Roberto Giardina: Lebst du bei den Bösen?

Roberto Giardina: Lebst du bei den Bösen?
Roberto Giardina: Lebst du bei den Bösen?

Das deutsch-italienische Verhältnis – nicht erst seit der Varusschlacht eine mit Liebe, Hass, Abneigung, Angst, Aggressionen , Bewunderung und Stereotypen-Staffing behaftete und mitunter belastete Beziehung. Welcher Weg wäre also besser, dieses italo-deutsche Mit-, Gegen- und Nebeneinander zu beschreiben als in einem Dialog? Das genau macht der italienische Schriftsteller und Journalist Roberto Giardina in seinem Buch Lebst du bei den Bösen? Deutschland – meiner Enkelin erklärt (erschienen im Launenweber Verlag) Und er macht es gut, liebevoll und mit großer Hingabe zum Detail historischer und persönlicher Natur.

Als langjähriger Korrespondent der italienischen Tageszeitungen Il Giorno und La Nazione kann Giardina dabei aus dem Vollen seines reichhaltigen Fundus schöpfen, hat er doch während der Jahrzehnte seiner journalistischen und publizistischen Tätigkeit in den sukzessiven Hauptstädten Deutschlands gelebt, gearbeitet, gefragt und Antworten bekommen- in Interviews mit großen Namen und Kriegsverbrechern. Und eben auch im Zwiegespräch mit sich und seiner Enkelin. Dieser erklärt er in Lebst du bei den Bösen?, wie er Deutschland, die Deutschen, Italien und die Italiener (In Deutschland) im Wandel der Weltgeschichte erlebt hat. Über  Dario Fo, der cleverer als Günther Grass in Sachen Vergangeheitsverlegenheit und Nobelpreis war, über Roberto Benigni, Hort Buchholz und Peter Pan, den Führerbunker, die Mauer und deren Fall bis hin zur Merkels „Wir schaffen das!“

Feingewobene Rahmenhandlung
Dabei spannt Roberto Giardina einen weiten, großen und gleichzeitig tiefgehenden Bogen, einen hübschen und mitunter auch sch(m)erzhaften Rahmen, den er mit großer Aufmerksamkeit, profundem Wissen und Leichtigkeit um die Dialoge mit seiner acht und später sechzehnjährigen Enkelin Francesca, die in Rom lebt, webt. In schönen Anekdoten reflektiert er das deutsch-italienische Verhältnis aus unterschiedlichen Perspektiven – nicht nur aus dem deutschen und italienischen Blickwinkel, sondern auch aus seiner eigenen, alternierenden Sicht.

Er, der er ja seit Mitte der 1980er Jahre in Deutschland lebt und arbeitet, stellt in seinem Buch das Gut-Böse-Paradigma auf einen, seinen Prüfstand und ermöglicht es uns, Deutschland mit den Augen eines italienischen Kindes/Teenagers zu sehen. Innen- und Außenperspektive auf das „Land der Bösen“, auf Kriegsverbrecher der NS-Zeit, auf Schuld, Sünde und Sühne, Versöhnung, Angela Merkel, die Flüchtlingskrise und den Euro. Und ja, natürlich auch auf den Fußball und auf Stücke der Berliner Mauer, die in Neapel hergestellt werden.

Italiens Europa liegt mitten in Deutschland
Es geht um Italien innerhalb Deutschlands und um Deutschland in Italien, um Gastarbeitercafés und die Villa Massimo und die Villa Vigoni, um Europa wie es mal war, hätte werden können, heute ist und künftig (nicht) mehr sein wird. Im Kern all dieser Disparitäten, Differenzen, Gemeinsamkeiten und Verbindungen stehen Deutschland und Italien, Roberto Giardina (Nonno, also Opa) und seine Enkelin. Zwei unterschiedliche Generationen, die in und durch Deutschland und Italien verbunden sind. In einem europäischen Haus, aber in unterschiedlichen Appartements und mit sehr voneinander differierenden Berechnungsmethoden, was die gerechte Verteilung der Instandhaltungs- und modernisierungskosten für dieses gemeinsame Perpetual-Work-In-Progress-Projekt angeht:

„Unsere Europäische Union ist wie ein Mehrfamilienhaus. In deinem Wohnhaus zählt bei
der Wohneigentumerversammlung nicht nur die Stimme jedes Eigentümers, sondern man berechnet auch die Quadratmeter der einzelnen Wohnungen. […] Als in Polen die Zwillingsbruder Lech und Jarosłav Kaczynski an der Macht waren, verlangten sie, dass zur Berechnung der Stimmanteile bei europäischen Wahlen für ihr Land auch die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg ermordeten Polen hinzugezahlt wurden sowie deren hypothetische Kinder und Enkel, die sie hätten zeugen können. Sie wollten, dass die Toten ein Mitbestimmungsrecht bekämen, ebenso wie ihre nie geborenen Kinder.“

