Sizilien liegt im All: Ein Abend mit Luca Parmitano

Sizilien liegt im All: Ein Abend mit Luca Parmitano
Sizilien liegt im All: Ein Abend mit Luca Parmitano

Eigentlich hätten die Vorzeichen für mein Vorhaben, den Vortrag von ESA-Astronaut Luca Parmitano am Landesspracheninstitut LSI der Ruhr Uni Bochum zu besuchen, nicht besser sein können. Schließlich hatte mich meine Cousine Stella auf die Veranstaltung hingewiesen und dorthin eingeladen. Zudem ist Parmitano ja quasi sternenklarer Kandidat für einen italo-deutschen Blogpost. Schließlich hat er am LSI selbst Russisch gelernt, war am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln und weilt momentan des Öfteren in Bochum, um dort Chinesisch zu lernen. Milky Way Multilanguage also und zudem aus Sizilien stammend.

So eindeutig die Perspektiven auf einen exklusiven Beitrag und interstellaren Blick auf Interkulturalität seitens eines verdienten und erfahrenen Space Migranten, so schwierig würde sich später meine Navigation durch Bochum erweisen – einer Irrfahrt durch sternenförmig angelegte Stolpersteine und Kometenhaufen gleich, nur eben in Form endloser Baustellen und kryptischer Umleitungen. Doch mein Wille war standhaft wie die kreisförmige Umlaufbahn, mit der die ISS die Erde umrundet und deswegen auch niemals landet.

Luca Parmitano_4__©K_Pyc_LSI Bochum

Luca Parmitano_4__©K_Pyc_LSI Bochum

Marsometer
Entsprechend fiel meine Vorbereitung aus, d.h. in Form einer bestimmten Neigung, meine Fragen kreisen zu lassen rund um Luca Parmitanos Verständnis von Identität, Nationalität und der Wichtigkeit, Italiener zu sein, in einer Umgebung, in der solche Kategorien angesichts der Entfernung ihres Ursprungs doch eigentlich verwischen sollten, andererseits die Enge im All (also in der ISS) wohl zu Abgrenzungen führen kann. Und sei es in Form der Fahnen, die auf den Raumhausanzügen prangern.

In weiser Voraussicht bzw. aus purem Zufall heraus, hatte ich zusätzlich meinen Blick ins intergalaktische Periskop Facebook gewendet und in den Tiefen des Streams blitze ein Video auf, das wiederum von einem Italo-Deutschen geteilt worden war. Es zeigt einen elektrisierten Dr. Robert Zubrin, der als Präsident der Mars Society enthusiastisch die Vorzüge einer Marsmission- und Kolonisierung ausführt.

Gefundenes Fressen, vor allem dann, wenn Parmitano mich wegen meiner (obligatorischen) MigrIntegrationsfragen zerfleischen wĂĽrde.

Kein Bourani und Sido in Sicht
Endlich am LSI angekommen, musste ich feststellen, dass ich das Einhalten des Akademischen Viertels auch nach gut 15 Jahren, die seit meinen letzten Tagen in stickigen Hörsälen vergangen sind, nicht verlernt hatte. Noch während der Fahrt ging mir der Tweet von EinsLive durch den Kopf: Was sagt Bourani am Geldautomaten? Ich heb ab! Na, das kann ich aber mindestens ebenso schlecht. Und schon sah ich mich in den Saal spazieren, auf Luca Parmitano zugehen und sagen: Hmm, einen Astronauten sehe ich, aber kein Bourani und Sido in Sicht!

Wahrscheinlich hätte er nicht einmal darĂĽber gelacht, wenn er Bourani und Sido kennen und vor allem Deutsch verstehen wĂĽrde. Dass er das aber nicht kann, lieĂź er gleich als Introbombe platzen. Und nach einer kurzen EinfĂĽhrung auf Italienisch ging es in Englisch weiter. Warum Menschen ĂĽberhaupt ins All fliegen, wollte Parmitano wissen. Aber eigentlich wollte er es uns sagen. Die Antwort: Science. Vielleicht war es auch silence, aber das habe ich aufgrund der ungĂĽnstigen Geräuschkulisse nicht verstehen können. Dann aber wurde klar, dass er doch science gesagt haben musste: „Science doesn’t really need any justification! The most important reason for us is exploration. What is beyond that we cannot see?“

