Mutterschutz für Sprachen? Izmir neu!

Mutterschutz für Sprachen? Izmir neu!
Mutterschutz für Sprachen? Izmir neu!

Den 21.Februar jeden Jahres hat die UNESCO für sich geblockt – für den Internationalen Tag der Muttersprache. Gut für mein Blog, wiederum. Denn so kann ich in meiner Muttersprache auch mal über meine Vatersprache schriftlich sprechen: Das Sizilianische. Dieser dolle Dialekt ist vom Aussterben bedroht, zwar nicht hochgradig, dafür aber sehr vulnerable. Das zumindest suggeriert der Atlas of the World’s Languages in Danger der UNESCO. Dabei ist der Gefährdungsgrad meiner Vatersprache nicht mal wirklich hoch bzw. gibt es Sprachen, die echt ärmer dran sind.

Das Sizilianische - Wunderbar verwundbar. ©Moseley, Christopher ed.. 2010. Atlas of the World’s Languages in Danger, 3rd edn. Paris, UNESCO Publishing

Das Sizilianische – Wunderbar verwundbar. ©Moseley, Christopher ed.. 2010. Atlas of the World’s Languages in Danger, 3rd edn. Paris, UNESCO Publishing

 

Reichlich gehegter ist dagegen der Schutz der  Muttersprache auf heimischem Terrotorium. So wundert es nicht, dass sie in der Beliebtheitsskala ganz oben steht, zumindest bei denen, die sie sprechen und ungern anderen Kauderwelsch hören wollen. Von einer „Hierarchie der „Muttersprachen“ berichtet daher auch die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Gogolin. Sie nennt Kanada und Australien als Vorbilder, was die gleichberechtigte Integration unterschiedlicher Muttersprachen in einer Gesellschaft angeht. Gut 250 Sprachen werden dort gesprochen. In Hamburg beispielsweise nur 120. Und außerdem wird da ja auch eher geschnackt als gesprochen.

Freisprechanlage für Vielfalt
Weiterhin gibt es natürlich noch die „Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ und die Festlegung, dass der „Schutz und die Stärkung der geschichtlich gewachsenen Regional- oder Minderheitensprachen Europas einen wichtigen Beitrag zum Aufbau eines Europas darstellen, das auf den Grundsätzen der Demokratie und der kulturellen Vielfalt im Rahmen der nationalen Souveränität und der territorialen Unversehrtheit beruht“. Weder die „Dialekte der Amtssprache(n) des Staates noch die Sprachen von Zuwanderern“ werden hier aber berücksichtigt.

Und so müssen unsere Kanakspraaks draußen bleiben. In ihren eigenen vier Wänden oder im Rund unserer Köpfe. In der Pizzeria und in der Dönerbude. Nur, wie soll man sich angesichts des kontinuierlichen Ratschens des Messers, Knistern der Pizza-Kartons, ständigen Störens durch Styropor-Peking-Ente-süß-sauer und Drehen des Dönerspießes nur verständigen und verstehen? Da muss man doch mal an die frische Freisprechanlage – beispielsweise zu Lidl auf den Parkplatz. Da nämlich gelten ganz andere Sprachregelungen, ist das Italienische hier doch eine der beliebtesten Verkehrssprachen.

Was die Sprachstunde so schlägt
Der Beweis: Ein Mann irrt etwas verloren zwischen den Parkbuchten des Discounters umher. Er schaut auf die Schilder, dann auf mich, dann auf mein Kennzeichen. Und er fragt mich: Nga jeni shqipëria? Und ich sage. Was?? Und er sagt: Ah, ich dachte, du bist Albaner. Woher kommst du? Aus Italien! Ah, ho vissuto 13 anni in Italia e adesso mi trovo qui! 13 Jahre hat er in Italien gelebt, klagt er mir sein Leid. Und jetzt sei er hier – und seine traurigen Mundwinkel weisen auf den harten Boden des Sauerlands. Und dann fragt er mich noch, wie lange man hier parken dürfe. Ich sage: Eine Stunde, aber nur mit Parkscheibe – wobei mir das italienische Wort für Parkscheibe einfach nicht einfallen will. Ihm, dem italo-parlierenden Shqiptar aber sehr wohl: Disco orario!

Hätte ich ihm vor meiner Instant-Italienischlektion gesagt, dass ich nuk kuptoj, hätte er sich wohl verarscht gefühlt. Oder geehrt. Denn in der Regel dreht sich das Vokabel-Karussell ja eher anders herum. Normalerweise sagen wir jemandem, der sich uns in einer uns unverständlichen Sprache zuwendet, auf unserer Muttersprache, dass wir ihn nicht verstehen. Dass ihm das nicht hilft, sei dahingestellt.

