Seoul Man und das Migrations-Mantra vom Main

Seoul Man und das Migrations-Mantra vom Main
Seoul Man und das Migrations-Mantra vom Main

Für manche ist Migration ein Mantra, also eine Silben gewordene Beschwörungsformel, die man schreiend, flüsternd, sprechend oder auch ganz stumm und nur gedacht ständig wiederholt. Und je öfter man diese Repetition rezitiert, umso stärker rockt sie irgendwann. Und vor allem immer irgendwo anders. Sonst wäre es ja kein Migrations-Mantra. Ein Freund von mir ist in Sachen Mig-Mantra der Big Panda unter den Wohnsitzwechsel-Wiederholungstätern. Kurz gesagt, weiß er mitunter selber nicht, wo er seinen hummeligen Hintern endlich mal parken soll – und ob er das überhaupt will.

Ich vermute, dass dies seiner Kindheit geschuldet ist. Zu dieser Zeit nämlich war er ein wahrer Exot: Ein koreanisches Baby inmitten der süddeutschen Provinz Anfang der 1970er Jahre! Und schon hatte er die Titelstory der regionalen Zeitung für sich – plus Bild und Spitznamen, den ich hier nicht verraten darf. Dieser frühe Ruhm, so vermute ich, machte ihn von Kindesbeinen an zum Flüchtenden. Schnell weg aus der Ach-ist-das-ein-süßer-Ausländer-Ecke und raus in die Welt! Und so fand er sich während seiner Schul- und Studienzeit als Guide für koreanische Touristen auf den Autobahnen Deutschlands wieder, samt Sightseeing in Sindelfingen und Sossenheim und Eskapaden nach Seoul inklusive.

Nach vielen Jahren des Pendelns in Bussen und Besaufen mit (u.a.) Buzzanca, packte er dann seine Koffer und ließ UNS diese tragen und wuchten. Von Offenbach ins Frankfurter Nordend. Dabei waren auch zwei bullenstarke Bulgaren. Während sie mit einer Hand die Waschmaschine wuchteten, fragten sie (mich auf Italienisch), ob ich denn Hilfe bei der Zimmerpflanze bräuchte. Ich sagte: No, grazie! und schämte mich. Aber nur kurz, denn schließlich mussten wir ja noch den LKW der Bulgaren anschieben, damit dieses Diesel-Wrack samt Fracht das rettende Mainufer erreichen würde.

Seou(l)zusagen
Die Frankfurter Zeit meines koreanischen Kumpels begann irgendwann kurz nach seiner Geburt und ist im Prinzip immer noch am Laufen, wenn auch aus dem Exil, das sich in den letzten Jahren immer irgendwo in Asien befand. Von dort aus operiert er nun im Sinne seiner indigenen Indoktrination. Das heißt: Er manipuliert sein Migrations-Mantra so, dass er am Ende immer Frankfurter ist. In Bangkok, Singapur und Seoul. Das wiederum gleicht aber eher einer Art periodisch patriotischer Polarität: Je weiter ich meiner Heimat entfernt bin, desto enger möchte ich mich mit ihr verbunden fühlen und tatsächlich auch verbinden. Zumindest in ganz bestimmten Momenten.

Seoul Spells Schoppe ©Peter Starke

Seoul Spells Schoppe ©Peter Starke

Bei meinem Kumpel manifestiert sich dieses bipolare Migrations-Mantra meistens dann, wenn er sturzbesoffen ist. Seine Wahrnehmungsvernebelung lässt ihn dann immer die real existierende Zeitverschiebung vergessen. So ruft er also total besoffen und meist aus irgendeinem Taxi mitten in der Nacht aus Seoul an, während ich mit meiner Familie am Tisch sitze und zu Abend essen will. Die ersten Minuten kann ich ihm immer noch folgen, dann aber wird es schwierig. Denn plötzlich wird sein patriotisches Pendeln zu einer ausgewachsenen Persönlichkeitsstörung.

Hinzu kommt eine gute Portion spontanen Sprachwechselns: „Hey Matsch, du alter Assi! Ach, ich liebe euch, Jungs!“ 요금이 얼마예요?  Und ich frage ihn: „Was??“ Und er sabbelt: Hab grad den Taxifahrer was gefragt! Ach, Matsch, wir sind doch alles Assis! Und das nächste Mal, wenn wir uns in Frankfurt sehen, box‘ ich dich um!“ „Klaaar, du Kimchi-Kickboxer!“ Diesem Muster folgen im Prinzip 93% unserer Dialoge. Und aus verlässlichen Quellen weiß ich, dass es anderen seiner und meiner Freunde nicht anders geht. Zuweilen weint der Seoul Man auch – aus Heimweh oder aus Angst, weil er irgendwo in Ulan Bator im Hotel sitzt und sich nicht sicher ist, wie Mongolen zu Migrations-Mantras stehen.

Blüten-Bigotterie
Manchmal aber sind seine Anrufe auch weniger Alko-Aggro, sondern sanft und fast schon süß. So wurde mein koreanischer Freund vor kurzem Vater eines kleinen Mädchens. Ich überlegt schon, ihm Blumen zu schicken, einfach so, um ihn zu ärgern. Doch dann fiel mir ja ein, dass Florales in Korea mindestens doppeldeutig ist. Denn „Sag es durch die Blume“, bedeutet zumindest in Nordkorea wohl, dass man es seinem Gegenüber durch die Kimjongilia steckt. Diese Blüte der Bigotterie und Blasphemie wurde anlässlich Kim Yong-Ils 46. Geburtstag gezüchtet. Sie soll stets an seinem Geburtstag im Februar blühen – und wenn nicht, dann wird ihr sicher jedes Blatt einzeln ausgerissen und sie mit Stumpf und Stiel dem kargen koreanischen Boden entrissen, in ein Arbeitslager transplantiert und darf dort dann die restlichen Tage ihre Knospen in Kohlsuppe tunken. Sofern sie sich jedoch dem Blühdiktat unterwirft und Kim Jong-un als kranke Fruchtfolge seines noch abartigeren Vaters gehorcht, hat sie gefälligst für Liebe, Recht und Frieden zu stehen und zu blühen. Und zwar genau am 16. Februar.

