeit in den filetierten Formulierungen. So mĂĽsse der bleibewĂĽtige Ausländer seinen Lebensunterhalt „ĂĽberwiegend durch Erwerbstätigkeit“ sichern, sich zur „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ bekennen und „ĂĽber hinreichende mĂĽndliche Deutschkenntnisse“ verfĂĽgen. Ăśberwiegend durch Erwerbstätigkeit seinen Lebensunterhalt sichern?? Wie bitte soll das gehen, wenn qualifizierte Fachkräfte Fäkalien schaufeln mĂĽssen, um zu ĂĽberleben? Oder wenn ihre Berufe sich nur schwer im Irrgarten der Berufskennziffern finden lassen und sich ihre AbschlĂĽsse aufgrund fehlender mĂĽndlicher Deutschkenntnisse in Luft auflösen.

Nils Holgerson getragen von Migration. © Marcello Buzzanca

Nils Holgersson getragen von Migration. © Marcello Buzzanca

Bombero – Facchino und korrektives Kolorieren
Diesem ganzen Trubel aus Transverbalien ist neulich auch mein Freund Pedro aus Spanien zum Opfer gefallen. Der ist von Beruf Feuerwehrmann und wollte sich seinen Abschluss hier anerkennen lassen. Und schon haben sie ihn verhaftet und ausgewiesen. Ist aber auch seine Schuld. Er hätte doch sagen können, dass Bombero das spanische Wort für Feuerwehrmann ist. Aber ja, die gute Frau von der Arbeitsagentur ist eben nervös geworden, hat Bombero gehört, den Schwarzkopf vor sich aufgeregt gestikulierend gesehen und gedacht: Scheiße, en spanischer Taliban! Und zack war das SEK da und hat Pedro mitgenommen.

Bei Luigi war das wieder anders. Der ist facchino (fakkino), also eigentlich Gepäckträger und anders als Herr WeiĂźkopf vom Arbeitsamt kann Luigi kein Englisch: „Watt sin Sie von Beruf? Fakkino?“ Luigi nickt und schĂĽttelt dabei seine öligen Locken. „Hmm, tut mir leid, aber Vakanzen in der Erwachsenenunterhaltungsindustrie haben wir zurzeit keine!“ Klammern wir an dieser Stelle die Story ĂĽber meine chinesischen Freunde aus, die sich immer darĂĽber gewundert haben, dass mein Kumpel Lothar blond ist. Denn obgleich die Haarfarbe ja irgendwo auch ein distinktives Merkmal ist, lässt sich dieses ja schnell korrektiv kolorieren.

Der Gondoliere der Misere
Wenn man aber seine Kutte niemals ablegen kann, einfach weil das so nie gedacht war, wird’s schwierig im Kosmos der Berufskennziffern. Nehmen wir beispielsweise Charon, den Fährmann auf dem Styx, dem Totenfluss der griechischen Unterwelt. Keine Ahnung, ob Charon wirklich Grieche ist, aber zur EU gehört die Unterwelt in jedem Fall. Der Strukturfonds der EU beschließt plötzlich eine Brücke zu bauen über den Styx. Die Folge: Charon wird arbeitslos und „übermigriert“ von unten nach oben und nach Deutschland.

Als pflichtbewusster und arbeitssuchender Migrant ist seine erste Station die Agentur fĂĽr Arbeit. Die sagt ihm: 7251100! Das ist die BKZ – die Berufskennziffer fĂĽr Fährschiffer/Binnenschifffahrt. Und weil in Deutschland genĂĽgend Schiffer unterwegs sind, schicken sie Charon zu einem Personalvermittler. Und der fragt ihn: „Sprechen Sie Italienisch?“ Und Charon schĂĽttelt den Kopf bzw. die Kapuze. Und der Personalvermittler sagt: „Macht nix, werden Sie da sowieso eher selten brauchen!“ Und dann kassiert er eine prächtige Prämie, weil er Charon vermitteln konnte. Und das auch noch ins Ausland und damit aus dem deutschen Sozialsystem raus. Direkt nach Venedig. Als Gondoliere der Misere.