Appzarrapp
Auch deshalb plädiere ich für eine multilingualen App, die jede Stadt, Gemeinde und Kommune ihren Bürgern kostenlos und im Sinne konsistenter Kommunikation zur Verfügung stellen muss. Ihre Funktion: Kommt so ein Nixversteher auf einen zu und man droht, in seinem Fremdwörterschwall zu ertrinken, zeigt man ihm sein Smartphone. Wenn er kein Abzieher ist, behält man es sogar. Dann soll er seinen Satz ins Mikro sprechen. Die App erkennt die Sprache und spuckt sofort die magischen Sätze in seiner Muttersprache aus und liest sie(ri) sogar vor: Entschuldigung, ich verstehe Sie nicht. Bitte wenden Sie sich an einen Kanaken, der aus dem gleichen Loch wie Sie gekrochen ist. Vielen Dank und schönen Tag noch! Hade tschüss, ciao, ciao bacalao und vidimose na utru!

Kein Wiedersehen werden hingegen die 1 Milliarde US-Dollar mit ihren eigentlichen Besitzern feiern. Diese Summe nämlich hat eine multikriminelle Cyber-Gang von Bankkonten weltweit gestohlen. Der Name der Gigabyte-Ganstaz: Carbanak. Diese Bezeichnung scheinen sie sich selbst gegeben zu haben. Und wenn sie es nicht getan hätten, wäre irgendjemand schnell darauf gekommen: Canak + Bank = Direktabhebung per ÜberweisungsforMullah. Natürlich macht das überflüssige R da zu schaffen, aber das lässt sich auch einfach unter den Tisch kehren. Und wenn der im Bierzelt in Bayern steht, merkt sowieso keiner mehr, dass die Ähnlichkeit von Carbanak zu Schabernack doch frappierend ist.

Fangfalle Verständigung. © Media-ID: 1065025/clipdealer.de

Fangfalle Verständigung. © Media-ID: 1065025/clipdealer.de

FSJ und der Himmel über Passau
Schabernack treibt man ja am liebsten zu Karneval bzw. Fasching. Das wissen die Parteien natürlich auch und lagern ihre drögen Polit-Parolen dann gerne mal auf den Aschermittwoch aus. Dann besaufen sie sich an ihren Bollwerken der Parolen, während die anderen Volleulen sich schon die Muttersprache weggesoffen haben. Manchmal aber lohnt sich das Zuhören. Wenn zum Beispiel Horst Seehofer sein Bayern als die Vorstufe zum Paradies beschreibt und dabei artig gen Himmel schaut und darauf hofft, dass ihm Franz Josef Strauß nicht auf das Haupt scheißt.

Aber Seehofer ist nicht der einzig Inkompetente im Inkontinenzteam, der den nahenden 100. Geburtstag des Polter-Patriarchen fürchtet. Auch Äh…dmund Stoiber hat Angst davor, dass der fette Tote ihn immer noch in den Schatten stellt. Also holt er seitlich aus und macht die Räume eng: Rechts von der Union darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Und Pegida und Co. sind weder demokratisch noch rechts von der CSU. Aber sie werden legitimiert – von Politikern, die die Sorgen der Faschos ernst nehmen wollen und sich dabei zu Deppen machen. Auch dann, wenn keine Narrenzeit ist.

Gut, dass wir einen Cemp haben, der klar sagt, worum es eigentlich geht: Er vermutet, dass Hanf bei der CSU schon legalisiert sei. Kiffen bei den Christsozialen? Cool. Roll a blunt, Bayern. Kiff den Kuhmist und lass mal Moschee gehen. Nein, sagt Stoiber. Kein Kalifat in Deutschland! Und: „Hier gibt es keine Peitschenhiebe für Blogger.“ Gott sei Dank und FSJ gelobt!

Infografik: Griechenland-Finanzhilfe in Kleingeld? | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Dann kann ich ja unbesorgt weiterschreiben, beispielsweise über Bernd Lucke, Armleuchter fom Dienst. Er nämlich steht nicht so auf Bierzeltparolen, sondern auf blitzkrieggescheitelte Schenkelklopfer, vermutet er doch, dass der Abschieds-Ouzo beim Griechen um die Ecke die letzten Jahre zwar kostenlos, aber nicht umsonst gewesen sei. Stimmt, denn als Zugabe heißt es jetzt Sirtaki-Polonaise bis nach Brüssel und Berlin und zurück und Bouzuki und bajuwarische Blaskapelle spielen dazu. So wären wir am Ende wieder bei Sprachen, die jeder versteht. Und die Musik gehört ohne Zweifel dazu – auch mit Misstönen.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.