Sprach-Spagh(at)etti und Kartoffel-Konsonanten

Sprach-Spagh(at)etti und Kartoffel-Konsonanten
Sprach-Spagh(at)etti und Kartoffel-Konsonanten

Nein, dieser Blogbeitrag wird sich nicht im bequemen Bayern-Bashing ergießen. Schließlich hat die CSU mit ihrer Idee von „Integration durch Sprache“ ja bereits genug auf die Lederhose bekommen. Das wird sie zwar nicht daran hindern, auch weiterhin solche absurden AntrĂ€ge zu stellen, wird aber andererseits trotzdem nicht dazu fĂŒhren, dass die bajuwarischen Berserker irgendwann die Bastion Berlin erstĂŒrmen und sich ganz der Kanzler-Konspiration widmen können. Denn dafĂŒr sind sie den meisten Deutschen dann doch zu tumb.

Die CSU ist nĂ€mlich nicht nur offen auslĂ€nderskeptisch, sondern zu allem Überfluss auch noch so dumm, es nicht einmal offen zu sagen. Stattdessen verliert sie sich in nichtssagenden SchuhplattlertitĂŒden. AuslĂ€nder mĂŒssen angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen. Angehalten? Es geht doch darum, sie AUSZUWEISEN. Wenn ihr, liebe Christ-Sozialen, sie zu irgendetwas anhaltet, werdet ihr sie doch nie los! Und dann noch Europaministerin Beate Merk, die anlĂ€sslich des 7. Integrationsgipfels schreibt: „Wir wollen, dass unsere Migranten bei uns erfolgreich sind.“ Liebe Frau Merk, wieso sprechen Sie denn von UNSEREN Migranten? Sie sollten doch wissen, dass Folgendes gilt: Once you name it, you get attached to it! UNSERE Migranten – das klingt nach UNSERE Wauwaus sind stubenrein und scheißen nicht auf unseren bayrischen Weg.

WĂ€re ja auch fatal, denn dann mĂŒsste Heimatminister Markus Söder die Haufen von den Straßen beseitigen, damit sein 25-Punkte-Programm zur Entwicklung des lĂ€ndlichen Raums bis 2020 auch ohne Tretminen aufgeht. Und wohin der bis 2020 fĂŒhren soll, scheint klar: In ein Deutschland, dass von MĂŒnchen aus regiert wird – auf Deutsch, natĂŒrlich. Und das wird dann kĂŒnftig-zĂŒnftig ĂŒberall gesprochen – innerhalb, außerhalb, unter- und oberhalb privater SphĂ€ren. Locker leger im Auffanglager, im Heim am Herd ebenso wie in der heimischen Herde. Ab jetzt wird Deutsch parliert, Babo! Und wenn dir die hochdeutsche Lautverschiebung die Sprache verschlĂ€gt, wirst DU eben verschoben. Hochkant hinauskomplimentiert – das aber gerne in deiner Muttersprache. Dann verstehst du schneller, dass du hier nicht Bevenuto (willkommen) bist.

Mitigation der Motivation und verbaler Machtwechsel
Nach den hohen Wellen, die der Vorschlag der Bayern-Babas erzeugt hat, schaltete sich sofort das UN-FlĂŒchtlingshilfswerk UNHCR ein. Antonio Guterres, UN-Hochkommissar fĂŒr FlĂŒchtlinge, mahnte die reichen LĂ€nder dazu, BootsflĂŒchtlinge aufzunehmen und damit ihre Leben zu retten. Manche Regierungen aber wĂŒrden sich eher darĂŒber Gedanken machen, wie sie AuslĂ€nder weg von ihrem Territorium halten können. Auf Geheiß von höchster Stelle lenkte die CSU also ein und schwĂ€chte den Schwachsinn ein wenig ab: Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im tĂ€glichen Leben Deutsch zu sprechen.

Sprachgesteuerte Zensi. © CRN

Sprachgesteuerte Zensi. © CRN

Volker Beck, innenpolitischer Sprecher BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen, frohlockte sogleich und gab den Christ-Soziopathen noch einen Klapps auf die Schulter mit: „Die Debatte war kein Beitrag zur Integrationspolitik in Deutschland, ihr Ergebnis aber ein Beitrag zur Integration der CSU in das Einwanderungsland Deutschland.“ Gut, also ist die CSU nun zwangsintegriert und es bleibt zu hoffen, dass sie kĂŒnftig „ihre richtigen Erkenntnisse fĂŒr eine sinnvolle Integrationspolitik nutzt, wenn es ihr um die Integration und nicht um Stammtischparolen geht“. Das schiebt Volker Beck noch nach – in mein Postfach in Form einer Pressemeldung und mit einem Rechtschreibfehler. Den habe ich bereits korrigiert und auch sonst die Korrelation von uns Kanaken mit dem sozialen Corpus Christi vorangetrieben.