Luca Parmitano_3__©K_Pyc_LSI Bochum

Luca Parmitano_3__©K_Pyc_LSI Bochum

Wenn Worte ĂĽbers Wasser gehen
Parmitanos Worte wurden von wirklich eindrucksvollen Bildern und einem Film voll einzigartiger Eindrücke begleitet. Besonders interessant war die Stelle, an der drei silberfarbene kleine Säulen erschienen: PWD – Portable Water Distributor. Eine mobile Wasseraufbereitungsanlage, die aus Pippi Kaffee macht. Wohlgemerkt einen Kaffee, den selbst Parmitano als Italiener 166 Tage getrunken hat. Das wiederum brachte den ersten Italiener, der einen Weltraumausstieg durchgeführt hatte, zu der Erkenntnis, dass alles Wasser, das wir trinken, irgendwann einmal das Urin eines anderen war – und sei es das eines Dinosauriers. Ewiger Wasserkreislauf, eben. „A long time ago, even San Pellegrino was one’s urin! “

Aber auch mit anderen Anekdoten legte Parmitano mittels Pointer und Pointen den Finger in die eine oder andere Wunde und sorgte für beste Stimmung. Zudem unterstrich er damit, dass Astronauten galaktisch gute Entertainer sein können. So wie beispielsweise mit kleinen Geschichten rund um Christopher John Cassidy, Mitglied von Parmitanos „Vorgängercrew“ und ein zu Scherzen aufgelegter Navy Seal. Dieser rasierte sich nämlich mitten im All seine Haarpracht mit einem Rasiermesser ab, um sich einen Glatzenlook wie den des italienischen Astronauten zu verleihen und die Bodencrew mit einer Art Perpetual-Parmitano-Cassidy-Verwirrspiel in den Wahnsinn zu treiben.

Parmitano_ILS_5 ©Marcello Buzzanca

Parmitano_ILS_5 ©Marcello Buzzanca

Auch der Hinweis, dass man bei der nächsten Sternschnuppe hinterfragen sollte, ob es sich dabei nicht um die allzu menschlichen Aussonderungen von Parmitano handeln könnte und dass Astronauten shooting starts poopen, machten aus dem Vortrag beinahe schon Stand-up-Comedy. Nur eben eine wissenschaftlich fundierte. Sätze wie „When weg go out, we perform technology!“ oder auch, dass die hochentwickelten Raumanzüge im Prinzip einsitzige Raumschiffe seien, ließen aufhorchen wie es auch zu Lachern kam, als Parmitano den russischen Sinn für Humor anschaulich erklärte. So seien die Kapseln für die Rückkehr mit einem Soft Landing System ausgestattet, doch die Landung nach fast einem halben Jahr im All holte ihn auf den harten Boden der Tatsache zurück, dass der russische Humor doch sehr eigen und eigentlich auch nur für Russen verständlich ist.

Ask the astronaut
An den Vortrag schloss sich eine ausgiebige Fragerunde an. Und Parmitano zeigte neben Humor auch eine astronomische Ausdauer, was die AusfĂĽhrlichkeit seiner Antworten und die Anzahl der Fragen anging, die er zulieĂź. Besonders wichtig war ihm darzulegen, dass Raumfahrt auch fĂĽr das Leben auf der Erde essentiell ist, was Forschungen im All und deren Anwendung auf unserem Planeten angeht. Dass diese Erfindungen keinen Stempel der NASA oder ESA tragen, dass rund 1.700 Erfindungen in 15 Jahren ISS den Alltag von uns Menschen prägen und erleichtern und dass beispielsweise das Dokument International Space Station – Benefits for Humanity die Benefits der Forschungs-Joint-Ventures privater Unternehmen und Raumfahrtorganisationen an ausgewählten Beispielen illustriert, gehörten zu diesen Aha-Effekt-Antworten.