„Der (Euro] ist wie ein Fußball, der von allen Beteiligten gekickt wird. Die Italiener schmettern ihn ins Abseits, die Deutschen ins Tor. Der Euro trägt keine Schuld daran.“

Kein Zweifel, die Deutschen sind keine Nazis mehr, aber sind sie vielleicht auf andere Weise bose? Leidet Europa weiterhin wegen der Deutschen, an den Deutschen? Ist Angela Merkel schuld, wenn Francescas Mutter, meine Tochter, und ihr Vater klagen, ihre Lohntüte werde Monat um Monat schmaler?

Mille Lire Marcello ©Marcello Buzzanca

Mille Lire Marcello ©Marcello Buzzanca

Sprache sondergleichen
Roberto Giardina vermag es, das Große des deutsch-italienischen Verhältnisses ebenso akkurat und amüsiert zu beleuchten, wie es ihm aber auch gelingt, den Blick auf scheinbar triviale Details zu lenken, die aber ebenso bezeichnend und bestimmende sind für das Verhältnis der Halbinsel zu Deutschland und umgekehrt:

„Sie (die Deutschen) sind immer irgendwie involviert, weil Deutschland im Herzen Europas sitzt. Und deshalb muss man Deutschland verstehen, wenn man die europaische Vergangenheit verstehen will.“

Ebenso, so Giardina, muss man eigentlich auch Deutsch verstehen und sprechen, wenn man in Deutschland lebt und arbeitet, auch als Journalist: Eine „linguistische Kolonisierung“, nennt er es beispielsweise, wenn Giardina davon erzählt, wie Guido Westerwelle und Gerhard Schröder auf Fragen von Journalistinnen und Journalisten reagierten, die diese auf Englisch gestellt hatten, die Antworten aber auf Deutsch bekamen. Oder wie eine italienische Kollegin ihre Fragen auf Deutsch von einem Blatt ablas und Gerhard Schröder einfach nichts verstand. Meiner Vermutung nach so, als würde ein Deutscher die Speisekarte in einem italienischen Restaurant vorlesen und der Kellner dann freundlich sagen: Mi dispiace, aba ische abe nikis ferstanda! Können Sie das auf Englisch wiederholen und darf ich Ihnen dann auf Italienisch antworten?

Sonderfälle
Neben diesen Bundespressekonferenzen-Insights gibt Roberto Giardina noch andere herrliche Überlegungen zu Buche, wenn er beispielsweise erklärt, dass die Italiener dem deutschen Begriff „Sonder“ auf den Leim gegangen sind, weil sie dachten, dass Sonderschule ein Lern- und Lehrort für besonders Begabte sei oder auch, dass Federica Mogherini davon ausging, dass sie als Sonderkommissarin eine Stufe über ihren Kollegen stehen würde, sie aber tatsächlich weniger Befugnisse besitzt als ein Kommissar für Landwirtschaft oder Energie.

Günther kennt den Weg

Günther kennt den Weg

Und es sind auch traurige Sonder dabei, beispielsweise Giardina selbst: „Als Sonderberichterstatter war ich dauernd auf Reisen. Einen Tag lang oder einen Monat, von einem Ort zum anderen. Wenn ich dann endlich wieder nach Hause zuruckkehrte, waren jene vergangenen Wochen meines Lebens, meiner Zeit, wie ausgeloscht. Ich war an vielen Orten gewesen, aber ich hatte nirgendwo gelebt.“

In sprachlicher Sonderstellung nicht zu vergessen sind schließlich auch die Kinder italienischer Einwanderer: „Der Prozentsatz italienischer Schuler, die in den Sonderschulen landen, ist hoher als derjenige ihrer türkischen Mitschüler. Sie (die Eltern der Kinder] leben in Deutschland und sind der Meinung, es sei nur fur wenige Jahre, doch irgendwann war es dann doch das ganze Leben. Und deshalb bemühen sie sich nicht, Deutsch zu lernen, schauen zu Hause über die Satellitenschussel nur italienisches Fernsehen. Und die italienischen Kinder integrieren sich nicht – oder zumindestweniger als die türkischen Kinder.“

Deutsch lernen in Italien: Harry Potter macht’s möglich und die Mandoline zunichte
Da tröstet es zu wissen, dass Giardinas Nichte Andreina an der Deutschen Schule in Rom tatsächlich auch Deutsch gelnert hat, wenn auch nur mit der Hilfe von Harry Potter, was auch daran gelegen haben mag, dass „die deutschen Lehrer meiner Nichte am Tiber gestrandete Teutonen waren, betört von der Meeresbrise, dem suffigen Wein und den Spaghetti, taumelig und benommen von der Sonne […].“ Ebenso versöhnlich: Roberto Giardinas Vater, Professor für italienische Rechtsgeschichte, zwar in der Lage war, in Frakturschrift verfasste deutsche mittelalterliche Manuskripte entziffern, nicht aber einen Kaffee in Deutschland bestellen konnte.