DafĂŒr habe ich mich ein wenig umgesehen, um die „funktionelle Wechselbeziehung zwischen verschiedenen Körperorganen“, also zwischen CSU und uns AuslĂ€ndern, wieder ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen. Heißt: Wir als GlĂ€serspĂŒler und sie am Stammtisch. Meine Recherchen fĂŒhrten mich zunĂ€chst ins Tierreich, und zwar zu den Ameisen. Diese armen Dummen lassen sich ebenso leicht tĂ€uschen wie deutsche Steuerzahler. Aber Gott sei Dank passe ich auf. So existiert im Tierreich ein 1:1 Abbild der Sozialsystem-FlĂŒchtlinge, der Sozialparasitismus. Italienischen Forschern zufolge gibt es beispielsweise gut 10.000 Insektenarten, die sich in Ameisennester schmuggeln, die Töne und GerĂŒche der Königin imitieren, sich von den nichts ahnenden Ameisen-Arbeiterinnen durchfĂŒttern lassen, um sich beim Entpuppen dann schnell aus dem Staub zu machen.

Mitunter stibitzen diese Parasiten sogar die Brut der Ameisen und wenn die Schmarotzer so richtig Kohldampf schieben, mĂŒssen Ameisenlarven manchmal gar verhungern. Die Turiner Biologin Francesca Barbero ist hin und weg von den perfiden Parasiten. Sie verspricht sich von einer weiteren Erforschung der akustischen und chemischen Kommunikation sogar ein noch besseres VerstĂ€ndnis der komplexen Mechanismen, die die Basis der Entwicklung der Wirt-Parasit-Beziehung sind und diese begĂŒnstigen.

Wir sprechen Deutsch - und zwar ĂŒberall ©clipdealer_2197393

Wir sprechen Deutsch – und zwar ĂŒberall ©clipdealer_2197393

Was die Erforschung der Evolution der Stammtischparolen angeht, mĂŒsste man also eher Bierzelt-Biologen ans Werk lassen, auf dass diese untersuchen können, warum die Chemie zwischen dem alienus communis, dem gemeinen AuslĂ€nder, und dem bavarius baiulus, dem bayrischen LasttrĂ€ger, so nachhaltig gestört scheint. Um das herauszufinden, mĂŒsste man wohl tatsĂ€chlich an die Wurzel des Übels der MissverstĂ€ndnisse gehen. Auf italienischer Seite liegt diese offen. Bava bedeutet unter anderem Geifer, Schaum oder Schleim. Bavarese hingegen steht fĂŒr alles Bayrische. Also denkt sich der Italiener: Alle Bayern sind chronisch sauer oder hungrig, weil sie immer die bava alla bocca haben (also vor Wut schĂ€umen oder ihnen das Wasser im Munde zusammenlĂ€uft).

Der Cortana-Konter
Wem aber die Biologie nicht zusagt, kann sich gerne auch der ITK zuwenden. Denn auch im Bereich der Internettechnologien und der modernen Kommunikation findet er formidable Vorreiter, was die UnterstĂŒtzung der Forderung der CSU angeht. Nehmen wir beispielsweise Cortana. Sie ist die virtuelle Sprachassistentin von Microsoft und will den Zickenkrieg gegen ihre Apple-Rivalen Siris natĂŒrlich fĂŒr sich entscheiden. Also spricht sie ab sofort auch Deutsch, wenn momentan auch nur als Alpha-Version und auch nur auf allen Smartphones, die mindestens mit Windows Phone 8.1 als Betriebssystem ausgestattet sind. Alle anderen sprechen demnach immer noch in die Röhre, wenn sie deutsche Antworten von einem US-Betriebssystem wollen, das wahrscheinlich auf einem finnischen Smartphone installiert und irgendwo in Asien assembled wurde.

Wie finden wir das denn? Futuristisch, natĂŒrlich, so wie das Wearable „Onyx“ der US-Firma OnBeep. Dieses Gadget kommt als Klemmkopf daher und verbindet sich per Bluetooth auch von jedem Blaumann aus mit dem eigenen Smartphone. Und dann kann man wie Kirk kommunizieren und dem Vulkaniern unter uns das verbale PatschehĂ€ndchen reichen. Egal, in welcher Sprache. Das nenne ich kostenbewusste Kommunikation ohne Grenzen und Freisprechen fĂŒr Fortgeschrittene.

