Ortstermin zur Engagementalität

Ortstermin zur Engagementalität
Ortstermin zur Engagementalität

Wer sich in Kreisen und Zirkeln bewegt, läuft nicht selten Gefahr, die Kurve zu kriegen. Und die führt bei zyklischen Gebilden unweigerlich dazu, dass es wieder zurück in den Kreislauf geht. Gut, dass das 2. Arbeitskreistreffen zum Aufbau des neuen interkulturellen Engagementzentrums E in Unterhüsten in einem eckigen Raum, ganze ohne Stuhlkreis, dafür zu Beginn aber mit Stühlerücken beginnt. Der Raum füllt sich, was das Interesse an dieser geplanten Begegnungsstätte für bürgerliches Engagement jeder Art und Weise widerspiegelt.

Gut 30 Menschen finden sich am Ende zur sprachlichen Einweihung des Migrationsmonuments ein. Korrektur: NUR für Geflüchtete, Bestandsmigranten und Gutbürger im besten Sinne des Wortes sei das E nicht geplant, aber eben AUCH. Und so heterogen und hier und da lose oder auch etwas fester verbunden wie die Anwesenden untereinander und miteinander sind, zeigt sich auch das Konzept des Engagementzentrums: Eher noch ergebnisoffen, was vor allem die Belegung und Raumplanung angeht.

Schaubildliches Integrationsengagement ©Liberto Balaguer/plan-lokal

Schaubildliches Integrationsengagement ©Liberto Balaguer/plan-lokal

300 m² Integratives
Immerhin geht es darum, rund 300 m² mit vielfältigem Leben und Angeboten zu füllen – und das auch dank eines Zuschusses von knapp 290.000 EUR. Ein Tausender pro m² für einen Kessel integrativen Buntes also. Ermöglicht wird der Bau des E durch das NRW-Sonderprogramm „Hilfen im Städtebau für Kommunen zur Integration von Flüchtlingen“. Die Stadt Arnsberg hatte sich wie fast 300 Kommunen in NRW dafür beworben und wurde zusammen mit weiteren 146 Projekten aus 100 Städten und Gemeinden in NRW ausgewählt. 72 Millionen Euro war der Fördertopf schwer, ein Zeichen dafür, wie sonderlich wichtig NRW-Bau- und Stadtentwicklungsminister Michael Groschek die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Städtebau-Alltag ist.

Die Leiterin des künftigen Engagementzentrums E eröffnet das Arbeitstreffen. Ich schau zur anderen Seite des Raums und entdecke meinen syrischen Nachbarn, den ich sonst nur sehe, wenn er seinen Sohn zum Kindergarten bringt und der sich schon eine Ansage seitens meiner Yugo-Nachbarin eingehandelt hat, weil er seinen Müll in ihrer Tonne entsorgen wollte. Nicht böswillig, sondern einfach unerfahren in Sachen Zuführen von Reststoffen in vorgeschriebene Behältnisse.

05 Leitkultur, 2015 © Thomas Plaßmann

05 Leitkultur, 2015 © Thomas Plaßmann

Elegisches Engagement
Es übernimmt nun ein Herr vom beauftragten Projektentwickler mit migrationsperspektivischem Namen und einer netten Idee, was wiederum die Perspektive seiner Präsentation und Moderation angeht: Statt Flipchart-Papier benutzt er Tapeten um zu zeigen, dass „wir noch nicht soweit sind.“ Interkulturelle Begegnungen in progress – bautechnisch, jedenfalls.

Ich fürchte schon, dass das E in Engagementzentrum nicht nur für Eigenständigkeit, soziales Einbinden und Erfolgserlebnis steht, wie es in Presseberichten zu lesen war, sondern auch für Elegisch, was diesen Arbeitskreis hier angeht. Aber nein, es wird durchaus spannend und unterhaltend. Anfangs scheinen mir die Aufforderungen des Moderators ein wenig wie der Versuch, nicht nur das Eis im E zu brechen, sondern das Engagement vielmehr zu reanimieren. Ein wenig bange ich mit dem Herrn, dass doch endlich die ausgeteilten gelben Kärtchen mit Vorschlägen beschriftet würden, um sie dann an die Multifunktionsintegrations-Pinnwand zu nageln. Und tatsächlich regen sich die ersten Finger und schreiben ihre Belegungswünsche auf die Zettel.