Besonders amüsant und entlarvend sind zudem die Passagen, in denen Giardina darüber spekuliert, welche italienischen Wörter Deutschen zuerst einfallen, wenn sie an Italien denken: Waren es vor gut 25 Jahren noch Pizza, Mafia und Mandoline, sind es heute Pizza, Meer, Pasta, Amore, Sonne und Mafia. Die Mandoline ist in Zeiten Elektronischer Musik wohl weggefallen: „Das Bild Italiens ist unverändert und stereotypisch.“

Arschtritt mit Stiefel und Versen. ©Peter Starke

Arschtritt mit Stiefel und Versen. ©Peter Starke

Das gilt aber auch für die den Italiener geläufigsten deutschen Wörter, Panzer, kaputt, Würste, Lager, Führer, Liebe, Fräulein. Man sieht auf den ersten Blick, auf welchen sprachlichen Schienen sich das deutsch-italienische Verhältnis mitunter festgefahren hat, was Giardinas Meinung nach auch daran liegt, dass italienische Regierungen seit jeher wenig bis nichts in die Förderung und Verbreitung der italienischen Sprache und Kultur investiert. „Als ich das vor vielen Jahren unserem Außenminister auf Staatsbesuch in Deutschland sagte, antwortete er mit der Gegenfrage, ob ich etwa die ≫Italianität≪ verteidigen wolle wie Mussolini. Sein Nachfolger wurde heute nur noch mit den Schultern zucken: besser Englisch lernen.“

Schlagartig Deutsch
Da soll einen doch der Schlag treffen – oder schlimmer noch, ein Schlaganfall wie Cristoforo Golisch in Luigi Pirandellos Leicht berührt. Der Protagonist erleidet einen Schlaganfall und spricht danach nur noch auf Deutsch, „der Sprache seiner Eltern, die er zuvor gar nicht beherrschte, während er nun die italienische Sprache komplett vergessen hat.“ Und wenn er Italienisch sprach, dann „mit einem veränderten Klang und einem fremden Akzent aus, ganz wie ein Deutscher, der sich bemüht, Italienisch zu spreche.“ Das Schönste an dieser Passage ist Giardinas Fazit: „Pirandellos Novelle suggeriert,dass man die deutsche Sprache nicht erlernen könne, sondern dass sie einen ≫treffe≪ und die Seele auslösche. Sozusagen eine Sprache für Pechvögel.“

Angela Merkel: La Befana mit Pickelhaube
„Angela Merkel und ihre Deutschen […] respektieren die Regeln und ergeben sich
nicht den Forderungen des Spektakels, der Fernsehmärchen. Sie verzichten auf eine simple Ruhrseligkeit, auf die Rhetorik, selbst auf die Gefahr hin, von der halben Welt beschimpft zu werden.“
Dier Satz drückt deutlich aus, wie groß die Bewunderung Roberto Giardinas für die Bundeskanzlerin ist, die von vielen anderen Europäern als Hexe gebrandmarkt und von englischen, französischen und polnischen Karikaturisten mit Pickelhaube und blonden Haaren dargestellt wurde. Dabei sei sogar Mario Draghi auf dem Titelblatt einer (nennen wie sie Zeitung) mit diesem preußischen Symbol für deutschen (Un)Tugenden geschmückt worden: „Er ist zwar Italiener, scheint aber ein Deutscher zu sein, lautete der Titel. Ein seltenes Kompliment.“

Hut ab, Herr Höcke_phixr ©Marcello Buzzanca

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Es zeigt aber auch den Unterschied vor allem zum italienischen Verständnis von Politik im Speziellen und den Hang zum Spektakel der Italiener im Allgemeinen. Und nicht zuletzt zeigt es, wie man als Italiener in Deutschland die italienischen Untugenden zu seinem Nutzen einsetzen kann. Was wiederum sehr italo-tedesco ist: „Ich benutze ›typisch italienisch‹ als Zauberformel, um meine Wunsche zu erfüllen. […] In Deutschland, versteht sich. Wenn ein Automechaniker, ein Angestellter an einem Schalter, eine Kassiererin im Supermarkt, der Verantwortliche eines Pressebüros, irgendjemand, von dem ich mir eine effiziente Dienstleistung erwarte, sich unprofessionell verhalt, einen Auftrag auf die lange Bank schiebt oder gar nicht ausfuhrt oder schlampig arbeitet, dann kommentiere ich: ≫Das ist typisch italienisch, ihr seid auf dem besten Weg, so zu werden wie wir.“

