StÀndig diese Studien

StÀndig diese Studien
StÀndig diese Studien

Effizienz ist alles – und am besten in Echtzeit. Das gilt vor allem fĂŒr die Berichterstattung, die die Zeit ja auch nicht geklaut, geborgen oder verpfĂ€ndet hat. Oder geliehen. Umso eiliger haben wir es, wenn mal wieder die Stunde der Studien geschlagen hat – im gefĂŒhlten Minutentakt. Dann prasseln die Ergebnisse akribischer Erhebungen oder empirischer Empörungsberichte auf den Screen ein und wir mĂŒssen das Konzentrat aus all den Kennzahlen und Erkenntnisse heraussaugen.

Top 20 Social Progress Index 2017 ©Bloomberg

Da wir aber zwei HĂ€nde haben, können wir ja in je eine die entsprechende StudiensĂŒĂŸfrucht nehmen, krĂ€ftig drĂŒcken, quetschen und den Extrakt in ein Glas kippen. Am Ende fließt doch sowieso alles in eine Kehle und stillt den Wissensdurst. Und genau so gehe ich jetzt vor. In die linke Hand nehme ich – sagen wir – den 2017 Social Progress Index. Ich Presse ganz fest und kippe die Essenz der animierten Grafiken in ein Glas. Ich bekomme heraus: Deutschland ist ein grĂŒnes Land, weil die Stufe des Social Progress very high ist. GrĂŒner als die Buntesrepublik sind nur wenige LĂ€nder der Welt, also genauer gesagt 11. Zu diesen zĂ€hlen natĂŒrlich die Streber aus Skandinavien, die Schweizer, die Trudeaus, unsere Nachbarn aus den Niederlanden und die Brexitanier.

Die Inklusion des Tierreichs
Geht man aber eine Analyse tiefer und schaut sich die drei Social Progress Index-Indikatoren samt Unterkategorien genauer an, ist Deutschland hier und da sogar Top of the World. Das gilt beispielsweise fĂŒr ElektrizitĂ€t, MobilfunkvertrĂ€ge und fĂŒr den Schutz der BiodiversitĂ€t und des Habitats (von Tieren).

Im Sinne des Schutzes anderer DiversitĂ€ten und natĂŒrlicher LebensrĂ€ume von (sagen wir) Andersliebenden, Anderslebenden, AuslĂ€ndern und Minarett-MinoritĂ€ten, wird es jedoch dunkel in Deutschland. Da steht die Republik im Herzen des Abendlandes nĂ€mlich nur auf Platz 17.

Italien seinerseits rangiert auf Platz 28, hatte trotz Holzkohlepizzaofen in jeder guten Stube auf dem Stiefel, bisher Null TodesfĂ€lle, die durch hĂ€usliche Luftverschmutzung verursacht worden wĂ€ren. ElektrizitĂ€t gibt es in Italien scheinbar auch genĂŒgend, MobilfunkvertrĂ€ge sind ebenso top, aber wenn es um Toleranz und Inklusion geht, zeigen meine LandsmĂ€nner- und -frauen wohl lieber auf Uscita (also Ausgang) statt auf Entrata (Eingang). Umweltschutztechnisch hinken sie den Tedeschi sowieso hinterher.

Aus(senge)lÀnder in deutschen Wohnungen
Ich denke, das reicht zunĂ€chst als Wissenssaft. Mehr möchte ich aus dem Studienfutter auch nicht herausdrĂŒcken. Schließlich bleibt ja noch die andere Hand. Und in der befindet sich ein Experiment der Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks und des SPIEGEL. Die nĂ€mlich wollten wissen, ob Menschen mit auslĂ€ndischen Merkmalen bei der Wohnungssuche gegenĂŒber deutschen Bewerberinnen und Bewerbern diskriminiert werden.

Oder aber, sie wussten schon, dass Ismail schlechtere Karten als Hanna hat, und wollten das nur nochmals mit Fakten unterstreichen. Ist ihnen in jedem Fall und so oder so gut gelungen. Die Essenz des Experiments: Du bekommst eher eine Wohnung, wenn Du ein verlotterter deutscher Langzeitstudent bist als wenn Du eben Bildungsaraber oder KarrieretĂŒrke bist. Als Pole hast Du zwar bessere Karte als Araber oder TĂŒrken, dafĂŒr aber auch schlechtere als Italiener.

Hanna und Ismail©BR_Spiegel

Hanna und Ismail©BR_Spiegel

Das aber gilt scheinbar nur fĂŒr westdeutsche Metropolen. In ostdeutschen StĂ€dten wie Magdeburg und Leipzig wiederum haben AuslĂ€nder grĂ¶ĂŸere Chancen, eine Wohnung trotz ihres Makels zu besichtigen. Heißt: Man wĂŒsste jetzt versuchen, all diese AuslĂ€nder in den Osten zu bringen, dann wĂ€re der Chancenunterschied zwischen deutschen und auslĂ€ndischen Bewerbern in Durchschnitt sehr viel geringer und wĂŒrde im selben Maße abnehmen, wie die WĂ€hlerstimmen fĂŒr die AfD zunĂ€hmen.

Und wohin jetzt mit dem Plattschwanzgecko?
Nach all diesen Erkenntnisse gilt es jetzt schließlich, die Transferleistung zu bringen und die Ergebnisse beider Studien in ein einprĂ€gsames Bild einfließen zu lassen: Wenn ein Uroplatus guentheri (also ein Plattschwanzgecko von GĂŒnthers Gnaden aus Madagaskar) sich in Deutschland um eine Wohnung bewerben wĂŒrde, steckten die Vermieter in einem ziemlichen Dilemma. Einerseits wollen sie ja Klassenbeste bleiben, was den Schutz der BiodiversitĂ€t und des natĂŒrlichen Lebensraums angeht, und können den Gecko also nicht einfach auf der Straße sitzen lassen, da er ja auf der Roten Liste der Bedrohten Tierarten der IUCN steht.

Andererseits mögen weder deutsche noch auslĂ€ndische Vermieter oder Makler diese auslĂ€ndisch aussehenden und orientalisch schimmernden MigrationshintergrĂŒnde, weil sie fĂŒrchten, dass die ihnen ihre Wohnungen mit Migrationswandtapeten verschandeln. Oder Schafe auf dem Balkon schĂ€chten, gestohlene Autos in der Tiefgarage des Mietshauses tunen, einen Pizzaofen oder einen Eiswagen auf den Hof stellen und genau zwischen 13 und 15 Uhr ganz laut GELATI und Wehr hatte den Nuhmer funf mitte dopel Kase? rufen.

©clipdealer/14040001

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Was also tun? Den Plattschwanzgecko abschieben, wo er doch zu Hause verfolgt wird und es sogar auf Madagaskar Djihadisten gibt? Geht leider nicht. Ihm eine Wohnung geben? Ja, aber was ist dann mit den anderen bedrohten Tierarten auf der Roten Liste? Wenn man den Plattschwanzgecko einem Iberischen Luchs oder gar einem Koboldmaki bei der Vergabe des sowieso schon rar gesĂ€ten Wohnraums vorzieht, ist das Geschrei nach der Antirassismusrichtlinie wieder groß. Am Ende mĂŒssen sie also alle draußen gehalten werden, schließlich ist DiversitĂ€t da am schönsten, wo sie keinen stört, nicht zu Inklusion und Integration zwingt und einfach nur aus der Ferne bunt schillert.

 

About the author

Marcello Buzzanca ist freier Texter, Redakteur, Blogger und Autor.