Fragebogen wirft Antworten auf © Stadt Arnsberg

Fragebogen wirft Antworten auf © Stadt Arnsberg

Teleportation auf Tamil
Ein Stammtisch für Flüchtlinge und Nachbarn mit Tafel und eventuell einem Beamer, um sozusagen das Verständnis zwischen beiden Gruppen bei Bedarf zu teleportieren. Ein Elterncafé mit Kinderecke und Spielteppich, aber bitte keiner aus dem Gebetsraum, welcher als Wunsch zum Schluss auch noch seinen Platz an der Pinnwand findet.

Ein Tamil-Kurs soll auch angeboten werden. Der wiederum besteht seit über 15 Jahren und beherbergt in seiner derzeitigen Räumlichkeit 43 Lernende. Es geht beim E also auch darum, neue Räumlichkeiten für alte Kurse zu finden, d.h. um Migration im wirklichen Sinne. Aber deswegen sind wir doch auch hier. Und deswegen wird es auch den Literaturkreis der Senioren hierher verschlagen. Die werden nämlich demnächst ausquartiert, weil ihre eigentlichen Räume jetzt für die Kinderbetreuung gebraucht werden. Clash of Generations hautnah.

Migran-Tisch
Beim Thema Tische und Stühle wird die syrische Engagementfraktion auf der anderen Seite des Raumes zurückhaltend. Vielleicht so maximal 10, sagt einer der Männer recht schüchtern.

Hat auch Halal ©Marcello Buzzanca

Hat auch Halal ©Marcello Buzzanca

Klar, eine Küche zum Kochen muss auch her, weil bekanntlich das Migran-Tische die beste Zutat für Völkerverständigung ist. Und ein Café, gleich im Foyer, am besten. Shisha-Bar hat keiner auf sein Kärtchen geschrieben. Könnte auch eng werden mit dem Platz, denn die Bestandsausländer haben sich schon ihre Räume reserviert. Und außerdem waren Türkiyemspor und der Portugiesische Kulturverein früher da, auch in diesem Gebäude. Der Circolo Italia hat sich derweil noch nicht gemeldet und drischt die Karten auch weiterhin auf altbekannte Tische.

PoetrYnternational Slam
Das eigentliche Integrationsengagement entfaltet sich für mich erst, als die Begehung des Gebäudes beginnt und der Arbeitskreis sich für heute auflöst. Ich komme ins Gespräch mit dem netten Herrn des Projektentwicklungsbüros. Spanier sei er und mit 6 Jahren nach Deutschland importiert worden. Wir tauschen uns noch etwas über Gemeinsamkeiten unserer Post-Gastarbeitergenerationserfahrungen aus und dann verabschiede ich mich in Richtung Räumlichkeiten, während ich hinter mir höre, dass es den Aktiven der Flüchtlingshilfe ein bisschen zu wenig Integration in der Belegung der Räume ist.

Vae victis in der Willkommenskultur

Vae victis in der Willkommenskultur

Alles noch etwas karg hier, wobei mir klar wird, dass dennoch Zeichen gesetzt wurden, damit klar ist, nach wessen Orgelpfeife hier integriert wird und wenn’s mit dem Deutschen nicht so klappt, werden eben Lateinische Zitate gepaukt, bis verstanden wird, das dem Diktum Vae victis auch in der Willkommenskultur eine Bedeutung zukommt.

Hast Du Integrationstöne!

Hast Du Integrationstöne!

Ich suche die Bühne. Für die nämlich hätte ich tatsächlich eine Verwendung : Der 1. PoetrYnternational Slam, bei dem die Künstlerinnen und Künstler ausschließlich Sprach-Misch-Masch-Reime vortragen dürfen.

Doch finden kann ich meine künftige Wirkungsstätte als Organisator einmalig interkultureller Kleinkunst leider nicht. Noch nicht, denn schließlich befinden wir uns in Sachen Integrationsprozess noch in progress.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.