Giardina und ich: Gemeinsamkeiten über Generationen hinweg
Wioe bereits zu Beginne beschrieben, ist Roberto Giardinas Lebst du bei den Bösen?
Deutschland – meiner Enkelin erklärt ein dialogisches Buch, eines das von der Zwiesprache lebt, von Polaritäten sprachlicher, individueller und gesellschaftlicher Natur lebt. Die Dialoge finden innerlich und äußerlich statt, im heutigen Berlin, in der Villa von Albert Speer oder zu Hause bei Karl Dönitz und Adolf Galland. Sie zeigen das Verhältnis von Deutschland zu Italien und von den Italienern zu den Deutschen damals und heute – und jenseits von Gut und Böse, sondern sehr viel differenzierter.

Insofern spricht Giardina und ein wenig auch seine Enkelin auch meine Sprache. Die gemeinsamen Nennern beschränken sich dabei nicht nur auf einen kleines, ums Überleben kämpfendes Olivenbäumchen, auf das Bestreben, Latte macciato oder Brokkoli zu korrigieren oder auch darauf, den italienischen Schlendrian in Deutschland erbarmungslos umzuerziehen. Ich teile mit Roberto Giardina (neben den sizilianischen Wurzeln, die bei ihm älter und ergo stärker ausgeprägt sind) natürlich auch ein italienisches Bild von Deutschland, dass mich in Form von Kartuffel-Rufen meiner Freunde, Feinde und Familie in Sizilien (wobei sie bei der Aussprache versuchten, wie die Nazis aus den amerikanischen Kriegsfilmen zu klingen) immer noch begleitet.

Und ja, natürlich auch das verlorene Viertelfinale bei der EM 2016 und die Frage, für wen man bei WM Finale 2014 war, wo doch die argentinische Mannschaft quasi zur Hälfte aus „Italienern“ bestand und überhaupt Argentinien immer auch irgendwie eng zu Italien stand, nicht nur fußballerisch.

EM 1988

EM 1988

Giardinas Buch schärft meine italo-deutschen Blick auf Dinge, die ich wahrscheinlich wahrnehme, so aber nicht erkenne. Und entsprechend auch nicht bewusst fühle. Das alles trotz des Generations-Gap, der Roberto Giardina (Jahrgang 1940) und mich (Jahrgang 1972) unterscheidet und ihn eher mit meinem Vater (Jahrgang 1935) verbindet, auch wenn der ein „gewöhnlicher Gastarbeiter“ war und Giardina eben ein Korrespondent ist.

Dass sich Giardina eher als Expat als als Gastarbeiter begreift und ja auch ist, kann man hier und da lesen, beispielsweise wenn er von Gastarbeitercafés spricht. Oder auch die Tatsache, dass sein Buch Vivi tra i cattivi? La Germania spiegata a mia nipote von Bettina Müller Renzoni aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt wurde. Ist er am Ende doch nur ein Beobachter, der Bericht erstattet – über Deutschland und Italien, aus Deutschland und für Italiener oder auch für Deutsche, um Italiener besser zu verstehen? Es ist schwer zu sagen, wie tief seine deutschen Wurzeln ragen und/oder wie weit die italienischen radici über der Oberfläche liegen.

Nebulöses Olivenöl

Nebulöses Olivenöl

Am Ende zieht der Lebensbaum seine Energie sowohl aus dem Boden wie auch aus der Luft. Und die titelgebende Frage seiner Enkelin Francesca, die ja schließlich auch etwas mit Existenz, Exil und Domizil zu tun hat, beantwortet Roberto Giardina ebenso elegant wie nebulös: „Wenn ich in Rom bin, das heißt 1.526 Kilometer von meinem Zuhause in Berlin entfernt, lebe ich dann bei den Guten? Das ist die Frage. Wir Sizilianer haben die schreckliche Unart, eine Frage immer mit einer Gegenfrage zu beantworten. Doch wer auf einer Insel geboren wird, zieht immer alles in Zweifel, vor allem sich selbst.“

Roberto Giardina: Lebst du bei den Bösen? Deutschland – meiner Enkelin erklärt ©Launenweber

©Launenweber

Roberto Giardina: Lebst du bei den Bösen? Deutschland – meiner Enkelin erklärt

ISBN: 978-3-9817920-2-7
256 Seiten
Preis: € 22,00

Launenweber Verlag GmbH

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.