Luca Parmitano_ILS_Bochum ©Marcello Buzzanca

Luca Parmitano_ILS_Bochum ©Marcello Buzzanca

Umso detaillierter die Fragen und entsprechenden Erläuterungen seitens Parmitanos wurden, desto weniger zuversichtlich war ich, dass mein Anliegen – ihn nach Multikulti im All zu fragen – wirklich Früchte tragen würden. Also zurück zu Plan M wie Mars, beschloss ich. Doch ich hatte die Rechnung ohne die ambitionierte japanische Frau gemacht. Die, womöglich motiviert durch die Tatsache, dass Parmitano aktuell ja Chinesisch lernt, fragte ihn Löcher in den perfekt sitzenden Raumanzug. Sogar seine Diät wollte sie haben.

Endlich war ich an der Reihe. Ob er sich denn vorstellen könnte, eine Mission zum Mars zu machen, jedoch mit One-Way-Ticket? Und falls ja, wie sähe der Italian Lifestyle dort aus? Nein, das könne er natürlich nicht und überhaupt seien da noch viele Fragen offen. Ja, er gehe davon aus, dass wir Menschen bald den Mars erreichen würden, aber wahrscheinlich nicht in dieser Generation. Und was den Lifestyle angehe, da gäbe es irgendeinen Twitter-Acccount, der den Marsrover lustig darstelle. Oder so.

SPACE - EXPO Noordwijk ©Marcello Buzzanca

SPACE – EXPO Noordwijk ©Marcello Buzzanca

Dann aber fand er zu seiner guten Form zurück, sagt, dass der größte Teil des Weltraummülls auf die ersten 30 Jahren Raumfahrt zurückgehe und dass, wenn er ein Learning aus seiner bisherigen Arbeit als Astronaut ziehen könne, es die Bereitschaft sei, jeden Tag besser in all dem zu werden, was man tut. Und sei es, 3 chinesische Vokabeln zu lernen.

Sizilien liegt im All
Ich wollte es an dieser Stelle gut sein lassen mit meinem Ausflug ins All, doch ein Satz Parmitanos ließ mich wieder hinsetzen: Er sei aus Sizilien und Sizilien ist eine Insel umgeben vom Nichts. Da habe es ja nahe gelegen, dass er auf die Raumstation im All wollte. Zudem könnte man es in Sizilien nur schwer zu etwas bringen, was bedeutet, dass man die Insel verlassen muss, um etwas zu bewegen. Ob einen Karrierewünsche und Sizilien-Verwünschungen denn gleich in den Weltraum katapultieren müssen? Es blieb eine nie gestellte und daher offene Frage, genau wie die danach, ob es denn ebenso wie bei Schornsteinfegern Glück bringen würde, seine Uniform anzufassen.

Dass ich diese Fragen nicht stellte, lag daran, dass mir weder das italienische noch englische Wort für Schornsteinfeger einfiel und ich ihn auch nicht spontan angrabschen wollte, als er sich mir mit seinem Mikrofon näherte. Schließlich ist Luca Parmitano nicht nur Astronaut, sondern auch Soldat. Und dass, was er über seinen Navy-Seal-Freund Christopher John Cassidy gesagt hatte – man solle sich nicht von dessen Lachen und Scherzen täuschen lassen, denn er könnte einen auch mit dem bloßen Blick töten – könnte ja auch auf Parmitano zutreffen.

SPACE - EXPO Noordwijk ©Marcello Buzzanca

SPACE – EXPO Noordwijk ©Marcello Buzzanca

Und wie Parmitano ja vorher ebenso erwähnt hatte, hatte sich seine Sicht oben im All um einiges verbessert. Doch genauso wie das Wachstum von bis zu 4 cm, würden sich all diese Weltraumerrungenschaften hier unten irgendwann wieder erden. Grund genug also, meine Mission am LSI zu beenden und meine hochfliegenden Erkenntnisse in meinem Blog zu bannen. Schade übrigens, dass ich bisher nicht so wirklich im All war, dafür aber bei der Space Expo in Nordwijk als erste ständige Raumfahrtausstellung Europas und das Besucherzentrum der ESA in den Niederlanden. Das allerdings hatte ich vor lauter Aufregung vergessen zu erwähnen. Schade eigentlich, wäre diese Erfahrung doch eine weitere Verbindung zwischen Parmitano und mir gewesen. Keine Frage.

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.