Die Misere des Gondoliere ©Marcello Buzzanca

Die Misere des Gondoliere ©Marcello Buzzanca

Gut, also Charon ist angekommen, aber was war denn jetzt mit den ganzen Ausländern, die immer noch auf Anerkennung warten – oder drauf, endlich eine BKZ zu bekommen? Die machen sich hoffentlich bald auf den Weg in Richtung Wagnis. So wie ein Kumpel Ahmed beispielsweise. Der wollte nach Hamm ziehen, weil er unbedingt ein HAM:AM Kennzeichen wollte. Dann habe ich ihm erklärt, wo Hamm liegt und er hat den Plan aufgegeben. Nach Schweinfurt wollte er aber auch nicht und Hammelbach war ihm zu nah an der WeinstraĂźe. Wahrscheinlich hätte Ahmed gerne einfach ein Welcome Center anfahren können, wo ihm dann haarklein dargelegt worden wäre, was der Unterschied zwischen Willkommens- und Anerkennungskultur ist und welche Kultur in welchen Phasen eines modellhaften Zuwanderungsprozesses – d.h. während Stationen wie „Vorintegration“, „Erstorientierung“ und „Etablierung in Deutschland“ – genau greift. Kurz gesagt: Wo stehe ich eigentlich, wenn ich eigentlich zwischen zwei StĂĽhlen sitzen sollte, aber auf keinem Platz nehmen darf, weil mir beide immer wieder vor die TĂĽr gestellt werden – und zwar vor genau die TĂĽr, hinter der ich sitze und durch die ich keinen Einlass erhalte?

Integration + Investition = Interagtionale Inversion
Integration soll bilaterale Investition sein. Das und mehr mahnt die aktuelle Publikation „Migrationspolitik im Fokus“ der OECD an. In diesem e-Paper geht es viel um Effizienz, Kompetenz und fiskalische Effekte der Zuwanderung. Aber auch Diskriminierungen aufgrund „ausländisch“ klingender Namen werden angesprochen. Wenn also mein Name Mark Zanker wäre, hätte ich nicht so viele Bewerbungen schreiben müssen, die am Ende abgelehnt wurden. Das wiederum hätte mich Porto und Zeit sparen lassen. Diese Ressourcen wiederum hätte ich in BIP-relevante Investitionen fließen lassen können. Also beispielsweise in noch mehr Bier. Mit diesem intus, fallen meiner Meinung nach Diversitätsmaßnahmen gegen Diskriminierung sehr viel leichter bzw. wird man latenter Ausländerfeindlichkeit gegenüber lallend toleranter. Man wird schnell zu „unserem Italiener“ und erfährt auch noch so kleine Details vom letzten Gardasee-Trip der Familie Müller und warum die Pizza Punjab-Style bei Paolo die beste ist.

„Der Ausgangspunkt fĂĽr die Integration ist eine Bestandsaufnahme der Kompetenzen der Zuwanderer“. Auch das steht in „Migrationspolitik im Fokus“ und bedeutet, dass es am Ende doch keine Fortschritt gibt, was Migration heute und Gastarbeiter gestern angeht: Auch mein Vater wurde bei seinem Arbeitsantritt in Deutschland vermessen, gewogen und auf Krankheiten untersucht. Auch er wurde katalogisiert – im Sinne einer Investitionsinventur, also Bestandsaufnahme der Möglichkeiten des Migranten und der aufzuwendenden Mittel, diese entweder nutzen zu können oder eben schnell die Schotten auf dicht zu schalten. Je nachdem, was eben weniger kostet und mehr bringt. „Zuwanderer sind eine Ressource, kein Problem, aber das hohe Potenzial wird noch nicht vollständig genutzt.“ Das sagt Angelb GurrĂ­a und die Bertelsmann Stiftung zählt auf, dass „6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass 2012 fĂĽr einen Ăśberschuss von 22 Milliarden Euro gesorgt haben.“

Am Ende ist Integration also ein Geschäft – auch laut Defintion der OECD. „Ein neuer Trend besteht darin, dass Unternehmen in ihrer Arbeitsorganisation durch freiwillige DiversitätsmaĂźnahmen gegen Diskriminierung vorgehen.Dazu gehören freiwillige Audits in Bezug auf mögliche diskriminierende Einstellungspraktiken und MaĂźnahmen zur Diversifizierung der Belegschaft. Derartige Anstrengungen können durch von den öffentlichen Arbeitsverwaltungen bezahlte Berater unterstĂĽtzt werden.“

Und damit wären wir wieder beim Arbeitsamt und bei Jobs für Ausländer, die deren Qualifikation entsprechen. Denn wer könnte Unternehmen besser in Sachen Diversität und Diskriminierung beraten als Menschen, die immer wieder diskriminiert wurden, weil sie anders arbeiten, aussehen, beten, essen und sprechen?

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.