Postage stamp North Korea 1967 Korean Pasque Flower ©clipdeaer 2358084

Postage stamp North Korea 1967 Korean Pasque Flower ©clipdeaer 2358084

Und wenn wir schon bei Diktatoren, blumiger Sprache und meinem koreanischen Kumpel sind: Das Koreanische als Sprache kennt den Honorativ (Höflichkeitsform). Eigentlich kennt es sogar mehrere Formen und Stufen dessen. Dem Seoul Man zufolge gilt das auch bei nonverbaler Kommunikation. Immer nämlich, wenn er früher in seinem Touri-Bus ältere koreanische Geschäftsleute begleitete, musste er mit ihnen trinken. Dabei aber musste er sich stets ein wenig abwenden und ein Alkohol-Angebot durfte er niemals ausschlagen. Auch das ist ihm zufolge eine Art Höflichkeitsform – und diese wird auch lallend verstanden. Die anderen Honorativa benutzen Koreaner entsprechend ihrem Gegenüber. Bei Kindern lässt man einfach die Verbendung weg, bei Freunden hängt man ein kleines yo an und bei anderen Respektpersonen ändert sich gar die ganze Verbform.

Noch komplizierter wird es aber, wenn man (theoretisch) die Demarkationslinie am 38. Breitengrad übertritt: In Nordkorea gibt es eine Höflichkeitsform, die einzig dem Großen Führer Kim Jong-il vorbehalten ist bzw. war. Nicht zu vergessen: Wenn man in seiner Gegenwart andere ansprach, musste man tunlichst darauf achten, ihnen keinen verbalen Respekt zu zollen und die Honorativa einfach unter den Tisch zu kehren. Würde man nämlich jemand anderen als dem Großen Irren Respekt erweisen, könnte dies als Missachtung seiner kranken Eitelkeit interpretiert und man selbst flugs inhaftiert werden.

Old Vintage Map of North Korea ©clipdealer

Old Vintage Map of North Korea ©clipdealer 10513205

Seoulige Kanak-Klangschalen und Schoppe petze im Sauerland 
Am Ende aber habe ich meinem koreanischen Freund doch keine Blumen geschickt, sondern diesen Blogpost gewidmet. Das auch deshalb, weil ich nicht weiß, ob ihn meine Blumengrüße überhaupt erreichen würden. Denn er ist ständig unterwegs – für ein deutsches Unternehmen, wohlgemerkt. Eine Firma, die Türen und Fenster verkauft. Was genau er da macht, habe ich nie so ganz verstanden. Ist aber auch egal. Schließlich ist sein Job mir gegenüber, mich immer wieder daran zu erinnern, dass auch ich mein Migrations-Mantra mit mir trage. Aus Frankfurt ins Sauerland.

Das ist jetzt nicht ganz so stylish wie Seoul, am Ende aber spielt die Destination unserer Kanak-Klangschalen keine Rolle. Und deren Echo reicht weit in andere Kulturkreise hinein. Und letztlich dreht sich wieder alles um Saufen – von Kaffee, beispielsweise. So lautet ein koreanischer Witz: Was trinkt Dracula am Morgen? Nasenbluten! Mir ist bewusst, dass dieser Schenkelklopfer noch keinen vom Hocker reißt, wenn man ihn nicht erklärt. Andererseits, so sagt man ja, sind Witze, die man erst erklären muss, nicht lustig. Oder man selbst ist zu blöd.

Ich versuche es trotzdem: Nasenbluten wird in Hangul (Koreanisches Alphabet) so geschrieben: 코피 [k’o-p’i]. Es ähnelt dem Wort für Kaffee bzw. coffee  커피  [k’ǒp’i]. Weil das Hengul kein F kennt, wird dieses üblicherweise durch ein P ersetzt. Und schon wird coffee zu kopi und damit zum Nasenbluten und es bebt der Bauch vor Lachen. Und wenn man sich verschluckt, heißt es dann geonbae, was Gesundheit und wörtlich übersetzt so viel wie „trockenes Glas“ bedeutet und klar macht, dass in Korea auch ein halb leeres Glas immer noch zu voll ist und Optimisten es gerne ganz trocken sehen.

Kurz vor meinem Sprung ins Koreanische Kabarett aber erreicht mich folgender Gram-Matt: BBC sagt, dass Koreaner das Wir dem Ich und das Unser dem Mein vorziehen, auch um nicht so egoistisch und egozentrisch zu klingen. Unser Land? Ok, da kann ich als bipolarer Periodischer Patriot ja noch einigermaßen mithalten, weil ich mich selbst immer mehr als nur einfach beheimatet verstehe. Unser Haus? Ningun problema, compadre! Mi casa es su casa! Aber unsere Mutter, unser Vater und unsere Frau? An diesem Punkt nimmt meine Destination dann doch wieder diskrete Distanz zum Kollektiv-Korea auf. Schließlich bin ich meinem Seoul Man ja schon lang und eng genug verbunden. Über Seoul, Sauerland und das Schoppe petze hinweg.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.