Der Kartoffel-Puffer
Fortfahren mit dem AuslĂ€nder-Raus-Remmidemmi sollte man den Autoren Matthias Thieme und Pitt von Bebenburg zufolge besser nicht. In ihrem Buch: „Deutschland ohne AuslĂ€nder. Ein Szenario“ beschreiben sie, wie es wohl wĂ€re, wenn ĂŒber sieben Millionen Menschen plötzlich weg wĂ€ren. Leer wĂ€re es – und still. Die beiden Journalisten lassen in ihrem Gedankenexperiment die AuslĂ€nder fahren. Warum das gerade an einem Juli-Wochenende passiert, habe ich nicht ganz verstanden, aber ansonsten sind ihre entworfenen Szenarien gar nicht mal so realitĂ€tsfremd. Schließlich sind ja viele mit Überfremdung ĂŒberfordert und gehen deshalb in den Untergrund, bevor sie auf die Barrikaden steigen oder lebenslang und uneinsichtig einsitzen.

von Bebenburg/Thieme: Deutschland ohne AuslĂ€nder ©Redline Verlag MĂŒnchen

von Bebenburg/Thieme: Deutschland ohne AuslĂ€nder ©Redline Verlag MĂŒnchen

Matthias Thieme und Pitt von Bebenburg jedenfalls skizzieren wie es wĂ€re, wenn deutsche FlĂ€chenstaaten von jetzt auf Juli ĂŒber 10 Prozent ihrer Einwohner verlören und wie GroßstĂ€dte wie Frankfurt aber auch Metropolen im CSU-Machtbereich wie MĂŒnchen, NĂŒrnberg und Augsburg auf gut ein Viertel ihrer Bewohner verzichten wĂŒrden.

Weitere Zahlen, die in „Deutschland ohne AuslĂ€nder. Ein Szenario“ genannt werden und die der Stern online auch fĂŒr AuslĂ€nder-Analphabeten ĂŒbersichtlich in einer Fotostrecke aufbereitet hat, lassen uns Migranten das mediterrane Blut in den Adern gefrieren:

  1. Bund, LĂ€ndern und Gemeinden mĂŒssten ohne AuslĂ€nder auf gut 50 Milliarden Euro Steuergelder verzichten und das BIP wĂŒrde um 8 Prozent abnehmen.
  2. Die Katholische Kirche wĂŒrde mit leeren Kassen und in leeren GotteshĂ€usern predigen. Das wiederum könnte mich fast dazu verleiten, der Migranten-Karawane zuzustimmen.
  3. 15.000 AuslĂ€nder, die als KĂŒnstler angestellt sind, mĂŒssten sich eine neue BĂŒhne suchen. Ich hoffe, dass BĂŒlent Ceylan und Kaja Yanar dabei wĂ€ren und ich bin sicher, dass man bei Mario Barth und Cindy aus Marzahn bestimmt irgendwelche auslĂ€ndischen Wurzeln findet, wenn man nur tief genug grĂ€bt.
  4. Rund 10 Prozent der Studierenden und Uni-Profs mĂŒssten gehen. Ok, bei den Uni-Profs wĂŒrde das Fehlen kaum auffallen.
  5. Fast 800.000 BeschĂ€ftigte in der Automobilindustrie – und zwar von der Fertigungshalle bis in die Chefetage – mĂŒssten sich in ihre Wagen setzen und Almanya Arrivederci sagen bzw. es von ihrem Chauffeur sagen lassen.
  6. In Pflegeheimen und bei Pflegediensten mĂŒsste man mit zwischen 11 und 15 Prozent weniger Belegschaft rechnen. Andererseits: Was ist die Steigerung von chronischer Unterbesetzung, wie sie ja sowieso schon herrscht?

Am Ende aber stimmt mich eine Zahl optimistisch darĂŒber, dass Deutschland niemals ohne AuslĂ€nder auskĂ€me – und die Bayern schon gar nicht: Der Kader des FC Bayern MĂŒnchen besteht faktisch aus 90 Prozent aus Nicht-Deutschen, also vornehmlich aus Spaniern, Brasilianern und Bayern. Spieler wie Götze und Neuer sollten sich in ihrer fußballerischen (R)uhrheimat sowieso nicht mehr sehen lassen und sind damit volens nolens auch Migranten der Sorte „Bye bye nach Bayern und lass dich hier nie wieder blicken!“ DarĂŒber kann CoƟkun TaƟ nur milde lĂ€cheln. Als erster tĂŒrkischer Vertragsspieler in Deutschland durfte er im Pokalfinale 1960 nicht fĂŒr den 1. FC Köln an- und gegen den Ball treten. Schließlich war es ja ein deutsches Endspiel.

Da wĂŒrde der Trap jetzt sagen: Was erlaube Deutsche Fuseball? Isch habe fertik hier! In diesem Sinne schließt sich der Mittelkreis, auch um die sprachlichen BlutgrĂ€tschen der CSU herum. Das Schlusswort dazu hat der Fußballpionier Walther Bensemann. Der deutsche Jude war Mann der ersten Stunde im DFB und GrĂŒnder des „Kicker“. Er floh 1933 ins Schweizer Exil, starb ein Jahr darauf und hinterließ mit dem „Kicker“ das im Grunde erste interkulturelle und interreligiöse Integrationsmagazin: „Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen

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Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.